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Donnerstag, 16. November 2017, Ausgabe Nr. 46

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Finanzierung

Crowd: Marsch gen Mittelstand

Von Peter Trechow | 24. Mai 2013 | Ausgabe 21

Start-ups, kulturschaffende und soziale Projekte setzen mit wachsendem Erfolg auf Schwarmfinanzierung. Jetzt werben die ersten Crowdfundig-Plattformen auch um deutsche Mittelständler.

Crowd: Marsch gen Mittelstand

Werbeaktion für SuitArt: Das Züricher Unternehmen hat über die Plattform C-Crowd in vier Monaten Aktien im Wert von 549.000 CHF abgesetzt. Es bietet Maßanzüge an, die über ein Franchise-System vertrieben werden. Foto: SuitArt

Noch 31 Tage bleiben AoTerra, um ihr Funding Limit von 750 000 € zu erreichen. Das Start-up baut ein dezentrales Rechenzentrum für Cloud-Dienste auf – und will die Server als Gebäudeheizung nutzen. Ihre gepufferte Abwärme reicht für Heizung und Warmwasser. Diese Idee hat auf der Crowdfunding-Plattform Seedmatch schon 629 Investoren überzeugt, die im Schnitt 1075 € investiert haben. Nur noch 73 500 € fehlen bis zum Ziel.

Solche Fundings in Höhe von mehreren 100 000 € häufen sich bei Seedmatch, seit dort nicht mehr nur stille Beteiligungen fließen. Die Crowd gewährt Gründern nun mit Genehmigung der Aufsichtsbehörde BaFin auch "paritätische Nachrangdarlehen". Anders als bei stillen Beteiligungen sind Exit und Verwässerung der Anteile bei weiteren Finanzierungsrunden dabei klar geregelt. Zudem muss kein Prospekt erstellt werden, der sonst bei Fundings über 100 000 € obligatorisch ist.

Mit den steigenden Summen dürfte Crowdfunding auch für etablierte Mittelständler interessant werden. Denn neben Kapital lockt der Marketing-Effekt: Unternehmen binden einen Schwarm von Markenbotschaftern, die ein Interesse am steigenden Unternehmenswert haben.

Das ist auch Dubois et Fils gelungen. Die nach eigenen Angaben älteste Uhrenfabrik der Schweiz hat kürzlich in einer Crowdfunding-Kampagne 1,5 Mio. CHF von 587 Investoren eingeworben. Die Geldgeber erhalten dafür edle Uhren der Manufaktur zu Nachlässen von 50 % bis 70 %. Wer 500 Franken investiert hat, spart bei einer 9000 CHF teuren Uhr 4500 CHF. Der Hersteller hat auf diese Weise fast knapp 600 freiwillige Werbeträger gewonnen und seine finanzielle Klemme überwunden.

Während Dubois et Fils seine Bekanntheit nutzte, um eine eigene Kampagne zu starten, haben andere eidgenössische Mittelständler ihre Kapitalerhöhungen über die Crowdfunding-Plattform C-Crowd organisiert. Etwa die Züricher SuitArt AG. Der als Franchise-System organisierte Anbieter von Maßanzügen brachte über C-Crowd in vier Monaten Aktien im Wert von 549 000 CHF an die Crowd.

Neben Schwarmfinanzierung von Sozialprojekten und Start-ups hat sich das Schweizer Portal auf Kapitalerhöhungen für Aktiengesellschaften spezialisiert. Im Vorfeld prüfen die Organisatoren Businesspläne, Emissionsprospekte und sprechen mit den Unternehmen. Nur wenn der C-Crowd-Verwaltungsrat einstimmig zustimmt, darf ein Unternehmen auf der Plattform Aktien anbieten.

Die Nähe des Crowdfundings zur Börse ist hier offenkundig. Wie an Börsen stellen Anleger Risikokapital bereit, das komplett verloren gehen kann. In den USA tobt aktuell eine Debatte darüber, wie regulierende Behörden dieses Risiko transparent machen können. Hintergrund: Der vor gut einem Jahr beschlossene "Jobs-Act (Jump our Business Startups) sieht vor, die Obergrenze für Schwarmfinanzierungen auf 1 Mio. $ anzuheben. Seither wartet die Szene auf ein entsprechendes Regelwerk der Finanzaufsichtsbehörde SEC.

Private Kleinanleger sollen sich also künftig als Risikokapitalgeber versuchen können. Den gut vernetzten Business Angel Charles Sidman ließ das keine Ruhe. In seinem Schreiben an die SEC bekannte er sich als glühender Crowdfunding-Fan und Gründer der "Crowdfunding Investment Angels" – forderte die Behörde aber auf, "gegen übertriebene Ankündigungen vorzugehen, die ein neues Zeitalter sprudelnder Gewinne für jedermann versprechen".

Sidman erinnerte daran, dass viele professionelle Business Angels trotz Risikostreuung und enger Betreuung ihrer Unternehmen Verluste machen. Beim Crowdfunding seien die Aussichten kaum besser. Der Experte befürchtet eine Blase, mit der das wichtige neue Finanzierungsinstrument für Start-ups langfristig platzen könnte.

Die Debatte zeigt, wie schwer Crowdfunding einzuschätzen ist. Einerseits steigt die Zahl der Plattformen und Investments rasant. Andererseits sind die Erfolgsquoten für Anleger eine große Unbekannte. Die auf Jahre ausgelegten Beteiligungen laufen gerade erst an.

In diesem unübersichtlichen Umfeld verspricht die Fokussierung auf etablierte Unternehmen aus dem Mittelstand Seriosität. Gleich drei Plattformen bringen sich derzeit in diesem Segment in Stellung (s. Kasten). Noch geht es dort beschaulich zu. Doch die Hoffnungen sind groß. So sollen bei "Die Beteiligungsplattform" ab Ende Mai reihenweise stille Beteiligungen von 500 € bis 10 000 € fließen. Die Summe pro Funding ist auf 100 000 € begrenzt, da sonst ein Prospekt erstellt werden müsste.

Doch reizen solche Summen Mittelständler überhaupt? Elen Roge, Projektleiterin von "Die Beteiligungsplattform, ist davon überzeugt: "Unsere Kunden, die sich in den nächsten Wochen vorstellen werden, nutzen Crowdfunding nur bedingt des Geldes wegen – es geht ihnen auch um den Marketingeffekt."

Marktführer Seedmatch ist skeptischer, was die Crowd-Affinität des Mittelstands betrifft: "Wir haben die Erfahrung gemacht, dass eine Mittelstandsfinanzierung sehr viele Abstimmungsprozesse mit sich bringen kann." Oft seien in etablierten Firmen VC-Gesellschaften involviert, die sich schwer damit tun, ihre Beteiligungen mit der Crowd zu teilen. Auch täten sich Mittelständler schwer, Geschäftsmodell, Finanzzahlen oder andere Interna offen zu legen. Die Sorge, Wettbewerbern tiefe Einblicke zu gewähren, kann sich als Hemmschuh erweisen. Ob die Schweizer Beispiele hierzulande Schule machen, ist also offen.   PETER TRECHOW

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