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Donnerstag, 16. November 2017, Ausgabe Nr. 46

Donnerstag, 16. November 2017, Ausgabe Nr. 46

Chemie

„Eine Revolution auf dem PVC-Markt“

Von Bettina Reckter | 13. Juli 2017 | Ausgabe 28

Bei AkzoNobel wird Nachhaltigkeit großgeschrieben. Thierry Vanlancker, im Vorstand für Spezialchemikalien zuständig, ist überzeugt, dass dies der einzige Weg zu mehr Wachstum ist.

S5 BU
Foto: AkzoNobel

Am Chemiestandort Rotterdam wird aus hochreinem Salz mithilfe der Chlor-Alkali-Elektrolyse Chlor, Wasserstoff und Natronlauge hergestellt.

VDI nachrichten: 90 % aller Chemieprodukte basieren auf Erdöl. Wenn die Ölreserven zur Neige gehen, könnten Chemieunternehmen in absehbarer Zeit ihre Produktion aus nachwachsenden Rohstoffen bestreiten?

Thierry Vanlancker: Unser Produktportfolio erlaubt uns vielleicht eher als vielen anderen Chemieunternehmen eine Abkehr vom Erdöl. In der Spezialchemikaliensparte sind wir nur in geringem Maße vom Öl abhängig. Und bei der Elektrochemie, die ja an und für sich eher energieintensiv ist, setzen wir weitgehend auf erneuerbare Energien. Bleibt also der Bereich Lacke und Farben. Aber auch hier geht der Trend ganz klar weg von den ölbasierten Lösemitteln hin zu Produkten auf Wasserbasis.

Thierry Vanlancker

Sie könnten also relativ leicht auf pflanzliche Rohstoffe umstellen?

AkzoNobel

Wir sind nur in verhältnismäßig geringem Umfang vom Erdöl abhängig. In der Chemieproduktion setzen wir viele andere Rohstoffe wie Salze oder Talg ein.

Wie hoch ist bei Ihnen derzeit der Anteil an Produkten aus nachwachsenden Rohstoffen?

Wir arbeiten kontinuierlich daran, den Anteil an Produkten aus pflanzlichen Rohstoffen zu erhöhen. Dazu verfolgen wir unterschiedliche Initiativen mit biobasierten Materialien, zum Beispiel mit Holz und Mais. Ein weiteres Beispiel ist unsere Kooperation mit der Firma Photanol in Amsterdam zum Thema Fotosynthese. Ziel ist es dabei, mithilfe von Bakterien und Sonnenlicht Kohlendioxid in nützliche chemische Substanzen wie Essigsäure oder Butanol umzuwandeln.

Bei all diesen Aktivitäten ergänzen wir eigene Innovationen gerne mit denen von externen Partnern. Ein aktuelles Beispiel ist unser globaler Start-up-Wettbewerb Imagine Chemistry: Unter den mehr als 200 Einsendungen gab es gerade auch zu diesem Thema gute Ideen.

Klingt gut, das gilt aber sicher nicht für die gesamte Chemiebranche, oder?

Nein, ich bin unter anderem im Cefic, dem Verband der europäischen Chemieindustrie, zuständig für den Bereich Nachhaltigkeit und dort diskutieren wir seit Jahren die Frage, wie schnell die Branche auf Biomasse umstellen könnte. Eine Chemiewende liegt wohl noch in weiter Ferne. Für die meisten Chemieunternehmen ist es also wesentlich schwieriger als für uns.

Woran liegt das?

Nehmen Sie zum Beispiel Polyethylen, der weltweit wohl mit Abstand am häufigsten verwendete Kunststoff überhaupt. Diesen aus Ethylen herzustellen, das nicht aus Erdöl stammt, ist eine echte Herausforderung, die uns noch einige Jahre beschäftigen wird.

Im Pilotmaßstab gelingt das doch bereits.

Das stimmt. Aber großtechnisch eben noch nicht. Die Menge ist hier eindeutig der limitierende Faktor.

Knackpunkt bleiben also die Basischemikalien?

Ja. Wir engagieren uns zum Beispiel stark in einem niederländischen Projekt für „Waste to Chemicals“, das sich mit der Umwandlung von Abfällen in Methanol befasst. Methanol ist eine der meist hergestellten organischen Chemikalien. Semiindustriell gelingt der neue Ansatz schon recht gut, aber noch nicht im Großmaßstab. Trotzdem bin ich der Meinung, dass AkzoNobel mit seiner Nachhaltigkeitsphilosophie schon recht weit gekommen ist auf dem Pfad weg vom Öl.

Was unterscheidet diese Nachhaltigkeitsphilosophie von den Aktivitäten anderer Unternehmen?

