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Donnerstag, 19. Oktober 2017, Ausgabe Nr. 42

Donnerstag, 19. Oktober 2017, Ausgabe Nr. 42

Wirtschaft

„Erhöhung des Renteneintrittsalters schmackhaft machen“

Von Dieter W. Heumann | 12. Oktober 2017 | Ausgabe 41

Im Gutachten der Wirtschaftsinstitute und im Interview fordert Ferdinand Fichtner, Konjunkturexperte des DIW, eine Rentenreform.

BU_Fichtner
Foto: [M] action press/Andreas Teich/VDIn

Von der Bundesregierung erwartet Ferdinand Fichtner, dass sie den aktuellen wirtschaftlichen Aufschwung nutzt, um nötige Reformen anzugehen.

VDI NACHRICHTEN: In Ihrem Herbstgutachten erwarten die fünf führenden deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute 1,9 % Wachstum für dieses Jahr und 2 % für 2018. Sind darin auch die Ersten wirtschaftliche Folgen des Brexits eingerechnet?

Fichtner: Bezüglich des Brexits unterstellen wir, dass bis März 2019 – wenn Großbritannien aus der EU austreten muss – eine Übergangslösung vereinbart wird, die zulässt, dass Großbritannien und die EU noch weiter verhandeln können. Die Auswirkungen des Brexit sind dann im Prognosezeitraum begrenzt. Natürlich schlägt sich die Planungsunsicherheit der Unternehmen – bereits jetzt – in etwas schwächeren Investitionen nieder. Aufgrund des geringeren Wachstums der britischen Wirtschaft beobachten wir auch, dass die britischen Importe und damit die deutschen Exporte auf die Insel bereits gedämpfter verlaufen.

Ferdinand Fichtner

Und die populistische Handelspolitik der USA?

Gemeinschaftsdiagnose der Wirtschafts- forschungsinstitute

In Bezug auf die Trumpsche Wirtschaftspolitik sind wir im Vergleich zum Frühjahrsgutachten heute etwas zurückhaltender. Wie sich zeigt, ist US-Präsident Trump kaum in der Lage, von seinen wirtschaftspolitischen Zielen Wesentliches durchzusetzen. Wir gehen daher nicht davon aus, dass es zu substanziellen handelspolitischen Einschränkungen kommen wird. Auch erwarten wir keine groß angelegten fiskalischen Einflüsse – etwa Steuersenkungs- oder Investitionsprogramme – wie er sie im Wahlkampf noch angekündigt hatte.

Das wirtschaftliche Wachstum ist in Deutschland erstaunlich robust. Erleben wir eine Verstetigung dieses hohen Wachstums?

Momentan fallen die Wachstumsraten in der Tat kräftig aus – sogar höher als die deutsche Wirtschaft strukturell hergibt. Wir befinden uns also in einem Aufschwung, der in dieser Ausprägung aber keinen Bestand haben wird. Nach 2020 erwarten wir konjunkturell bedingt eine schwächere Expansion, denn die Löhne und Preise dürften etwas kräftiger anziehen. Aber auch strukturell dürfte sich das Wachstum verlangsamen, dafür wird der demografische Wandel sorgen. In unserer mittelfristigen Schätzung gehen wir daher nur noch von wirtschaftlichen Wachstumsraten in Höhe von unter 1,5 % aus.

Die Gutachter mahnen die Politik dringend, den demografischen Wandel anzugehen.

Es gilt, für die Rente das Verhältnis von Einnahmen und Ausgaben zu stabilisieren – und zwar rechtzeitig. Und dazu gibt es drei Stellschrauben: Die Ausgaben sind durch die Höhe der Rente sowie die Zahl der Rentner bestimmt, die ihrerseits vor allem durch das Renteneintrittsalter beeinflusst werden kann. Die Einnahmen sind von den Rentenbeiträgen abhängig. Die Politik muss sich überlegen, wie sie den Menschen eine Erhöhung des regulären Renteneintrittsalters schmackhaft machen kann. Andernfalls wird man nicht umhin kommen, Alternativen wie Rentenkürzungen oder eine Erhöhung der ohnehin schon hohen Sozialabgaben ins Auge zu fassen. Eine Senkung des Renteneintrittsalters oder dieses auch nur einzufrieren, wäre sicherlich der falsche Ansatz.

Ließe sich zusätzlich die Arbeitsproduktivität erhöhen?

