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Donnerstag, 23. November 2017, Ausgabe Nr. 47

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Finanzierung

Wirtschaftsprüfung: Buhlen um Mandanten

Von Reinhard Lückmann | 14. März 2014 | Ausgabe 11

Auf dem deutschen Wirtschaftsprüfungsmarkt geht es hoch her. Während die Erlöse stagnieren, wird das Gerangel um die Mandanten heftiger. Dabei umwerben die Umsatzriesen unter den Prüfungskonzernen verstärkt den Mittelstand und versuchen, mit Billigangeboten kleinere WP-Gesellschaften zu verdrängen. Experten warnen: Schnäppchenpreise dürfen nicht auf Kosten der Qualität gehen.

Zahlenspiele
Foto: Imago Sportfotodienst

Zahlenspiele: Viele Firmen überlegen, die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft zu wechseln. Niedrigere Preise locken.

Frohe Kunde für die Anteilseigner: Die Singulus Technologies AG hat den Turnaround geschafft. Der Spezialist für Anlagen zur Herstellung von Solarzellen, Halbleitern und Blu-ray-Discs konnte 2013 den Umsatz um 23 % auf 134 Mio. € steigern und die Verlustzone verlassen.

Der Markt für Wirtschaftsprüfungsleistungen (WP)

Verantwortlich dafür waren auch Maßnahmen zur Kostensenkung. Bereits im Jahr zuvor hatte der in Kahl am Main ansässige Maschinenbauer Aufwandspositionen gestrafft – darunter auch die Kosten für die Jahresabschlussprüfung. Musste das Unternehmen 2011 den Prüfern von Ernst & Young rund 400 000 € überweisen, so waren es im Folgejahr nach einem Wechsel zu KPMG nur noch 228 000 €. Für die niedrigeren Honorare seien neben einem reduzierten Volumen (geänderte Aufgabenbeschreibung, weniger Tochtergesellschaften) auch attraktivere Konditionen verantwortlich, berichtet Unternehmenssprecher Bernhard Krause.

Sinkende Prüfungskosten sind kein Einzelfall. Sparen konnte auch die Gebr. Heller Maschinenfabrik in Nürtingen (Umsatz 2012: 592 Mio. €, 2500 Mitarbeiter). Der Spezialist für Werkzeugmaschinen und Systeme für die spanende Bearbeitung konnte 2012 seine Zahlungen für Prüferhonorare von 210 000 € auf 175 000 € senken.

Dass Wirtschaftsprüfung (WP) billiger wird, kommt nicht von ungefähr, denn der Markt für Wirtschaftsprüfungsleistungen ist gesättigt. Marktanteile können nur noch zulasten der Konkurrenz ausgebaut werden. Die Folge: Der Wettbewerb unter den Wirtschaftsprüfern steigt.

Deshalb haben die vier umsatzstärksten Gesellschaften – Pricewaterhouse-Coopers (PwC), KPMG, Ernst & Young und Deloitte – den Mittelstand mehr denn je als Zielgruppe ausgemacht. Sie bauen dadurch auch Druck auf mittelgroße und kleine WP-Gesellschaften auf. Experten, wie Stefan Thiele vom Lehrstuhl für Wirtschaftsprüfung und Rechnungslegung an der Uni Wuppertal, bestätigen diesen Trend: "Im Markt herrscht ein Verdrängungswettbewerb, der durch stagnierende oder sogar rückläufige Honorare gekennzeichnet ist. Die Big Four versuchen, mit Kampfpreisen neue Mandate von mittelständischen Unternehmen zu erhalten."

In solch einem Szenario scheint es für prüfungspflichtige Gesellschaften verlockend zu sein, sich bei einem Prüferwechsel für den billigsten zu entscheiden. Doch der Preispoker kann leicht auf Kosten der Qualität gehen. "Der Auftraggeber einer Abschlussprüfung wird sich überlegen müssen, welche Prüfungsqualität er für sein Unternehmen wünscht", sagt Hansrudi Lenz vom Lehrstuhl für Betriebswirtschaftslehre, Wirtschaftsprüfungs- und Beratungswesen der Uni Würzburg.

