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Freitag, 15. Dezember 2017

Gründer

Innovationsmotor Neue Materialien

Von Peter Trechow | 13. Februar 2015 | Ausgabe 07

Wissenschaftliche und industrielle Materialforschung sind hierzulande eng vernetzt. Innovationszentren, Cluster und Verbände bringen die Akteure zusammen. Neue Werkstoffe gelten als zentraler Treiber für technische Innovation. Auf Werkstoff-Start-ups warten viele Förderangebote und interessierte Investoren.

BU Neue materialien
Foto: INM/Uwe Bellhäuser

Graphen als Schmierstoff: Am Leibniz-Institut für Neue Materialien (INM) wird in einer Ultrahochvakuumkammer gemessen, wie Reibung durch eine einzelne molekulare Lage Kohlenstoff reduziert werden kann.

Einsendeschluss ist der 14. April 2015. Bis dahin sind im nordrhein-westfälischen Leitmarktwettbewerb „Neue Werkstoffe“ Ideen aus den Bereichen Nanomaterialien, Kunststoffe, Metalle oder Textilien gefragt, die in Klimaschutz, Energieeffizienz, Medizin oder Kommunikation neue Lösungswege eröffnen. Das Besondere: Es sind insgesamt 60 Mio. € Preisgelder zu holen – davon 20 Mio. € vom Land und 40 Mio. € aus EU-Töpfen.

Fördergelder für Materialforscher

Als Grund für die reichliche Ausstattung des Wettbewerbs nennt die Landesregierung die Bedeutung der Materialforschung. Neue Werkstoffe seien Innovationsmotoren für alle technologieorientierten Branchen und Wirtschaftszweige: „Rund 70 % aller technischen Neuerungen wären ohne Werkstoffinnovationen nicht möglich.“ Allein in NRW würden sich über 10 000 Unternehmen und Forschungseinrichtungen mit neuen Werkstoffen befassen und zusammen über 200 Mrd. € jährlich umsetzen.

Viele nordrhein-westfälische Akteure sind organisiert im Cluster „NanoMikroWerkstoffePhotonik“ (NMWP.NRW). Solche Cluster gibt es auch andernorts: in Niedersachsen unter dem Titel „Nano-und Materialinnovationen“ (NMN). Hessen hat das im „Materials Valley“. Und in Nordbayern hat sich ein enges Geflecht aus Firmen und Forschungsinstituten um die beiden landeseigenen Kompetenzzentren „Neue Materialien“ in Bayreuth und Fürth gebildet. Im Fokus dort stehen vor allem faserverstärkte Kunststoffe mitsamt Bearbeitungstechnik, Multimaterial-Systeme sowie neue Verfahren rund um die Metallverarbeitung, darunter die additive Fertigung.

Angegliedert ist auch das Bayreuther Gründerzentrum, das sich gezielt an Start-ups aus der Werkstoffbranche wendet. Hier arbeiten Firmen wie die 2003 gegründete Ceramer GmbH, die sinterfähige Hochleistungspolymere aus Polyphenylensulfon entwickelt. Oder die FutureCarbon GmbH, die sich der Entwicklung und Fertigung von Kohlenstoff-Nanomaterialien widmet. Das Start-up spricht Kunden aus Automobil- und Batterietechnik, aus Energieversorgung, Gebäudetechnik, Luft- und Raumfahrtechnik sowie dem Maschinen- und Anlagenbau, der Petro-Industrie und Umwelttechnik oder aus der Windenergiebranche an. Alle kommen als Abnehmer für den Rohstoff infrage, der sogenannte „Carbon Super Komposite“ möglich macht. Diese zeichnen sich durch hohe elektrische und thermische Leitfähigkeit aus und eignen sich besonders zur mechanischen Verstärkung von faserverstärkten Kunststoffen.

