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Dienstag, 12. Dezember 2017

Forschung

Die Industrie soll stärker an die EU-Forschung gebunden werden

Von Thomas A. Friedrich | 20. Juli 2012 | Ausgabe 29

Die EU-Kommission plant ihr bisher größtes Forschungsprogramm: Horizon 2020. 80 Mrd. € sollen in der Zeit von 2014 bis 2020 in die europäische Forschung fließen. EU-Forschungskommissarin Máire Geoghegan-Quinn erklärt im Gespräch mit den VDI nachrichten Ziele und Schwerpunkte des Programms, das politische Konfliktpotenzial und die Schwächen der EU-Forschung.

VDI NACHRICHTEN: Das Forschungsrahmenprogramm "Horizon 2020" will eine neue "Partnerschaft für Forschung und Innovation" schmieden auf der Basis von "Public-private-Partnership". Dies ging schon beim Satellitennavigationsprojekt Galileo schief. Wie soll es künftig gelingen?

GEOGHEGAN-QUINN: Gerade vor wenigen Tagen haben sich bei der Brüsseler Infoveranstaltung zu "Public-private-Partnership" viele Wissenschaftler und Industrievertreter dafür ausgesprochen, diesen Ansatz weiter zu verfolgen. Zugunsten eines wirtschaftlichen Wiederaufschwungs Europas sollen vor allem in den drei Bereichen Fabriken der Zukunft, energieeffiziente Gebäude und grüne Autos "Public-private-Partnership"-Projekte durch das Forschungsprogramm Horizon 2020 aktiv unterstützt werden.

Die EU-Kommission schlägt für den Siebenjahreszeitraum 2014-2020 für Horizon 2020 ein Budget von 80 Mrd. € vor. Das EU-Parlament verlangt 100 Mrd. €. Was erwarten Sie?

Es wäre wunderbar, wenn wir 100 Mrd. € zur Verfügung hätten. Was wir vorgeschlagen haben, ist ambitiös, aber auch realistisch. In der Tat haben sich der Industrieausschuss des EU-Parlaments und die Obleute der Parteien für eine Summe von 100 Mrd. € ausgesprochen. Es bleibt den anstehenden Verhandlungen zwischen dem EU-Parlament und dem Ministerrat vorbehalten, hierüber Entscheidungen zu fällen. Es ist besorgniserregend, dass gerade die Mitgliedstaaten, die ihre eigenen Ausgaben für Forschung und Entwicklung erhöhen, sich in Brüssel gegen eine Erhöhung des EU-Haushaltes über die 1 %-Marke des Mehrwertsteueraufkommens sträuben und für eine Absenkung des EU-Haushaltes einsetzen.

Sie haben unlängst Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble in Berlin getroffen. Haben Sie Bereitschaft erfahren, dass Berlin EU-Gelder aufstocken will zugunsten der Forschung?

Ich musste den Bundesfinanzminister nicht von der Bedeutung von Forschung und Entwicklung für die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Wirtschaft überzeugen. Er hat mit Recht darauf hingewiesen, dass die deutsche Bundesregierung sich dies dauerhaft zur Richtschnur ihres Handelns macht. Auch die deutsche Industrie sei sich dessen bewusst und handele entsprechend. Er wolle sich dafür einsetzen, dass Forschung und Innovation in Europa entsprechend finanziell ausgestattet werden.

Das täuscht nicht darüber hinweg, dass die Bundesregierung Ihrer Idee, eine neue Budgetlinie für den Fusionsforschungsreaktor Iter sowie das Weltraumprogramm GMES außerhalb von Horizon 2020 zu schaffen, ablehnend gegenübersteht.

Ich habe bereits mit Bundesforschungsministerin Annette Schavan darüber gesprochen. Der Grund für den Vorschlag von EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso, die großen Infrastrukturvorhaben der Zukunft außerhalb der mittelfristigen Finanzplanung zu budgetieren, sollte die EU-Mitgliedstaaten mehr in das Projekt einbinden. Die EU-Kommission hat wenig Erfahrung mit dem Management von derartigen langjährigen Infrastrukturprojekten. Das Iter-Projekt und auch GMES werden die nächsten EU-Kommissionen und auch Legislaturperioden von nationalen Regierungen überdauern. Deshalb benötigen wir eine nachhaltige Struktur und finanzielle Ausstattung, um solche Großprojekte in Zukunft managen zu können.

