Passwort vergessen?  | 
 |  Passwort vergessen?  | 
Suche
  • Login
  • Login

Donnerstag, 16. November 2017, Ausgabe Nr. 46

Donnerstag, 16. November 2017, Ausgabe Nr. 46

Industrie 4.0

Lee: „Industrie 4.0 ist ein deutscher Begriff“

Online Von Harald Weiss | 31. Januar 2014 | Ausgabe 5

Während sich der Begriff Industrie 4.0 in Deutschland gefestigt hat, ist er in den USA nahezu unbekannt. Professor Jay Lee vom IMS-Center in Cincinnati nutzt eher den Begriff „Cyber-physikalische Systeme“ (CPS) – doch auch das ist in den USA nicht sonderlich bekannt. Unabhängig von den Begriffsunterschieden arbeiten aber auch die US-Betriebe mit Hochdruck an einer Vernetzung ihrer Maschinen. Viele sogar mit deutscher Hilfe.

Jay Lee
Foto: University of Cincinnati

Jay Lee, IMS-Center, Cincinnati. Lee ist Professor an der University of Cincinnati und Gründungsdirektor des Cooperative Research Center on Intelligent Maintenance Systems, das intensiv mit dem DFKI zusammenarbeitet. Lee hält über 20 Patente. Derzeitige Forschungsarbeiten fokussieren sich auf intelligente Maschinenprognosen und intelligente Maintenance-Systeme.

VDI nachrichten: Herr Professor Lee, Industrie 4.0 ist in aller Munde, wie schaut es damit in den USA aus?

Lee: Nun, der Begriff Industrie 4.0 wurde vor etwa anderthalb Jahren in Deutschland geprägt und ist eine gute Beschreibung für eine visionäre Industriestruktur. Doch außerhalb Deutschlands ist der Begriff als solcher kaum bekannt. Ich habe neulich eine Präsentation über unsere Arbeiten im Weißen Haus gehalten und keiner kannte den Begriff Industrie 4.0. Das heißt aber nicht, dass die Aktivitäten, die sich dahinter verbergen, nur auf Deutschland beschränkt sind. Wir benutzen an unserem Institut den Begriff „Cyber-Physical-Systems“ (CPS), der ist aber in den USA auch noch nicht besonders verbreitet.

Wie definieren Sie denn CPS?

Denken wir beispielsweise an ein Auto als ein physisches System, doch wenn es übers Netz zur Wartungs- und Komponentenkontrolle angebunden ist, wird es zu einem CPS. Oder nehmen wir das iPhone. Als Handy ist es nur ein physisches Gerät – wenn auch ein sehr komplexes. Doch der besondere Nutzen entfaltet sich erst durch die Apps. Damit wird aus dem physischen Gerät ein smartes mobiles Management-Tool.

Bedeutet das, dass Maschinen bald mit Apps vollgepackt sein werden?

Nein, das nicht. Aber Maschinen werden permanent lernen und beispielsweise ihre Erfahrungen kumulieren. Derzeit nimmt jeder Maschinenbediener seine Beobachtungen am Schichtende mit nach Hause. In Zukunft erfolgt die Beobachtung der Maschinen automatisch durch Sensoren und diese Daten werden fortlaufend erfasst und analysiert.

Das schafft zwar immense Datenberge, aber was hat man davon?

Die intelligente Auswertung dieser Daten bewirkt Kosteneinsparungen, höhere Betriebseffizienz und eine verbesserte Produktqualität. Ersteres wird durch Just-in-time-Maintenance erreicht, die verbesserte Betriebseffizienz wird durch eine höhere „Uptime“ erreicht und die Produktqualität wird dadurch gesteigert, in dem die Maschinenabnutzungsdaten mit Prozessteuerungen integriert werden, sodass Abweichungen von der Standardqualität vorhersehbar werden und rechtzeitig gegengesteuert werden kann.

Die Themen Datenberge und -Analysen gehören in die IT-Welt. Kann es sein, dass in den USA das Thema Industrie 4.0, oder CPS, wie Sie es nennen, mehr von den Netzwerken und den IT-Möglichkeiten angegangen wird und weniger von der Produktion und den damit verbundenen Prozessen?

Es stimmt, dass es hier viele Initiativen gibt, die von den IT-Firmen ausgehen. Ich habe vor Kurzem Cisco besucht. Die können immense Datenmengen durch ihre Systeme hindurchleiten, aber sie wissen nicht, was sie mit diesen Daten anfangen können. Sie sind jetzt Mitglied an unserem Institut geworden, um herauszufinden, welche Probleme es in der Fertigung gibt und wo Cisco mit seinen Lösungen ansetzen könnte.

Wie ist es mit der Vernetzung über Unternehmensgrenzen hinweg? Vor allem die Elektronikfirmen lassen ihre Produkte in Asien herstellen. Gibt es da auch schon eine Cyber-Connection?

Diese Fertigungsbetriebe sind sehr technologieintensiv. Foxconn ist bei uns Mitglied und die wollen sehr viel intelligente Systeme und Roboter installieren und vernetzen.

Foxconn ist von der Größenordnung sicherlich eine Kategorie für sich. Wie sieht es denn aber mit Industrie 4.0 beim amerikanischen Mittelstand aus?

Ich sehe die Vorteile von CPS und Industrie 4.0 für alle Unternehmensgrößen. Es geht dabei ja nicht um die Beschaffung von teuren Maschinen, sondern um eine qualitativ neue Ebene. Eine cyber-physikalische Fabrik ist Szenario-gesteuert und nicht mehr Reponse-gesteuert – und das lässt sich in jeder Fabrik jeder Größenordnung implementieren.

Das ist relativ abstrakt. Wie kommunizieren Sie diese neuen Möglichkeiten in den USA?

Wir machen Workshops. Beispielsweise waren wir jüngst in Michigan. In diesen Workshops und in allen Präsentationen greife ich auf Beispiele zurück, an denen die Kosten- oder andere Vorteile von CPS offensichtlich sind. Das öffnet dann die Türen. Anders gesagt, viele verstehen nicht, was CPS ist, aber sie verstehen, wie sie durch eine Cyber-Anbindung handfeste Produktionsvorteile erzielen können.

Noch eine Frage zum Standort Ihres Instituts in Cincinnati. Es gibt dort eine Reihe an deutschen Firmen, die auf vielen Gebieten sehr aktiv sind. Kooperieren Sie in irgendeiner Art mit diesen Unternehmen?

Ja, sehr sogar und auf vielfältige Weise. Eines dieser Unternehmen ist die Firma Forcam, die auf Software-Tools für Industrie 4.0 spezialisiert ist. Sie haben hier in den USA einen beachtlichen Erfolg. Das Unternehmen hat wegen der Nähe zu uns sogar den Firmensitz von Baden-Württemberg nach Cincinnati verlegt. 60 % ihrer Manager sind ehemalige Studenten von uns. Auch die örtliche Niederlassung von Siemens kooperiert mit uns und stellt viele unserer Absolventen ein. HARALD WEISS

stellenangebote

mehr