Sehen Sie, es geht ja nicht nur darum, nachhaltigere Produkte herzustellen. Es geht auch darum, neue Wege zu finden, um Dinge zu tun. Deshalb haben wir eine eigene Ökoeffizienzstrategie entwickelt. Wir versuchen fortwährend, unsere Auswirkungen auf die Umwelt und ihre Ressourcen zu minimieren. Dabei konzentrieren wir uns auf Rohstoffeffizienz, auf Energie und Klima, Wasserverbrauch und auf die Reinhaltung der Umwelt. Mit dem Ansatz „Planet Possible“ haben wir eine Art Label für unsere Nachhaltigkeitsaktivitäten entwickelt.

Es reicht aber nicht, der Welt ein weiteres Ökosiegel aufzukleben.

Nein, bestimmt nicht. Aber wir sind davon überzeugt, dass die Entwicklung nachhaltiger, innovativer Lösungen, die unseren Kunden Nutzen bringen, der einzige Weg zum Wachstum ist. Deshalb bieten wir Ökopremium-Lösungen an. Dies sind hochwertige Produkte zu wettbewerbsfähigen Preisen, die die Umwelt mehr schützen als die entsprechenden Massenprodukte. Diese Ökoeffizienz kann sich an jeder Stelle des Lebenszyklus eines Produkts zeigen – von der Gewinnung der Rohstoffe über die Herstellung bis zum Endzweck und der endgültigen Entsorgung.

Und die Kunden sind bereit, dafür zu zahlen?

Es muss gar nicht mal teurer werden. Das ist die eigentliche Herausforderung für uns. Aber unsere Großkunden sind stark daran interessiert, ihre CO2-Bilanz möglichst niedrig zu halten. Das kann also Ansporn für uns sein, ökologisch verträglichere Produkte anzubieten.

Haben Sie dafür spezielle Technologien entwickeln müssen?

Eigentlich nicht. Es ist eher eine Mentalitätsfrage. Wenn ein neues Produkt bei AkzoNobel entwickelt wird, spielt die Frage der Nachhaltigkeit von vornherein mit. Fällt die Antwort hier negativ aus, geht es direkt zurück zum Entwickler.

Es sind vielleicht nicht die großen Blockbuster, sondern eher Innovationen bei Materialien, die schon lange im Markt sind, die wir aber künftig nachhaltiger herstellen können. Für eine Menge Produkte spielen biobasierte Rohstoffe eine große Rolle.

Und wenn man auf die Sparte Spezialchemie schaut?

Wir sind weltweit führend bei der Produktion von Substanzen, die die Polymerisation von Kunststoffen überhaupt erst anstoßen. Diese sogenannten „Initiatoren“ sind höchst anspruchsvolle Materialien, sie werden aber nur in geringen Mengen eingesetzt. Chemisch betrachtet, handelt es sich dabei um organische Peroxide.

Was ist das Besondere daran?

Die Peroxide sorgen dafür, dass sich die Monomere zu Polymeren vernetzen – also Vinylchlorid zu Polyvinylchlorid (PVC). Weltweit werden rund 35 Mio. t PVC pro Jahr produziert. Der Herstellungsprozess ist heikel. Dabei entsteht enorme Wärme, die Produktion muss also gekühlt werden. Aber der Prozess lässt sich nur schwer kontrollieren. Wir haben nun mit dem Continuous Initiators Dosing eine Technologie entwickelt, mit der wir die Produktion von PVC kontinuierlich regulieren können. Die Ausbeute lässt sich so um 20 % bis 30 % steigern. Das ist schon eine kleine Revolution auf dem PVC-Markt.

Gut, das hilft der Umwelt natürlich. Aber für ein nachhaltiges Wirtschaften reicht das nicht.

In Deutschland nehmen wir schon eine führende Rolle bei der Schaffung einer nachhaltigen Zukunft ein. Dafür haben wir uns allerdings auch wirklich hohe Ziele gesteckt. Bis 2050 wollen wir als Konzern CO2-neutral sein. Und im Chemiebereich wollen wir zu 100 % erneuerbare Energien nutzen. Und wir haben erst kürzlich rund 250 Mio. € in nachhaltige Technologien gesteckt, zum Beispiel in die Umstellung der Chlor-Alkali-Elektrolyse auf das Membranverfahren. Trotz Kapazitätssteigerung verbraucht die neue Anlage rund 30 % weniger Energie pro Tonne hergestellter Produkte.

Außerdem weiten wir unser Engagement für die Weltmeere aus und sind offizieller Partner von The Ocean Cleanup. Das weltweit einzigartige Projekt setzt sich dafür ein, die Meere von Plastikmüll zu befreien. Sie sehen, wir forschen intensiv nach neuen Quellen für biobasierte Produkte und suchen nach richtungweisenden Ideen für die Kreislaufwirtschaft. Denn wir sind wirklich überzeugt, dass nachhaltige Chemie die Welt besser machen kann.Seiten 20 bis 22

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