Generell gelte der Grundsatz: Je höher die Qualität, je geringer also das Risiko, dass wesentliche Fehler im Abschluss vom Prüfer nicht entdeckt werden, umso höher der Preis der Abschlussprüfungen. Auch die Abschlussprüferaufsichtskommission APAK, fürchtet, dass "in Einzelfällen infolge nicht angemessener Honorare" qualitätsgefährdende Risiken entstehen können.

Doch der Jahresabschluss zum Schnäppchenpreis muss nicht zwangsläufig zulasten der Qualität gehen. Nach Auffassung von Stefan Thiele hängt die Güte der Leistungen von der Qualität der bisherigen Arbeit ab. Bei den mittleren und kleineren WP-Gesellschaften sei diese durchaus unterschiedlich, fügt der Inhaber des Lehrstuhls für Wirtschaftsprüfung und Rechnungslegung der Uni Wuppertal hinzu. "Mir sind sehr viele Fälle exzellenter Arbeit bekannt, aber auch Prüfungen von Abschlüssen großer Mittelständler mit mehreren Tausend Mitarbeitern, bei denen die Prüfung nicht in jeder Hinsicht den geforderten Qualitätsstandards entspricht, zum Beispiel im Hinblick auf die Dokumentationspraxis."

Beim Anlagenbauer Singulus hat der Prüferwechsel zum niedrigeren Tarif, so Sprecher Bernhard Krause, keine qualitativen Einbußen mit sich gebracht. Man sei auch mit den neuen Prüfern sehr zufrieden.

Nach Einschätzung von Jörg Baetge ist der steigende Wettbewerb unter den Wirtschaftsprüfungsunternehmen für die mittelständischen Mandanten nicht nur aus Kostengründen vorteilhaft. Der Bilanzanalysespezialist und Leiter eines Forschungsteams an der Uni Münster sieht bei den großen WP-Gesellschaften zusätzlich einen Reputationsbonus. "Für die mittelständischen Mandanten könnte ein Wechsel zu einem der großen Prüfungskonzerne durchaus vorteilhaft sein, weil Banken oder andere Kreditgeber deren Jahres- und Konzernabschlüssen in der Regel viel Vertrauen entgegenbringen."

Weiter sinkende Preise hält er für unwahrscheinlich, weil die Big Four aufgrund ihres "Wasserkopfs" kaum dazu in der Lage seien, kleinere WP-Gesellschaften dauerhaft zu unterbieten. "Entweder gehen sie mit absoluten Kampfpreisen rein, um ihre Marktanteile auszubauen, oder sie versprechen sich, dass sie auf lange Sicht vielleicht etwa über Beratungsaufträge Geld verdienen."

Auch Stefan Thiele glaubt, dass Mandanten bei einem Anbieterwechsel keine Riesensummen sparen können. "Niedrigpreise werden bestenfalls kurzfristig zu halten sein, da sie nur dem Markteintritt dienen." Mittel- und langfristig könne der Wechsel zu einem der vier Umsatzriesen sogar zu höheren Kosten für die geprüften Unternehmen führen.

Die kleineren Wettbewerber der WP-Umsatzriesen sehen der weiteren Entwicklung gelassen entgegen. "Die Big Four versuchen ja nicht erst seit gestern, in unseren Markt hineinzudrängen. Das ist eine Wettbewerbssituation, die wir kennen, auf die wir eingestellt sind", sagt Marian Ellerich, Partner von PKF Fasselt Schlage, einer in Berlin ansässigen Wirtschaftsprüfungsgesellschaft mit 600 Mitarbeitern. Man habe im Vergleich zu den ganz Großen der Branche strukturelle Vorteile. "Wir sind nicht in Divisionen oder Geschäftsbereiche zergliedert, sondern denken schon vom Ansatz her ganzheitlich."

Die Honorare sind laut Ellerich nicht nur durch den Wettbewerb mit Groß-WPs unter Druck geraten. "In der Finanzkrise waren die Unternehmen gezwungen, radikal Kosten zu senken. Das haben auch wir gespürt. Aber wir glauben, dass wir das so langsam hinter uns haben."   REINHARD LÜCKMANN

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