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Donnerstag, 20. April 2017, Ausgabe Nr. 16

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Wirtschaftspolitik

„Wir lassen uns von Trump nicht erschüttern“

Von Christoph Böckmann | 9. Februar 2017 | Ausgabe 06

Jürgen Abromeit, Chef der Mittelstandsholding Indus, lässt sich vom Protektionismus des neuen US-Präsidenten nicht beirren.

Abromeit-Interview BU
Foto: Indus

In Mexiko beheimate Zulieferbetriebe, wie dieses zur Indus Holding gehörende Werk, hat US-Präsident Donald Trump zum Feindbild auserkoren.

VDI nachrichten: Herr Abromeit, Donald Trump will die US-Wirtschaft mit Importzöllen schützen. Zittern Sie schon?

Abromeit: Nein, die USA sind zwar ein wichtiger Markt, auf dem Indus rund 10 % des Umsatzes erzielt, aber wir sind nicht in Panik. Wir werden die nächsten drei bis sechs Monate abwarten, ehe wir Entscheidungen treffen. Im Augenblick kann ich beim neuen US-Präsidenten noch kein geschlossenes Konzept erkennen.

Indus Holding AG

Ein Nackenschlag sind Trumps Ankündigungen schon für Sie.

Jürgen Abromeit

Der Puls hat sich erhöht, keine Frage. Aber man sollte sich vor schnellen Urteilen hüten. Im Übrigen sind wir so gut wie gar nicht mit Bau, Steine, Erden in Nordamerika investiert.

Wenn Trumps Beispiel Schule macht, wird die Globalisierung zurückgedreht. Ein solches Szenario schreckt Sie nicht?

Foto: Indus

Nicht in Trump sondern im Brexit sieht Indus-CEO Jürgen Abromeit die größte Gefahr für den deutschen Mittelstand.

Ich halte das für extrem unwahrscheinlich. Wir brauchen offene Märkte, wir brauchen Handelsabkommen, Kooperationen zwischen Nordamerika, Asien und Europa. Davon profitieren letztlich alle Länder, nicht nur Deutschland. Diese Einsicht wird sich durchsetzen.

Woher stammt Ihr Optimismus?

Es hat noch nie eine Regierung gegeben, die von einer einzelnen Person allein bestimmt worden wäre. Der US-Präsident will massiv in die amerikanische Infrastruktur investieren. Das stützt die Konjunktur und schafft Kaufkraft. So werden die Amerikaner auch wieder mehr deutsche Produkte kaufen. Importe werden zudem durch den starken Dollar billiger.

Staatliche Ausgabenprogramme haben den Nachteil, dass sie meist nur Strohfeuer entfachen.

Ob der Aufschwung nachhaltig sein wird, bleibt abzuwarten. Es ist nicht auszuschließen, dass es nach zwei, drei Jahren einen Rückschlag gibt.

Besonders kritisch schaut Donald Trump auf Mexiko. Auch Sie produzieren dort. Ist der Standort gefährdet?

Wir haben bisher nur einen Produktionsbetrieb in Mexiko. Dort produzieren wir als verlängerte Werkbank Teile für Volkswagen, BMW und Daimler. Das Investment ist überschaubar. Es wird uns nicht in Schwierigkeiten bringen, wenn es dort Probleme geben sollte. Geld investiert man da, wo es den größten Nutzen stiftet, und nicht, wo Politiker sich das wünschen.

Eine Verlagerung des Werkes in die USA schließen Sie aus?

Ja, absolut. Das werden wir nicht tun. Das wäre gegenüber unseren Mitarbeitern dort nicht zu verantworten. Es wäre unklug, dem politischen Druck nachzugeben, außerdem wäre es betriebswirtschaftlicher Unfug.

Mit anderen Worten: Sie lassen sich nicht einschüchtern?