Wo sehen Sie Europas technologische Stärken im globalen Wettbewerb und wie wollen Sie diese Stärken in Zukunft ausbauen?

Unsere Stärke in Europa war immer, dass wir exzellente Wissenschaft und Forschung betreiben. Aber wir haben es versäumt, diese in marktgängige Produkte und Dienstleistungen umzusetzen und zügig zu kommerzialisieren. Diesen Prozess von der Erfindung bis zum Produkt wollen wir mit der Schaffung der Innovations-Union und Horizon 2020 künftig stärker unterstützen. Dabei wollen wir die Industrie einbeziehen. Sie soll uns sagen, was wir als europäischer Gesetzgeber dazu beitragen können, um der Kommerzialisierung von innovativen Produkten und Dienstleistungen "made in Europe" schneller zum Erfolg zu verhelfen und damit die europäische Wettbewerbsfähigkeit sicherzustellen.

Die Struktur von Horizon 2020 ist bestimmt von den Pfeilern Exzellenz, industrielle Führung und gesellschaftliche Herausforderung. Werden mit diesen Prioritäten die neuen Mitgliedstaaten nicht an den Rand gedrängt?

EU-Regionalkommissar Johannes Hahn und ich sind uns einig, dass für die zwölf neuen Mitgliedsländer vor allem Gelder für den Infrastrukturaufbau aus den Kohäsionsfonds in diesen Ländern bereitgestellt werden sollen. Darüber hinaus sollen diese Länder in den Genuss von Horizon-2020-Förderung kommen, um ihre Labors auszustatten und die Mobilität der Wissenschaftler zu fördern. Herausragende Wissenschaftler bemühen sich bereits heute um Projektführerschaften in gemeinsamen EU-Projekten.

Die EU-Bürger stehen sowohl der Biotechnologie als auch gentechnisch veränderten Organismen skeptisch gegenüber. Wie wollen Sie dem entgegenwirken?

Die Wissenschaft muss sich in diesen gesellschaftlichen Diskussionsprozess so einbringen, dass jeder Bürger sie verstehen kann. In diesem Prozess müssen die Besorgnisse der Bürger berücksichtigt werden.

Zwei Schlüsselsektoren der europäischen Wettbewerbsfähigkeit in der Zukunft stellen die Luft- und die Raumfahrtindustrie dar. Was trägt Horizon 2020 zu deren Stützung bei?

Besonders die Luftfahrt zählt neben den Automobilherstellern zu den innovativsten Industrien in Europa. Beim Beispiel des Airbus A380 haben wir nahezu alle Teile an Flügeln und Rumpf sowie der Gesamtkonstruktion mit EU-Fördergeldern entwickelt, Wenn ich sehe, welche Anteile von europäischer Kompositforschung in die Produktion des Airbus und weltweit in den Flugzeugbau Eingang gefunden haben, ist dies ein deutlicher Beweis für die Erfolge europäischer Forschungsförderung. Wir sollten stolz sein auf die anwendungsorientierte Forschung in Europa, die zu solchen Ergebnissen führt und Flugzeuge leichter, emissionsärmer und ressourcenschonender macht.

In den Schlüsseltechnologien scheint Europa gegenüber aufstrebenden Regionen in der Welt zurückzufallen. Wie wollen Sie dem begegnen?

Mit der Kommissionsmitteilung zur Biotechnologie im letzen Jahr zum Beispiel wollen wir genau dem Rechnung tragen. Aber auch in der grünen Gentechnologie und Nanotechnologien sowie der Materialforschung und neuen Werkstoffen bis hin zu den Informations- und Kommunikationstechnologien wollen wir mit Horizon 2020 neue Schwerpunkte setzen, um Europa für marktfähige Zukunftstechnologien im globalen Wettbewerb zu rüsten und die großen gesellschaftlichen Herausforderungen in der Medizin angesichts alternder Gesellschaften aufnehmen.

Innovation, insbesondere in kleineren Unternehmen, wird durch ein fehlendes EU-Gemeinschaftspatent behindert. Wann kommt das EU-Patent?

Das EU-Gemeinschaftspatent ist in der Tat für KMU von erheblicher Relevanz und die EU-Kommission wird alles versuchen, um bis zum Herbst dieses Jahres zu einem endgültigen Ergebnis zu kommen.

  THOMAS A. FRIEDRICH

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