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Donnerstag, 23. März 2017, Ausgabe Nr. 12

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Bildung

„Mehr Raum für neue Kulturtechniken“

Von Wolfgang Schmitz | 8. Dezember 2016 | Ausgabe 49

Schulen fällt es schwer, für Mint zu begeistern, wenn Technik gesellschaftliches Randthema bleibt, meint Matthias Mayer von der Körber-Stiftung.

Mayer BU
Foto: panthermedia.net/gpointstudio

Programmieren ist für Matthias Mayer eine Kulturtechnik und sollte daher wesentlicher Bestandteil des Schulunterrichts sein.

VDI nachrichten: Die Timss-Studie hat ergeben, dass deutsche Grundschüler in Mathematik und Naturwissenschaften international mittelmäßig sind. Bei Pisa ist in den Mint-Fächern keine Aufstiegsdynamik zu erkennen. Ein Anlass zur Sorge?

Mayer: Wenn man zu den führenden Industrienationen weltweit gehören will, auf das Thema Innovation setzt, im Bereich der digitalen Transformation weit vorne liegen will und entsprechende Parolen vonseiten der Bundesregierung ausgibt, müsste Deutschland weiter vorne platziert sein.

Pisa-Frage: Warum beschleunigen Meteoroiden?

Dabei hat die Kanzlerin 2008 die Bildungsrepublik ausgerufen.

Stiftung fördert „Lust auf Mint“

Deutschland investiert nicht die Anteile des Bruttoinlandsproduktes in Bildung, die angemessen wären. Andererseits war der Pisaschock eine heilsame Initialzündung, Bildung ist ein Megathema geworden. Ob alle Maßnahmen getroffen sind, die einer „Bildungsrepublik“ würdig sind, darüber kann man streiten.

Die Politik aber hat sich bewegt. Welche Reformen sind sinnvoll?

Das Ganztagsschulprogramm und die Reduzierung der Gymnasialzeit auf zwölf Schuljahre. Es kommt aber immer auf die Umsetzung an. Die Ganztagsschule als Aufbewahrungsanstalt ist sicher keine gute Idee, genauso wenig wie zwölf Schuljahre ohne neue Lehrkonzepte und ohne Verzicht auf überholte Inhalte.

Die Rufe nach mehr Wirtschaft, mehr Geschichte, mehr Mint und anderen Fachbereichen nehmen – je nach Interessenvereinigung – zu. Wohin mit den Themen?

Man wird schauen müssen, wie man sinnvoll Inhalte in bestehende Strukturen integriert. Die Digitalisierung muss interdisziplinär in allen Fächern Baustein zeitgemäßer Schulbildung sein. Dafür gibt es gesellschaftliche Mehrheiten. Kinder und Jugendliche müssen mit Programmieren als neue Kulturtechnik in Berührung kommen, ohne halbe Fachinformatiker werden zu müssen. Dafür ist nicht zwangsläufig ein eigenständiges Fach nötig. Man könnte ketzerisch fragen, warum Code nicht die zweite Fremdsprache sein sollte.

Ohne eine Reform der Lehrerbildung wird das nicht gehen.

Die Lehrerweiterbildung ist ein zentraler Punkt, muss aber nicht neu konzipiert werden. Lehrer müssen lernen, schneller auf neue Entwicklungen zu reagieren. Weiterbildung sollte verpflichtend in allen Bundesländern festgeschrieben werden. Einem Arzt, der sich seit 20 Jahren nicht weitergebildet hat, trauen Sie ja auch nicht über den Weg.

Die Schule kann nicht für alles verantwortlich gemacht werden. Haben Mint-Fächer ein Imageproblem, gegen das Lehrer vergebens angehen?

Bei der Sendung „Wer wird Millionär?“ werden nur 4 % aller Fragen aus den Mint-Fächern gestellt. Das ist symptomatisch für den gesellschaftlichen Stellenwert von Mint. Bei der Frage, welche Fächer Deutsche für besonders wichtig für die Zukunft des Landes halten, sind 40 % der Meinung, dass die Naturwissenschaften die wichtigsten sind, nur 20 % stimmen trotz des digitalen Wandels für die Informatik, lediglich 14 % sind es bei den 14- bis 29-Jährigen. Viele Deutsche sehen zudem immer erst einmal die Gefahren und nicht die Chancen der Technik. Da ist ein Mentalitätsumschwung vonnöten.

