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Donnerstag, 18. Mai 2017, Ausgabe Nr. 20

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Gesellschaft

"Das Bestellauto könnte schon in 15 Jahren Realität sein"

Von Klaus Jopp | 25. Mai 2012 | Ausgabe 21

Neue Impulse für Technikentwicklungen gehen häufig vom Anwender mit seiner ganz individuellen Erfahrung aus, so ein Fazit der aktuellen Zukunftsstudie von VDE und Münchner Kreis. Ob sich etwa fahrerlose Elektroautos oder digitale Schulbücher werden etablieren können, hänge stark von der jeweiligen Gesellschaft ab. Der internationale Vergleich zeigt zudem deutliche Unterschiede in der Begeisterungsfähigkeit des Einzelnen für eine Technologie und sein Vertrauen in deren Sicherheit.

Peter Schmidt war kurz im Internet, jetzt steht er vor seinem Haus und wartet auf das Bestellauto. Kaum ist es eingetroffen, macht der Chemieingenieur es sich auf dem Beifahrersitz bequem, schließt den Laptop an und arbeitet seine Präsentation noch einmal durch. Währenddessen fährt das Elektroauto selbständig zu dem Ziel, das Schmidt bereits im Internet vorgegeben hat. Den Führerschein hat er schon vor Jahren abgegeben – wann immer er einen fahrbaren Untersatz braucht, bucht er ihn im Internet, "Chauffeur" inklusive.

Das fahrerlose Auto, das – total vernetzt – seinen Weg selbst findet, ist eine Vision, die der Münchner Kreis zusammen mit dem Verband der Elektrotechnik, Elektronik und Informationstechnik (VDE) entwickelt hat. Der Münchner Kreis ist ein Netzwerk aus Wissenschaft, Wirtschaft und Politik, das die Entwicklung, Erprobung und Einführung neuer Kommunikationssysteme fördert.

"Zukunftsbilder der digitalen Welt" heißt die Studie des Münchner Kreises, die auf 276 Seiten 16 konkrete Perspektiven aus sieben elementaren Lebenssituationen beschreibt und die Reaktion künftiger Nutzer zusammenfasst.

Um zu ergründen, wie die digitale Technik unser Leben beeinflusst, wurden über 7200 Internetnutzer aus 6 Ländern – Deutschland, Schweden, USA, Brasilien, China und Korea – zu diesen Zukunftsbildern befragt. Die Initiatoren wollen damit herausbekommen, wie wir in 20 Jahren leben werden.

"Solche Studien sind extrem wichtig für die Industrie, weil dadurch erstmals Quervergleiche zwischen grundsätzlich verschiedenen Ländern wie Brasilien und Südkorea möglich werden", erklärt Jörg Eberspächer, Leiter des Lehrstuhls für Kommunikationsnetze an der TU München.

Ebenso daran interessiert sind Politik und Verwaltung. Auch wenn das Bestellauto von Peter Schmidt scheinbar weit in die Zukunft greift, so schätzen Experten, dass es in 10 bis 15 Jahren realisiert sein könnte. "Die Techniken sind im Grundsatz vorhanden, sie müssen nun weiterentwickelt und zusammengeführt werden", so Eberspächer.

In China, Brasilien und Korea ist die Begeisterung für das Bestellauto am größten, Deutsche, Schweden und Amerikaner sind dagegen deutlich skeptischer und nicht einmal sicher, ob sie das neue Angebot zumindest ausprobieren würden. Skurrile Randnotiz: Die deutschen Nutzer schätzen es sehr kritisch ein, dass auch Menschen ohne Führerschein das Bestellauto buchen können.

Die größte Sorge aber gilt der Zuverlässigkeit der Technik: 59 % der Deutschen und sogar 75 % der Koreaner fragen sich, was passiert, wenn diese mal ausfällt. In Brasilien vertraut man dagegen darauf, dass das Bestellauto nur ausgereift auf den Markt kommen wird.

Seit 2008 wurde das "Projekt Zukunftsstudie" ausschließlich mit Experten durchgeführt. Nun gab es einen Perspektivwechsel, bei dem der Nutzer im Mittelpunkt steht. Gleichzeitig wurde die Anzahl der Befragten von unter 1000 deutlich erhöht.

Die Lebenssituation "Lernen und Wissen" wurde vor dem Hintergrund ausgewählt, dass die ständige Weiterbildung an Bedeutung stark gewinnt. Ein Beispiel für ein innovatives Bildungskonzept ist "das digitale Schulbuch", mit dem die zur Bildung erforderlichen Inhalte und Informationen in digitaler Form auf mobilen Endgeräten zur Verfügung gestellt werden. Außer in Deutschland steht das digitale Schulbuch vor der Einführung oder ist bereits Realität. Vor allem in China und Brasilien findet dieses Instrument große Zustimmung. In Deutschland wird das System zwar grundsätzlich befürwortet, allerdings sprechen hier Technikabhängigkeit, Kosten und die Angst vor Datenmissbrauch gegen den Einsatz.

"Die Kulturen sind derzeit doch noch sehr unterschiedlich bei der Beurteilung von Technologien, aber die digitalen Welten wachsen schnell zusammen, weil sich die Kommunikationsgewohnheiten rascher angleichen als die Gewohnheiten in anderen Bereichen", konstatiert Ralf Steinmetz, Vorstandsmitglied der Informationstechnischen Gesellschaft (ITG) im VDE und Leiter des Lehrstuhls Multimedia Kommunikation der TU Darmstadt.

Spätestens 2024 soll die Bezahlung im Einzelhandel oder Restaurant über das mobile Endgerät (Mobile Wallet) weltweit mit einheitlicher Technologie möglich sein – sozusagen die Brieftasche im Handy. Zahlungs- und Kundenkarten, Gutscheine und Kleingeld, Fahrkarten und Flugtickets werden komplett ins Mobiltelefon integriert – ein kurzer Kontakt am Touch-Point genügt.

Getrieben wird diese Entwicklung nicht zuletzt durch die Erkenntnis, dass es weltweit immer mehr Handys gibt. "2011 wurden mehr Smartphones verkauft als Laptops, 2013 wird das Verhältnis bei 600 Mio. zu 450 Mio. liegen", bestätigt Steinmetz. Die Brieftasche der Zukunft vereint digitale Funktechnik und Internetfähigkeit von Smartphones mit Smartcard-Fähigkeiten der SIM-Karte des Mobilfunkbetreibers.

"Wir stehen vor radikalen Veränderungen unseres täglichen Lebens, von entscheidender Bedeutung ist allerdings, dass wir dabei die Sicherheit der Systeme gewährleisten", betont Kai Grassie, CTO bei Giesecke & Devrient. In der Tat bleibt die Sicherheit eine Achillesferse der schönen digitalen Welt von morgen, auch das zeigt die neue Studie in allen Anwendungsfeldern immer wieder. KLAUS JOPP

www.muenchner-kreis.de/pdfs/Delphi/2011_Zukunftsbilder_der_digitalen_Welt.pdf

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