Ich kenne keinen deutschen Mittelständler, und Indus steht für 44 davon, der sich von Politikerworten erschüttern ließe. Es ist die besondere Stärke der deutschen Industrie, dass sie einen langen Zeithorizont im Blick hat. Geschäfte richtet man nicht an Wahlperioden aus. Auch nicht an der des amerikanischen Präsidenten.

Klingt mannhaft, Herr Abromeit. Was sagen denn ihre Aktionäre zu Ihrer Prinzipientreue?

Es geht nicht um Prinzipienreiterei. Unsere Entscheidungen richten wir langfristig am Wohl des Unternehmens aus, und das ist ganz im Sinne der Aktionäre. Deshalb warten wir zunächst einmal ab, in ein paar Monaten sind wir schlauer. Natürlich kann es dann auch sein, dass wir geplante Investitionen zurückstellen. 

Was bedeuten denn die Umbrüche in der Türkei und der EU-Austritt Großbritanniens für deutsche Mittelständler wie Sie?

Die Türkei war lange Zeit von starkem Wirtschaftswachstum geprägt und galt als Tor zum Nahen und Mittleren Osten. Diese Märkte sind aktuell durch Krieg, Flüchtlingsströme und die politische Situation in der Türkei verbaut.

Sie haben doch ein Werk in der Türkei. Schließen sie es nun?

Das haben wir diskutiert und uns vorerst dagegen entschieden. Klar ist aber auch: In einem Land, das derart unberechenbar ist, in dem es zu Enteignungen kommt, können Sie nicht einfach weiterhin Millionen investieren.

Und was ist mit Großbritannien? Im März sollen die Verhandlungen über den Brexit beginnen.

Der Brexit ist für Deutschland die derzeit größte Gefahr. Das ist politisch katastrophal, weil ein enorm stabiler Mitgliedstaat mit langer demokratischer Tradition ausscheiden wird. Aber auch wirtschaftlich ist das ein starker Einschnitt. Großbritannien ist für deutsche Mittelständler ein wichtiger Absatzmarkt, für den Maschinen- und Anlagenbau ebenso wie für Fahrzeuge.

Wie hart wird es für den Export?

Wenn wir den Verfall des Pfundes in den letzten Monaten betrachten, wird deutlich, dass Kaufkraft verloren geht. Das heißt, sie werden weniger investieren und weniger kaufen. Das trifft uns, das trifft ganz Europa.

Das dicke Ende kommt vielleicht erst noch. In Italien, den Niederlanden und Frankreich stehen Wahlen an und die antieuropäischen Parteien sind auf dem Vormarsch.

Für einen Unternehmenschef war es noch nie so schwer wie heute, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Man kann nicht mehr davon ausgehen, dass bei Wahlen die Vernunft siegt. Das beweist der Brexit, das beweist die Wahl in den USA. In Italien und den Niederlanden ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass ähnliches passieren könnte.

Und wenn Italien die EU verlässt?

Das Land wird von der europäischen Finanzpolitik künstlich am Leben gehalten. Was ein Austritt von Italien bedeutet, dürfte jedem klar sein. Eine neue Lira müsste um 70 % bis 80 % abgewertet werden, um überhaupt wieder wettbewerbsfähig zu sein. Das wäre für das Land nicht zu verkraften. Ganz gleich, ob in der EU oder nach einem Austritt – das Land bleibt ein Sanierungsfall.

Für Frankreich und Deutschland sind Sie optimistischer?

In Frankreich ist der Front National erstarkt, in Deutschland die AfD. Das ist zwar unerfreulich, aber wenn die demokratischen Parteien die Nerven behalten, sollten sie diese Entwicklungen abwehren können. In Italien ist die Ausgangsposition leider eine andere.

Was heißt das im Resümee?

Die gesamten Rahmenbedingungen –geo- und fiskalpolitisch – sind derzeit äußerst schwierig. Wir werden aber auch weiterhin die Ruhe bewahren und unsere Chancen im Weltmarkt suchen und auch finden. Asien bleibt dabei hochinteressant, aber auch andere Teile der Welt bieten uns Möglichkeiten.

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