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Donnerstag, 23. März 2017, Ausgabe Nr. 12

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China

Der Drache drosselt das Tempo

Von Wolfgang Schmitz, Christoph Böckmann | 28. August 2015 | Ausgabe 35

Die Wirtschaft der Volksrepublik befindet sich im Umbruch. Das führt hierzulande zu schweren Beben. Die Angst ist groß, der wichtige Handelspartner könne doch nicht der Markt der Zukunft sein. Dabei will China nur von der Export- auf die Konsumnation umstellen.

BU China
Foto:  PantherMedia/U. Flueeler

Der chinesische Drache hält Kurs. Aber nun ist qualitatives statt quantitatives Wachstum der politische Leitgedanke.

Deutsche Unternehmen blicken sorgenvoll nach China. Der rote Drache ist angeschlagen. Peking hat Mühe, seine Aktienmärkte zu stabilisieren, der Export ist eingebrochen und auch die Nachfrage im Inland schwächelt. Zweistellige Wachstumsraten gehören der Vergangenheit an. Zusätzlich wirft das Chemieunglück von Tianjin erneut Fragen zu Sicherheitsstandards und Arbeitsschutz auf.

Chinas Wirtschaft

Was bis vor Kurzem noch als Markt der Zukunft gepriesen wurde, gilt nun als Risikofaktor. Denn durch ihre hohen Investitionen und den Handel ist die deutsche Wirtschaft so abhängig vom Reich der Mitte wie keine zweite. Im vergangenen Jahr wurden Waren „made in Germany“ im Wert von 74,5 Mrd. € nach China ausgeführt. Damit war die Volksrepublik der viertwichtigste Absatzmarkt für deutsche Firmen – nach Frankreich, den USA und Großbritannien.

Ein Absatzmarkt, mit dem es bergab geht, so die Meinung vieler Investoren und Anleger. Die Furcht vor einem Wachstumseinbruch in China ließ in den vergangenen Tagen die Aktienkurse von deutschen Unternehmen wie Henkel, BMW und VW, die dort einen großen Teil ihrer Produkte verkaufen, unter die Räder geraten. Hysterie der Börsianer oder segelt der rote Drache tatsächlich ins Tal?

Kein Anlass zur Hysterie, meint Michael Schumann, Vorstand und Chinaexperte des Bundesverbandes für Wirtschaftsförderung und Außenwirtschaft (BWA). „Wenn das Wachstum unter 7 % bleibt und der Aktienmarkt um 30 % sinkt, wird in den Medien gleich das Ende des chinesischen Wirtschaftswachstums ausgerufen und die globale Krise beschworen. Dabei muss man bedenken, dass der Shanghai Composite Index seit Ende letzten Jahres mehr als 130 % gestiegen ist.“

Auch Hanns Günther Hilpert, Leiter der Forschungsgruppe Asien bei der Stiftung für Wissenschaft und Politik, sieht in dem Kursrutsch keinen Grund, sich Sorgen zu machen. „Die Aktienmärkte sagen wenig über den Status der chinesischen Wirtschaft aus“, so der Forscher. „Die Marktkapitalisierung ist gemessen am Bruttoinlandsprodukt eher gering.“ Außerdem seien an den Börsen zahlreiche unrentable Staatsunternehmen gelistet.

Dass die Wachstumsraten der Wirtschaft mittlerweile niedriger sind, sieht Hilpert eher als positive Nachricht. „Die hohen Raten waren in der Vergangenheit auf Verschuldung sowie Raubbau an Umwelt und Ressourcen gebaut.“ Der gegenwärtige Schwerpunkt liege im Gegensatz zu den 70er-, 80er- und 90er-Jahren auf dem qualitativen Wachstum. Das setze weniger auf Investitionen, Infrastrukturausbau und Exporte, sondern solle durch Innovation, Dienstleistung, Nachhaltigkeit und insbesondere privaten Konsum getrieben werden.

Ergebnis: Deutsche Unternehmen müssten sich darauf einstellen, dass in China zukünftig weniger Infrastruktur und Produktionsstätten aufgebaut würden, so Hilpert. Vom Qualitätstrend könnten also Hersteller von Konsumgütern und Hersteller von Ausstattungen für Produktionsstätten profitieren.

„Sorgen sollte man sich aber machen, ob die wirtschafts- und finanzpolitische Umsteuerung des Wachstums gelingt und China seine inneren Schulden in den Griff bekommt“, gibt Hilpert zu bedenken. Laut der Beratungsgesellschaft McKinsey ist die Summe privater und öffentlicher Schulden von 158 % des BIP (2007) auf 282 % des BIP (2014) gestiegen.

