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Donnerstag, 13. Juli 2017, Ausgabe Nr. 28

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Bildung

„Beim Praxisbezug steht Hochschulbildung auf Rot“

Von W. Schmitz | 13. Juni 2014 | Ausgabe 24

Die Lehrerausbildungist mangelhaft und das Ingenieurstudium könnte mehr Praxisnähe vertragen. Im "Hochschul-Bildungs-Report 2020" verteilen der Stifterverband und das Beratungsunternehmen McKinsey schlechte Noten.

Praxisnaher Naturkundeunterricht
Foto: dpa/Ingo Wagner

Praxisnaher Naturkundeunterricht in der Grundschule unter männlicher Anleitung – laut Stifterverband ein viel zu seltener Anblick.

Säße die deutsche Hochschulbildung auf der Schulbank, müsste sie um ihre Versetzung bangen. Bei der Ausbildung von Lehrern, insbesondere in den technisch-naturwissenschaftlichen Bereichen, bei der Chancengerechtigkeit und der Internationalisierung sind die Hochschulen noch weit von dem entfernt, was sich die Bundeskanzlerin vorgestellt haben mag, als sie 2008 das Ziel einer "Bildungsrepublik" ausgab.

Zu diesem ernüchternden Ergebnis kommt jedenfalls der aktuelle "Hochschul-Bildungs-Report 2020", dessen jüngste Ausgabe der Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft und das Beratungsunternehmen McKinsey am Mittwoch in Berlin präsentierten. Als Grundlage des Reports dienten 70 verschiedene Indikatoren mit amtlicher und wissenschaftlicher Grundlage.

Bei der Lehrerbildung drücke besonders der Schuh, aber auch die ingenieurwissenschaftliche Ausbildung hinke trotz aller Fortschritte, etwa durch die Reduzierung der Abbruchquoten oder die steigende Zahl ausländischer Technikstudierender, den Anforderungen hinterher. "Unsere Analyse zeigt, dass wir die akademische und gesellschaftliche Diskussion über die besonderen Herausforderungen der MINT-Fächer anders führen müssen als bisher", sagte McKinsey-Direktor Jürgen Schröder.

Besonderer Handlungsbedarf bestehe in Maschinenbau, Elektrotechnik, Bauingenieurwesen und Informatik. "Es geht nicht um mehr Geld für die Förderung, sondern um den bestmöglichen Einsatz der vorhandenen Mittel", betonte Schröder. Bei der Frauenförderung seien seit sechs Jahren keine messbaren Fortschritte zu verzeichnen.

Volker Meyer-Guckel, stellvertretender Generalsekretär des Stifterverbandes, wollte gegenüber den VDI nachrichten die Lage nicht dramatisieren, zum "Immer so weiter" gebe es aber genauso wenig Anlass. "Es sieht nicht generell schlecht aus um die deutsche Hochschulbildung. Nähme man eine Ampel als Richtschnur, stünde der Akademikerbedarf auf Grün, weil wir deutlich mehr Studienanfänger, Absolventen und tendenziell weniger Abbrecher zu verzeichnen haben. Die Diversität würde auf Gelb stehen. Aber es hapert an der Nachfrageorientierung der Hochschulen. Die Studierenden beurteilen den Praxisbezug unzureichend, hier zeigt die Ampel Rot."

Volker Meyer-Guckel
Foto: Stifterverband

Volker Meyer-Guckel: „In der Grundschule zeigt sich ein Genderproblem der umgekehrten Art.“

Das Überraschende: Bisher hieß es unter Bildungsexperten, nach erheblichen Startschwierigkeiten seien die inzwischen nicht mehr so neuen Studiengänge Bachelor und Master auf einem guten Weg, insbesondere bei den Ingenieurwissenschaften. Hier aber dämpft der Report die Erwartungen. "Noch 2010 sagten 40 % der Studierenden, sie wären gut auf den Arbeitsmarkt vorbereitet. 2012 sind nur noch 35 % dieser Meinung. Bei den technischen Fächern sind es sogar nur 34 %. Irgendwas ist da aus dem Ruder gelaufen", kommentiert Meyer-Guckel die Resultate.

Der Report gibt keine Antworten auf das Warum. Meyer-Guckel bleiben nur Vermutungen, weshalb die Studierenden die fehlende Praxisnähe zunehmend kritisieren: "Wir wissen nicht genau, ob es zu wenig Praxisangebote im Studium gibt, ob die Angebote qualitativ als unzureichend wahrgenommen werden oder ob die Praxisanteile im Studium zu wenig reflektiert werden."

Die Diskussionen über die Beschäftigungsfähigkeit von Absolventen hätten nicht unbedingt das Vertrauen der Studierenden in ihre Studien gefördert. "Das färbt vermutlich auf die Erwartungshaltung der Studierenden ab. Sie fühlen sich vor dem Hintergrund dieser Diskussion häufig nicht gut genug auf das Berufsleben vorbereitet." Ob den Hochschulen hier tatsächlich große Versäumnisse unterlaufen, ließe sich nicht eindeutig klären.

Dennoch appelliert Meyer-Guckel an die Innovationsbereitschaft der Professoren: "An den Hochschulen sollte man noch einmal die Praxisphasen und deren Verzahnung mit den Curricula genauer betrachten. Wir brauchen praxisbezogenere neue Lehrkonzepte, die deutlicher machen, dass das, was in der Theorie vermittelt wird, in der Berufswelt Anwendung findet."

Fehlen im Ingenieurstudium immer noch ausreichend viele Frauen, mangele es in der Primarstufe an Männern, die Technik und Naturwissenschaften vermitteln. Meyer-Guckel: "Bei Betrachtung der Diversität zeigt sich ein Genderproblem der umgekehrten Art. Fast 90 % aller Grundschullehrer sind weiblich. Dieses Ungleichgewicht nimmt weiter zu. Wir müssen hier dringend gegensteuern."  W. SCHMITZ

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