Wenn wir zu wenig Arbeitskräfte haben, müssen wir diese natürlich gut qualifizieren, um eine möglichst hohe Arbeitsproduktivität zu erreichen. Dazu gehört, dass die Mitarbeiter laufend aus- und fortgebildet werden und dass ihnen gute Maschinen zur Verfügung stehen. Also muss es für Unternehmen attraktiv sein, in Deutschland zu investieren. Das wiederum tun sie, wenn die Rahmenbedingungen stimmen – unter anderem, wenn gut qualifizierte Arbeitskräfte zur Verfügung stehen. Das Bildungssystem ist also der Dreh- und Angelpunkt.

Die Zeit für Reformen bleibt günstig: 28 Mrd. € Budgetüberschuss werden für 2017 und 32 Mrd. € für 2018 prognostiziert. Dies schafft nach Ansicht der Gutachter der neuen Bundesregierung Spielräume für eine überfällige wachstumsorientierte Politik. Wozu raten Sie?

Die bisherige Bundesregierung hat vor allem die konsumtiven Ausgaben – zum Beispiel die Mütterrente oder die Rente mit 63 – deutlich erhöht. Im investiven Bereich – und da schließe ich auch die Bildung mit ein – ist nicht viel erreicht worden. Hier sehen wir Nachholbedarf. Eine Option ist aber auch die Reduktion der Einnahmen – der Einkommensteuer sowie vor allem der Sozialbeiträge – und mehr investive Ausgaben für die bereits erwähnte Bildung, aber auch für Sachkapital. Aus Sicht der Institute würde dies helfen, die langfristigen Herausforderungen – zum Beispiel den demografischen Wandel – besser zu bewältigen.

Zurück zur Konjunktur: Welches sind die wesentlichen Treiber des konjunkturellen Aufschwungs?

Da verschieben sich derzeit die Schwerpunkte: In der jüngeren Vergangenheit war die Binnenwirtschaft – vor allem der Konsum – wesentlicher Träger des Aufschwungs. Aufgrund der höheren Inflation – insbesondere wegen nicht mehr rückläufiger Energiepreise – verliert der private Verbrauch aber etwas an Schwung. Die Inflationsraten werden sich 2017 bis auf 1,7 % und 2018 auf 1,8 % erhöhen. Statt des Konsums springen nun die kräftigeren Exporte in die Bresche. Die Gründe: Die günstigere Entwicklung der Weltwirtschaft und vor allem eine spürbare konjunkturelle Verbesserung im Euroraum. Somit bleibt die wirtschaftliche Dynamik hierzulande insgesamt hoch.

Für den Konsum sind auch die weiteren Einkommenserwartungen und die Situation am Arbeitsmarkt entscheidend. Wie sehen die Institute die Entwicklung der Löhne und Gehälter?

Wir gehen für 2017 und 2018 von einem Lohn- und Gehaltsanstieg in Höhe von durchschnittlich ca. 3 % aus. Das sind keine übermäßig hohen Lohn- und Gehaltszuwächse. Aber weil auch die Zahl der Beschäftigten weiter steigt, nimmt die Kaufkraft für die Bevölkerung insgesamt zu. Das wird den Konsum weiterhin stützen.

Der Arbeitsmarkt befindet sich in der Tat in stabiler Verfassung. Die Institute sehen aber auch Spannungen.

Die Situation am Arbeitsmarkt bleibt außerordentlich gut. Wir haben eine sehr niedrige Arbeitslosigkeit und kräftige Beschäftigungszuwächse. In diesem Jahr wird die Beschäftigung um 600 000 und in den kommenden zwei Jahren um jeweils zumindest 400 000 Personen steigen. Für bestimmte Branchen – wie zum Beispiel die Bauwirtschaft – kann der Arbeitsmarkt aber nicht mehr liefern, was sich die Firmen wünschen, nämlich ein ausreichendes Angebot an Fachkräften. Das führt zu Verspannungen.

Das hat bisher aber – wie gesagt – noch nicht zu kräftigerem Lohnanstieg geführt?

Bislang nicht. Für uns spricht viel dafür, dass die Gewerkschaften bei Tarifverhandlungen andere Prioritäten gesetzt haben. Es standen bisher weniger die Löhne, sondern eher Arbeitszeitmodelle oder die betriebliche Altersversorgung im Vordergrund. Das Bedürfnis nach kräftigen Lohnsteigerungen könnte durch die kaum spürbare Inflation in der Vergangenheit etwas in den Hintergrund getreten sein. Das dürfte sich in Zukunft ändern.