China verfolge mit seiner Wirtschaftspolitik zwei grundlegende Ziele, meint der Volkswirt und Sinologe Carsten Herrmann-Pillath: „Die Chinesen wollen vor allem den Yuan als Weltreservewährung, als eine Welthandelswährung etablieren. Sie interessiert nicht mehr, ob sie durch Wechselkursmanipulationen die Wettbewerbsfähigkeit ihrer Exportindustrie verändern können.“

Zudem sähen die Chinesen Innovationsführerschaft als wesentlichen Bestandteil ihrer Weltmachtziele. Dass sie inzwischen technologisch zu Japan, den USA und Deutschland aufgeschlossen hätten, hält der Professor für „Economics and Evolutionary Sciences“ an der Universität Witten/Herdecke für übertrieben: „Die Zahl der Patente ist in den vergangenen Jahren zwar explodiert, deren Qualität aber hat abgenommen.“

Die Konzerne hielten viele und hochwertige Patente, bei den meisten anderen Firmen fiele die Qualitätskurve steil ab. „Daran sieht man, dass die Staatsindustrien nicht sehr innovationsfreudig sind und dass die Subventionen für Technologien oft keine wesentliche Wirkung haben.“ Folgerichtig pochten jene, die sich ihre Erfindungen rechtlich sichern wollten, immer häufiger und drängender auf den Schutz geistigen Eigentums.

In einem Riesenland wie China mit einem Parteiapparat, dessen Mitgliederstärke der Einwohnerzahl Deutschlands entspricht, hätten es Reformen schwer. Die Rolle von Staatsunternehmen werde daher nicht grundsätzlich bezweifelt, betont Herrmann-Pillath.

Dennoch setze sich, so der Wissenschaftler, immer mehr die Einsicht durch, dass der Markt die Wirtschaft steuert. „Das riesige Potenzial der Chinesen, die im Ausland studiert oder gearbeitet haben, sorgt dafür, dass westliches Denken an Einfluss gewinnt. Dazu gehört die Kritik an der starken Umweltbelastung und an der intransparenten Informationspolitik.“ Nach der Katastrophe in Tianjin habe die Regierung versucht, Informationsströme zu kontrollieren. „Da kämpft sie aber in Zeiten virtueller Vernetzung auf verlorenem Posten.“

Das „merkwürdige Mischprodukt aus Ideologie und Pragmatismus“ wirke auf den Westen widersprüchlich, sei in China aber kein Paradoxon. Herrmann-Pillath: „Die Ideologie mit Mao und Marx ist nicht mehr als ein Ritual. Es ist in China jedem klar, dass die Ideologie nicht der Wegweiser ist, sondern das Wohlergehen, die Macht, der Aufstieg und die Einheit der Nation.“ Die rund 3000 Parteihochschulen verfolgten zwar eine KP-gesteuerte Ideologie, aber sie sähen immer mehr aus wie amerikanische Business Schools mit MBA-Programmen für Leadership and Strategy.

Es klingt paradox, aber durch das Bekenntnis zu den Traditionen umgehen chinesische Unternehmer die KP-Doktrin und nähern sich dem Westen an. „Es gibt viele, die sich auf Konfuzius berufen und sagen: Wir wollen moralische Arbeitgeber sein und das Unternehmen als Familie sehen, ähnlich christlichen Familienunternehmern in Deutschland“, erläutert Herrmann-Pillath.

In der KP ist man sich bewusst, dass sie dem ideologisch nicht viel entgegenzusetzen hat – und passt sich der Entwicklung an. Die Partei positioniert sich immer mehr als Führungselite, politisch sowieso, inzwischen aber auch ökonomisch. „Es werden zunehmend Privatunternehmer als Mitglieder aufgenommen, die große Zahl an Milliardären im Nationalen Volkskongress ist kein Zufall.“ Eine Studie zur Aufnahmepolitik der KP bestätigt den Trend: Es werden Mitglieder mit hohem Bildungsabschluss gesucht, vorzugsweise mit Studienabschluss.

Der Trend, das gesamte Riesenreich wirtschaftlich zu vernetzen und als Standort aufzuwerten, ist indes noch im Gange, berichtet BWA-Vorstand Schumann: „Von den kostenintensiven Produktionsstandorten an der Küste wie Shanghai und Shenzhen zieht es Unternehmen ins Innere des Landes, etwa nach Chongching oder Chengdu.“ Dort aber ist das Leben weit weniger westlich geprägt als etwa in Shanghai. Die Infrastruktur hinkt westlichen Standards weit hinterher.

Der chinesische Drache hat noch einen weiten Weg vor sich.

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