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Donnerstag, 23. Februar 2017, Ausgabe Nr. 08

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Ausbildung

Die Verdrängten

Von Wolfgang Schmitz | 3. Juli 2015 | Ausgabe 27

Eine „Marginalisierung“ der beruflichen Technikbildung befürchtet das „Nationale Mint Forum“, eine Vereinigung, die sich für die Förderung von Naturwissenschaften und Technik stark macht. Auf dem Mint-Gipfel in Berlin wurde klar: Für eine attraktivere Technikausbildung sind neue Karrierewege und bessere Informationen über Berufsbilder nötig.

Mint BU
Foto: dpa/Catherina Hess

Eine Aufnahme mit Seltenheitswert: Frauen bleiben im verarbeitenden Gewerbe, wie hier beim Kunststoffmaschinenbauer Krauss Maffei, ein großes ungenutztes Arbeitskräftereservoir.

Die Frage war rein rhetorischer Natur: „Wer von Ihnen hier im Saal lässt seine Kinder nicht studieren?“ Die Hände der Gäste aus Wirtschaft, Wissenschaft und Interessenverbänden blieben auf dem „3. Nationalen Mint Gipfel“ in Berlin-Spandau unten. Bundesbildungsministerin Johanna Wanka hatte offensichtlich nichts anderes erwartet. Die durch zahlreiche Studien gewonnene Erkenntnis, dass akademisch gebildete Eltern ihren Nachwuchs am liebsten an der Universität und nicht in der Werkshalle sehen, gehört schließlich nicht in die Rubrik „sensationelle Neuigkeiten“.

Ein abgeschlossenes Studium – speziell in den Ingenieurwissenschaften – sei die beste Versicherung gegen Arbeitslosigkeit, predigen Politik und Wirtschaft seit Jahren. Die Folge: Seit 2009 übertrifft die Zahl der Studierenden die der Auszubildenden. Im Wintersemester 2014/15 waren 2,7 Mio. Studierende an deutschen Hochschulen eingeschrieben, während das Statistische Bundesamt 2014 nur 1,4 Mio. Auszubildende zählte.

Laut Berufsbildungsbericht des Bildungsministeriums sank die Zahl der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge 2014 gegenüber dem Vorjahr um 1,4 % auf etwa 522 000. Zugleich erreichte die Zahl der unbesetzten Ausbildungsstellen mit mehr als 37 000 einen historischen Höchststand. Die Unternehmen fänden nicht die passenden Bewerber, heißt es. Dabei sind Techniker und Facharbeiter seit der Wirtschaftskrise weniger von Erwerbslosigkeit betroffen als Hochschulabsolventen, wie das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) berichtet.

Der Fachkräftmangel beträfe weiterhin berufliche wie akademische Bildung, betonte Ministerin Wanka auf dem Mint-Gipfel. Während es an den Hochschulen infolge zahlreicher Initiativen aber „signifikante Effekte“ wie den Anstieg der Studierendenzahlen in den Ingenieurwissenschaften gegeben habe, fehlten der hochgelobten dualen Ausbildung Erfolgsmeldungen. Individuelle Beratung müsste Alternativen zum Studium aufzeigen und überholte Berufsbilder korrigieren, fordert Wanka. Ärgerlich sei, dass es nicht gelänge, die dünne Frauenquote von knapp 12 % in technischen Branchen zu erhöhen und mehr Jugendliche mit Migrationshintergrund für eine duale Ausbildung zu gewinnen.

Facharbeiter empfinden Job als berufliche Sackgasse

Thomas Sattelberger, ehemals Personalvorstand der Deutschen Telekom und Sprecher des Nationalen Mint Forums, meint, dass zu viele Personaler die Zeichen der Zeit nicht erkannt hätten. „Die Schlüsselfrage für junge Menschen lautet: Wie werde ich in den Unternehmen behandelt? Insbesondere der Maschinenbau und das Handwerk schneiden bei diesen Fragen schlecht ab.“

Mit zunehmender Akademisierung der Karrierewege empfänden Facharbeiter ihren Job zudem als berufliche Sackgasse, so Sattelberger. Man habe in den vergangenen Jahrzehnten über die Förderung der höchst Qualifizierten bei Karriere- und Gehaltsfragen die mittlere Ebene vernachlässigt, ergänzte IAB-Direktor Joachim Möller. Das räche sich jetzt.

Facharbeiter haben Akademikern bei der Jobsicherheit inzwischen den Rang abgelaufen.

Reiner Hoffmann sprach in Berlin von „großer Unsicherheit“, die sich durch die Zunahme von Kettenarbeitsverträgen unter jungen Menschen ausbreite. „Zwar werden 50 % der Auszubildenden von ihrem Arbeitgeber übernommen, aber häufig nur über sechs oder zwölf Monate.“ Der Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) plädiert für eine „assistierte Ausbildung“. Dabei stehen Bildungsträger leistungsschwächeren Jugendlichen und innerbetrieblichen Ausbildern beratend zur Seite.

Ortwin Renn, Techniksoziologe der Universität Stuttgart, sieht neben dem „Verdrängungswettbewerb“ zwischen Lehre und Studium ihr schlechtes Image als wesentliche Ursache für das geringe Interesse an Ausbildungsberufen. So tendiere die Begeisterung des weiblichen Nachwuchses für die Metallbranche gen Null. „Aus ihrem Umfeld wird Mädchen fünf Mal häufiger als Jungen von technischer Ausbildung abgeraten.“

Als „Killerargument“ für junge Frauen erweise sich das Klischee, in technischen Ausbildungsberufen gebe es kaum Kontakt zu Menschen, so Ortwin Renn. 61,4 % der Schüler denken so, nur 17,2 % der Azubis. Viele Mädchen wie Jungen glauben, bei der Arbeit sei es ständig kalt und man setze sich großen gesundheitlichen Risiken aus.

Für Lars Funk, Leiter des Bereiches Beruf und Gesellschaft im VDI, nimmt der Deutsche Fußball Bund eine Vorbildfunktion bei der Nachwuchsförderung ein. Mit 320 Stützpunkten verfüge der DFB über ein dichtes Netz, das im Zusammenspiel von Haupt- und Ehrenamtlichen höchst effizient arbeite. Eine ähnliche Infrastruktur im Mint-Bereich könne dazu beitragen, technische Allgemeinbildung in die breite Bevölkerung zu tragen. Damit wäre der beruflichen wie der Hochschulbildung geholfen.

Volker Meyer-Guckel vom Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft warf einen Blick in die nicht allzu ferne Zukunft. Bald seien 50 % aller Eltern akademisch gebildet. Am Mittagstisch werde dann wohl kaum über die Karriere der Kinder an der Werkbank geredet. 

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