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Freitag, 15. August 2014, Ausgabe Nr. 33

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Start-up-Porträt

Daimlers Liebling sorgt für prompte Lieferung

Von M. Jordanova-Duda | 9. November 2012 | Ausgabe 45

Das neue Handy ist bestellt - und eine Stunde später da. Genauso fix kommen dringend benötigte Ersatzteile oder frische Windeln für ein schreiendes Baby an. Tiramizoo bietet seit zwei Jahren lokale Sofortlieferung in Ballungsgebieten. Das Münchener Start-up, an dem sich vor wenigen Wochen die Daimler AG beteiligt hat, vermittelt vollautomatisch Lieferaufträge an den nächsten Kurier.

Über uns wurde schon alles Mögliche geliefert: vom Schlüssel über ein iPhone bis zu einer kompletten Schrankwand bei einem spontanen Umzug", sagt Michael Löhr, Gründer und Geschäftsführer von Tiramizoo. Die Firma mit dem leckeren Namen ist kein Kurierdienst. Aber sie kann auf über 1200 Kuriere zurückgreifen, die in München und elf weiteren deutschen Großstädten mit Rad, Auto oder Lkw fahren. Sie melden sich bei Tiramizoo an, um an neue Aufträge zu kommen und ihre Touren besser auszulasten.

Die Kunden von Tiramizoo sind jedoch nicht die Kuriere selbst, sondern die Online-Shops, die ihren Käufern innerstädtische Sofortlieferung als Option anbieten. 60 Min. bis 90 Min. dauert es dann, bis die Ware eintrifft. Möglich ist es auch, sich den Einkauf in einem vordefinierten Zeitfenster bringen zu lassen. Viele sind bereit, 3 € oder 5 € mehr für diese praktische Sache zu zahlen. "Den Preis für die Fahrt ermitteln wir statistisch für unterschiedliche Städte und Kundengruppen", erklärt der Jungunternehmer. Voraussetzung ist allerdings, dass Käufer und Produkt am gleichen Ort sind. "In Deutschland gibt es momentan wenige Online-Händler, die Sofortlieferung anbieten können", schränkt Löhr ein. Das seien die mit einem Warenlager in einer Großstadt oder mit einem ausgedehnten Filialnetz.

Die Buchungsplattform der Münchener ermittelt, welcher Kurier das Paket am effizientesten hinbringen kann. Am einfachsten ginge das mit der kostenlosen Smartphone-App von Tiramizoo. Sie ist mit einer Ortung verknüpft. Das System schicke eine Anfrage an alle relevanten Kuriere. Nehmen sie den Auftrag innerhalb einer festgelegten Frist nicht an, werde er automatisch den nächstmöglichen angeboten.

"Die Kuriere wissen sehr gut, ob sie noch einen Auftrag in gewissen Gebieten oder Zeitfenstern übernehmen können", sagt Löhr. "Wir unterscheiden nicht, ob der an einen Alleinunternehmer oder an eine größere Firma geht. Hauptsache, er wird hundertprozentig zuverlässig erledigt". Neben der App könne man auch ein Mailsystem oder die Disponenten der Kurierunternehmen für die Vermittlung verwenden.

Nationale Paketdienste wie Hermes, GLS oder TNT liefern Bestellungen zwischen den Städten und frühestens am nächsten Tag aus. Deshalb sieht sich Tiramizoo nicht als Konkurrenz, sondern als Ergänzung. Mit DHL wird sogar schon in Köln die Kooperation erprobt. "Wir denken, das wäre auch für andere große Logistiker attraktiv", sagt Löhr.

Der Maschinenbau-Ingenieur war vor sieben Jahren in Vancouver und forschte über Wasserstoff- und Elektroautos. Und er fuhr sehr viel Fahrrad. Einmal musste er ein Ersatzteil für seinen Drahtesel besorgen. Da bot ihm ein Händler an, ihm das Teil mit dem Fahrradkurier ins Büro zu schicken. "Ich habe gedacht: Wow! Das ist super! Ich muss nicht anderthalb Stunden durch die ganze Stadt fahren, ich kann meine Arbeit sauber zu Ende machen. Warum machen es nicht viele andere Leute auch so?"

Zusammen mit dem Wirtschaftsgeografen und Stadtplaner Volker Schneider spann Löhr die Idee weiter. Später gesellte sich Marketing-Spezialist Philipp Walz dazu. 2010 sicherte sich das Trio die Unterstützung der European Space Agency und ihres Förderprogramms ESA Business Incubation.

Was haben Zustelldienste mit der Raumfahrt zu tun? "Wir nutzen die Satellitennavigation, um Kuriere zu orten und Routen zu planen", sagt Löhr. Anfang 2011 investierten die Risikokapitalgeber Hightech-Gründerfonds und Bayern Kapital sowie zwei Business Angels rund 700 000 € in die innovative Dienstleistung.

Gregor Melhorn ist als technischer Leiter und weiterer Teilhaber dazugekommen. Im letzten Sommer kaufte sich schließlich Daimler bei Tiramizoo ein. Über die Höhe der Beteiligung muss Löhr schweigen. "Aber für uns ist das ein Ritterschlag."

Der Autohersteller hat schon MyTaxi und Carpooling im Portfolio. "Mit der Beteiligung an Tiramizoo treiben wir die intelligente Vernetzung von Mobilität im urbanen Raum voran", sagte Wilfried Steffen, Leiter Business Innovation bei der Daimler AG, bei der Präsentation des neuen Familienmitglieds.

Löhr kann sich vielfältige Verknüpfungen mit anderen Daimler-Töchtern vorstellen: Jemandem, der mit Carpooling von A nach B fährt, könne etwa ein Paket mitnehmen. Genauso gut könne ein Kurier Personen befördern. Aus ökologischer Sicht mache das viel Sinn. Es erfordere jedoch Bewertungssysteme, ein Vertrauensverhältnis zum Fahrer und die Beseitigung rechtlicher Hürden.

Bis Ende des Jahres will das Start-up 15 Mitarbeiter beschäftigen. Wann die ersten Gewinne eingefahren werden, lässt Löhr offen. Potenzial sieht Tiramizoo in Orten mit mehr als 100 000 Einwohnern. Gerade in ländlichen Gegenden, die es am nötigsten haben, wird es die Dienstleistung noch lange nicht geben: nicht lukrativ genug.

Das nächste Ziel sind die Metropolen in Nachbarländern, deshalb führt das Unternehmen Gespräche mit mehreren potenziellen Investoren. "Wir haben gute Kontakte zu der europäischen Kurierbranche und einige unserer Online-Shops haben Filialen im Ausland", sagt Löhr. "Wir gehen mit unseren besten Kunden einfach mit."   M. JORDANOVA-DUDA

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