Jahrelang war die Investitionstätigkeit in Deutschland ein Problem. Am Bau hat sich dies mittlerweile ins Gegenteil gewandelt. Führt der Bauboom zum Kollaps?

Nein, einen Kollaps sehen wir auch in den Ballungsgebieten und den Großstädten sowie in deren engerem Umfeld derzeit nicht. Allerdings erwarten wir eine Verlangsamung der Bautätigkeit, denn die Kapazitäten sind mittlerweile hoch ausgelastet. Auf den Mangel an Arbeitskräften in der Branche habe ich bereits hingewiesen. Dies und auch das künftig geringere Angebot dürften zudem die Baupreise beflügeln.

Die öffentlichen Investitionen sind auch deutlich angesprungen.

Ja, aber das lässt sich nicht verallgemeinern. Es gibt viele Kommunen, die durchaus noch einen erheblichen Nachholbedarf bei den investiven Ausgaben – im Bereich der Infrastruktur – haben. Da fehlt es nicht immer an Geldmitteln, sondern oft an den notwendigen Kapazitäten, zum Beispiel im Bereich der Planung, der zuvor häufig unter anderem personell ausgedünnt worden war, um Kosten einzusparen. Im Bereich der öffentlichen Investitionen gibt es also noch einiges zu tun. Das gilt vor allem für die bereits angesprochene Bildung, aber stellenweise auch für die Verkehrsinfrastruktur.

Und wie steht es um die Investitionen der Unternehmen? An denen hat es lange Zeit gemangelt.

Die Ausrüstungsinvestitionen sind in der ersten Jahreshälfte – auch aufgrund der lebhafteren Exportnachfrage – angesprungen. Dieser Prozess setzt sich fort und er dürfte in den kommenden beiden Jahren anhalten. Gemessen an der Investitionstätigkeit der Unternehmen in den Jahren vor 2007 – also vor der Finanz- und Wirtschaftskrise – und angesichts des derzeit kräftigen konjunkturellen Aufschwungs sind die Ausrüstungsinvestitionen heute aber immer noch recht niedrig. Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen, die durch Unsicherheiten geprägt sind, könnten der Grund sein. Den Brexit und die wirtschaftlichen Vorstellungen Trumps haben wir eingangs angesprochen. Aber auch die immer noch vorhandenen Verspannungen im Euroraum spielen eine Rolle.

Großes Interesse herrscht hierzulande an der Entwicklung der Zinsen im Euroraum.

Ein leichter Zinsanstieg wird die Sparer nicht zufriedenstellen, denn die Inflation wird den erwarteten Zinsanstieg kompensieren.

Ich würde zu etwas vorsichtigerer Interpretation raten: Auch früher hat es Zeiten gegeben, da der Realzins bei 0 % oder auch im negativen Bereich gelegen hat.

Ist nicht zu befürchten, dass der jahrelang sehr niedrige Zins die Gefahr erheblicher Fehlinvestitionen sowohl bei Unternehmen als auch bei der Schaffung von Wohneigentum erhöht?

Angesichts der eher vorsichtigen Ausweitung der Ausrüstungsinvestitionen sehe ich diese Gefahr bei den Unternehmen derzeit nicht. Im Bereich des Wohnungsbaus gibt es einzelne regionale Märkte, wo man angesichts der Baupreisentwicklung die Investitionen genauer unter die Lupe nehmen muss. Alles in allem sehen wir im Investitionsbereich auf gesamtwirtschaftlicher Ebene trotz der niedrigen Zinsen aber noch keine ausgeprägten Fehlentwicklungen.

Wir befinden uns im Aufschwung, wie lange wird der dauern?

Unsere Prognose weist auch für 2019 noch eine stabile gesamtwirtschaftliche Entwicklung aus. Das Wirtschaftswachstum haben wir mit 1,8 % veranschlagt – also nur geringfügig unterhalb der Werte für 2017 und 2018. Nach dem langen, kräftigen Aufschwung der vorausgegangenen Jahre ist ein leichter Abschwung ein durchaus notwendiger, weil gesunder Prozess, der verhindert, dass es zu einer Überhitzung der Konjunktur kommen kann. 

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