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Donnerstag, 19. Oktober 2017, Ausgabe Nr. 42

Donnerstag, 19. Oktober 2017, Ausgabe Nr. 42

Meinung

Die Welt wird dematerialisiert

Von Martin Ciupek | 1. Dezember 2016 | Ausgabe 48

Durch Digitalisierung werden die Märkte für Produktionsunternehmen laut dem digitalen Vordenker Karl-Heinz Land deutlich kleiner.

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Foto: Neuland

Die Digitale Transformation treibt Karl-Heinz Land um. Er glaubt, dass alles was sich automatisieren lässt, auch automatisiert wird.

VDI nachrichten: Herr Land, Sie behaupten: Digitalisierung führt zu Dematerialisierung! Was macht sie da so sicher?

Land: Schauen Sie sich nur die Musikbranche an. Am Anfang war die Schallplatte, dann folgte die digitale Musik – zunächst auf einer kleineren Scheibe, der CD. Längst kann Musik als Datei aus dem Internet heruntergeladen werden. Wem das zu aufwendig ist, der kann sich seine Lieblingsmusik einfach von einem Streamingdienst im Internet abspielen lassen. Weder ein physisches Produkt noch eine Datei wechseln dabei ihren Besitzer.

Zur Person

Das ist ein Beispiel aus dem Konsumgüterbereich. Welchen Einfluss hat das auf klassische Industriebranchen?

Das Prinzip lässt sich auf andere Bereiche übertragen. Die US-Firma Uber macht das z. B. als Mobilitätsdienstleister vor. Klassische Automobilhersteller sind heute nur noch Konfektionäre. Sie bauen Fahrzeuge aus Komponenten, die sie von Zulieferern bekommen, nach Kundenwunsch zusammen.

Wie Uber zeigt, ist manchen Menschen der Besitz eines eigenen Autos nicht mehr so wichtig. Sie wollen Mobilität. Deshalb ist es wichtig zu erkennen: Das Internet ist ein Netz. Es erlaubt ganz andere Formen der Zusammenarbeit und des Teilens.

Welchen Einfluss hat das auf das Geschäft eines Maschinenbauunternehmens?

Es wirkt sich indirekt aus. Wenn Autos geteilt werden, um sie besser zu nutzen und damit Ressourcen zu sparen, dann werden auch weniger Maschinen für deren Produktion benötigt.

Das ist übrigens nicht nur in der Automobilindustrie so. Nehmen Sie das Flugticket. Wenn Sie das auf dem Smartphone haben, dann brauchen Sie keinen Papierausdruck mehr und auch keinen Drucker. Es werden keine Papiermaschinen benötigt. Da auch keine Drucker und Toner dafür gebraucht werden, fallen die Maschinen für deren Produktion ebenfalls weg.

Die Vernetzung und der Trend zum Teilen – die Shareconomy – wirbeln also einiges durcheinander.

Die Vernetzung ist sicher das Eine. Auf der anderen Seite stehen die Menschen, die sehr träge sein können.

Das ist nur teilweise richtig. Es gibt die Gruppe von jungen Menschen, die um den Jahrtausendwechsel geboren wurden. In den USA nennt man sie Millennials. Weil diese Menschen erkennen, dass die Ressourcen auf der Welt endlich sind, teilen sie sich Produkte wie Autos, Werkzeuge und auch Wohnungen. Mit dieser Haltung gelten sie dort als Konsumverweigerer. Ihnen geht es darum Ressourcen besser zu verteilen und die Welt fairer zu gestalten. Damit wollen sie lokalen und globalen Verteilungskämpfen entgegenwirken. Dass es solche Probleme bereits gibt, lässt sich nicht mehr leugnen.

Vernetzung und Plattformen können die Welt also grundsätzlich besser machen?

So ist es. Vor dem Hintergrund der stetig wachsenden Weltbevölkerung ist es zwingend notwendig, die Ressourcen ausgewogener zu verteilen. Die Digitalisierung kann uns dabei helfen. Sonst werden die Reichen ihre Mauern irgendwann nicht mehr hoch genug bauen können, um sich dem Ansturm der sozial Benachteiligten erwehren zu können.