Die für Werkstoff-Start-ups typische Vielfalt möglicher Kunden kann Segen und Fluch zugleich sein. So bergen breite Anwendungsmöglichkeiten ein großes Marktpotenzial – was das Interesse von Wagniskapitalgebern weckt. Gerade Venture Capital-Töchter von Chemie- und Technologiekonzernen wie BASF, Evonik oder Freudenberg sind an Investments in Neue Materialien und ihre Macher interessiert. Gleiches gilt für das Gros der VC-Geber in der Datenbank des Bundesverbandes Deutscher Kapitalbeteiligungsgesellschaften (BVK). Deutschlands aktivster Frühphaseninvestor, der Hightech-Gründerfonds (HTGF), hat aktuell knapp 20 Start-ups aus dem Kernbereich „Neue Werkstoffe“ im Portfolio. Bei vielen Weiteren sind Neue Werkstoffe der Schlüssel zur Innovation. Auch über das HTGF-Netzwerk finden Gründer Kontakte zu Chemie- und Technologieriesen: Unter anderem sind Altana, BASF, Bayer, Bosch, Evonik und Lanxess am Fonds beteiligt.

Bei vielen Gründungen im Werkstoffbereich handelt es sich um Ausgründungen aus Hochschulen und Forschungsinstituten. So sind beispielsweise aus dem Saarbrücker Leibniz-Institut für Neue Materialien (INM) bereits elf Spin-offs hervor gegangen. Innerhalb solcher Einrichtungen ist der Zugang zu Seed-Kapital vergleichsweise gut: Über die verschiedenen Stufen des Exist-Programms können Gründerteams für die Start-Phase Stipendien beantragen. Gefördert mit einer halben Hochschulstelle können sie dann ihre Gründung planen und ihre Werkstoffe weiter entwickeln. Daneben gibt es das zweistufige Exist-Forschungstransfer-Programm, in dem sie zunächst mit bis zu 250 000 € an Sach- und Personalförderung die technische Realisierbarkeit ihrer Entwicklung nachweisen und einen Businessplan ausarbeiten können. In Stufe II erhalten sie Hilfestellung bei der Aufnahme ihrer Geschäfte und bei der Anbahnung einer Anschlussfinanzierung. Hier fließt ein nicht rückzahlbarer Zuschuss von bis zu 180 000 €, wobei die Fördersumme auf maximal 75 % der Gesamtkosten begrenzt ist. Dennoch: Mit dieser Förderung ist in aller Regel ein Start zu machen.

Der Fluch der Anwendungsvielfalt neuer Werkstoffe liegt darin, dass Start-ups viele potenzielle Kunden ansprechen müssen und ihnen möglichst in konkreten Projekten nachweisen müssen, was ihr Material kann – und warum es den bislang eingesetzten Werkstoffen überlegen ist. Das nimmt mitunter Jahre in Anspruch; zumal der Umstieg auf einen neuen Werkstoff für Kunden oft mit Investitionen in neue Fertigungstechnik sowie in neue Mess- und Prüftechnik verbunden ist. Für Gründerteams und für ihre Investoren heißt das, dass sie viele Widerstände in Unternehmen überwinden und mit Rückschlägen leben müssen. Außerdem müssen sie ausgesprochen umtriebig sein, um Projekte mit möglichen Kunden im In- und Ausland anzustoßen.

Genau hier erweisen sich die vielen regionalen Cluster, Innovationszentren und die Vielfalt der Verbände im Bereich der Materialentwicklung als Standort-Vorteil. Einen Überblick über die bestehenden Netzwerke geben die Deutsche Gesellschaft für Materialkunde (DGM) sowie die Clusterplattform des Bundes (s. u.). Letztere listet allein in dem Technologiefeld „Werkstofftechnologien“ über 50 Cluster auf, wobei sich viele davon mit den Clustern aus den Bereich „Kunststofftechnologien“ und „Nanotechnologien“ decken. Neben den Clustern führt die DGM knapp 20 Verbände und Fachgesellschaften aus dem Bereich der Werkstofftechnik auf.

Die Vielfalt ist auch hier Segen und Fluch. Einerseits finden sich bei vielen Clustern und Verbänden gezielte Förderangebote für Start-ups, vergünstigte Mitgliedschaften sowie nützliche Hinweise auf aktuelle Förderprogramme von EU, Bund und Ländern. Andererseits ist beim Suchen nach geeigneten Netzwerken Geduld gefragt. Denn wer den Links der Cluster folgt, stößt auf immer neue Adressen und Ansprechpartner, auf deren Webseiten sich wieder neue Links und Adressen finden. An Möglichkeiten zur Vernetzung mangelt es also wahrlich nicht im weiten Feld der Neuen Materialien.

 

http://www.dgm.dehttp://www.clusterplattform.de

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