Aber ist es nicht Aufgabe der Schule, aufzuklären und zur kritischen Reflexion zu erziehen? Dass Gefahren lauern, sieht man aktuell doch nicht nur bei Telekom und den Hackerattacken.

Absolut, da bin ich völlig bei Ihnen. Natürlich dürfen sich Schüler nicht blinder Technikbegeisterung hingeben, schließlich haben technische Entwicklungen immer zwei Seiten. Ohne diese offenzulegen, landen wir auf der Ebene der Propaganda. Junge Menschen wollen sich mit Themen nicht nur auf technischer Ebene auseinandersetzen, sondern sich mit den gesellschaftlichen Auswirkungen beschäftigen. Auch über diesen Weg können wir für Technik begeistern.

Eine Mint-Initiative nach der anderen schießt aus dem Boden. Erreichen sie wirklich ihre Adressaten und das Ziel, für Technik zu begeistern?

Zurzeit zählen wir rund 20 000 Projekte. Es gibt viel Gutgemeintes, aber wir wissen wenig darüber, was wie wirkt. Die größte Herausforderung ist es, Projekte entlang der gesamten Bildungskette von der Vorschule bis in die Hochschule zu koordinieren. Wir müssen weg von kleinen Einzelprojekten und in die Fläche kommen, um Vernetzung und Erfahrungsaustausch herzustellen. Begleitend dazu ist die Qualitätssicherung einzelner Projekte notwendig.

Gibt es Projekte mit Vorbildcharakter?

Im Ernst: Wir könnten uns vom Deutschen Fußball Bund einiges abschauen. Wir brauchen mehr bundesweit gestreute Breiten- wie Spitzenförderung. Der DFB praktiziert ein Auslesesystem der Talentförderung, das aber nicht dazu führt, dass die weniger Talentierten die Lust am Kicken verlieren. So etwas wäre für Mint im Sinne einer Bildungspyramide denkbar, indem Interessierte Neigungen und Fähigkeiten gemäß unterstützt werden.

Schulen im Süden sind Spitze in der Schulbildung, der Norden schneidet schlecht ab. Lässt sich Bildungsqualität in Deutschland in ein Süd-Nord-Gefälle einteilen?

Das Bild mag vor zehn bis 15 Jahren der Realität entsprochen haben. Von einem Nord-Süd-Unterschied in der schulischen Mint-Bildung kann nicht mehr die Rede sein. Es handelt sich eher um ein Ost-West-Gefälle, in dem Sachsen, Thüringen, Sachsen-Anhalt und Brandenburg vorne liegen, der Westen ein ganzes Stück dahinter. Schaut man sich den Bereich Wissenschaft an, erhält man ein anderes Bild: Hier liegen die Stadtstaaten weit vorne, weil dort die großen Hochschulen und Forschungseinrichtungen konzentriert sind und intensiv in Wissenschaft investiert wird. Da sind Bayern und Baden-Württemberg keineswegs enteilt.

 Unternehmen engagieren sich in Schulen, indem sie kostenlos Literatur zur Verfügung stellen und Firmenvertreter für den Unterricht stellen. Der Grat zwischen Allgemeinnutzen und Eigennutzen ist schmal.

Firmen und Verbände sind gut beraten, nicht allzu nassforsch in Schulen aufzutreten. Das latente Gefühl, dass sich Schulen zu Erfüllungsgehilfen der Unternehmen machen, sollten sie ernst nehmen. Dabei wird umgekehrt ein Schuh draus: Die Unternehmen machen sich zu Erfüllungsgehilfen der Schulen. Die Politik verlangt schließlich nach außerschulischen Partnern, um Anschaulichkeit und Praxisnähe gerade in der Mint-Bildung zu verwirklichen. Wer sollte das besser umsetzen können als Unternehmen?

Namhafte Großunternehmen werben in ihren kostenlosen Unterrichtsmaterialien mit der eigenen Marke.

Das geht zu weit. In den Bereichen Wirtschaft und Finanzen halte ich diese Gefahr aber für größer als in den Mint-Fächern. Die Körber Stiftung macht sich für regionale Netzwerke stark. Das sind wunderbare Kontrollinstrumente. Wenn ein Unternehmen verkappte Werbung in Schulen betreibt, spricht sich das herum. Dann hat sich die Eigenwerbung schnell erledigt.

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