Die Sache hat nur einen Haken. Während viele Menschen scheinbar bereit sind zu teilen, bauen Konzerne wie Facebook und Google ihre Machtposition stetig aus.

Das stimmt. Das müssen wir besser hinbekommen. Die Transparenz wird hierbei helfen. Sehen Sie nur die beginnende Diskussion zu Steueroasen und Unternehmen wie Apple, Facebook etc. Die Menschen werden die Ungleichbehandlung auf Dauer nicht akzeptieren.

Zurück zur Industrie. Selbst wenn weniger produziert wird, werden Maschinen nicht komplett überflüssig. Was bedeutet das für die Zukunft eines klassischen Maschinenbauunternehmens?

Das bedeutet erst einmal, dass sein Markt künftig deutlich kleiner wird.

Wie kann ein Maschinenbauunternehmen das kompensieren?

Indem es Dienstleistungen zu seinen Produkten anbietet und virtuelle Maschinen verkauft!

Allein mit Daten bohren Sie keine Löcher. Und wie lässt sich eine virtuelle Maschine verkaufen?

Das lässt sich am Beispiel eines Aufzugherstellers verdeutlichen. In großen Wolkenkratzern sind oft 120 bis 150 Aufzüge im Einsatz. Durch die Positionsdaten aus den Smartphones der Bewohner bzw. Büroangestellten kann besser geplant werden, wann und wo es Engpässe geben könnte. Durch eine bessere Planung werden dann z. B. nur noch 100 Aufzüge benötigt, abgerechnet werden aber z. B. 108.

Der Kunde ist also bereit, acht Aufzüge zu bezahlen, die nie gebaut werden?

Das ist richtig. Und er zahlt auch noch die Wartungskosten für 108 Aufzüge. Trotzdem rechnet sich das Modell, weil die Instandhaltungskosten mit jedem nicht gebauten Aufzug sinken. Dazu kommt, dass Aufzugschächte wegfallen, also mehr nutzbarer Raum im Gebäude zur Verfügung steht.

Vernetzte Maschinen vereinfachen die Fernwartung und Diagnose. Im Moment haben die Unternehmen dabei fast ausschließlich ihre eigenen Maschinen im Blick. Reicht das?

Mit der Plattformökonomie ändert sich das gerade. Es kann Sinn machen, auch Produkte anderer Hersteller in die eigene Serviceplattform aufzunehmen. Wenn Sie Produkte von Mitbewerbern warten, dann erkennen Sie als erstes, wenn das Produkt ausgetauscht werden muss. Das ist also ein Wettbewerbsvorteil.

Produktbegleitende Dienstleistungen werden also wichtiger?

Marktforscher wie Gartner gehen davon aus, dass 80 % des Umsatzes bis zum Jahr 2025 nicht mehr mit Produkten, sondern mit Services erwirtschaftet werden.

Was ist für sie die logische Konsequenz aus diesen Entwicklungen?

Alles was sich digitalisieren lässt, wird digitalisiert. Alles was sich vernetzen lässt, wird vernetzt. Und in der Folge gilt: Alles was sich automatisieren lässt, wird auch automatisiert.

Letzteres betrifft allerdings auch viele Arbeitsplätze. Wie lässt sich ein gesellschaftliches Ungleichgewicht verhindern?

Dafür sehe ich nur eine Lösung: Ein bedingungsloses Grundeinkommen, welches durch eine Transaktionssteuer finanziert wird. Es darf nicht sein, dass die menschliche Arbeit benachteiligt wird. Wenn z. B. ein Haushaltsroboter eine Haushaltshilfe ersetzt, dann muss dafür eine Steuer gezahlt werden.

Es ist aber falsch, Arbeitsplatzverluste an Robotern fest zu machen. Viel mehr Arbeitsplätze werden durch die Automatisierung von Dienstleistungen, in Büros und der Verwaltung wegfallen. In 15 bis 20 Jahren ist entweder jeder zweite Mensch arbeitsfrei oder der Großteil der Menschen wird nur noch 20 Stunden pro Woche arbeiten.

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