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Montag, 11. Dezember 2017

Photovoltaik

"Die nächsten Jahre werden extrem spannend"

Von Jörn Iken | 4. Oktober 2013 | Ausgabe 40

Die Solarstrombranche steckt tief in der Krise. Die Aussteller- und Besucherzahlen auf der einstmals wichtigsten Veranstaltung der globalen Solarbranche brechen ein. Aber die Konferenz EU PVSec diese Woche in Paris blickt nach vorn. Die Hoffnung steckt in neuen Märkten und für die deutschen Technologieanbieter immer noch in einem Wettbewerbsvorsprung vor der asiatischen Konkurrenz.

"Die nächsten Jahre werden extrem spannend"

Asien, Südamerika, Australien oder Afrika sind die neuen Photovoltaikmärkte. Das Fukushima-Desaster hat etwa Japan (Bild) eine solare Sonderkonjunktur beschert. Dort heimische Solarmodulhersteller können über Auslastung nicht klagen. So ist zum Beispiel Kyoceras tschechisches Modulwerk in Kadan dank der Aufträge für Japan ausgelastet. Foto: dpa

Der Bedeutungsverlust der europäischen Solarwirtschaft ist unübersehbar. Die 28. European Photovoltaic Solar Energy Conference (EU PVSec) war einst die wichtigste Veranstaltung der europäischen und weltweiten Photovoltaikbranche. Seit Montag läuft die Veranstaltung die ganze Woche in Paris. Die Zahl der Aussteller ist gegenüber 2012 um über die Hälfte eingebrochen.

Die Flure sind nicht gerade leer, aber man kommt ohne Gedränge durch. "Wesentlich weniger Besucher, dafür mehr Qualität", gibt Gerhard Dovids, Vertriebsleiter für Asien und Afrika beim Dünnschichtproduzenten TEL Solar, seinen Eindruck wieder. Viele seiner Ausstellerkollegen äußern sich ähnlich. Folgt man jedoch den Veranstaltern der EU PVSec, zeigen sich erste Signale einer wirtschaftlichen Erholung im Geschäft mit der Sonne.

Die Optimisten der Solarverbände verweisen auf die wieder gestiegene Produktion. Zwar ging die Zahl der Installationen 2012 um 9 % zurück, die weltweite Produktion stieg allerdings um 10 %. Die Europäer haben dabei noch einen Marktanteil von rund 52 %, aber mit sinkender Tendenz.

Die wieder ansteigenden Produktionszahlen machen Mut. Selten aber werden in diesem Zusammenhang die wahren Verhältnisse erwähnt: Einer Weltjahresproduktion von 38,5 GW steht eine Produktionskapazität von rund 60 GW gegenüber. Und dieses Produktionsequipment ist Spitzentechnologie aus Europa, vornehmlich aus Deutschland.

Die Preise für Solarmodule seien aufgrund dieser Überkapazitäten zwischen 2008 und 2012 um 80 % gefallen, ermittelte die Europäische Kommission. Der von den Chinesen angezettelte ruinöse Preiskampf beschäftigt seit einigen Monaten sogar die europäischen Gremien. Der Dumpingvorwurf steht im Raum, wirtschaftlich hat er gravierende Auswirkungen.

"Der Preiskampf führte zur gegenwärtigen Marktkonsolidierung", bemerkt der Leiter des Fraunhofer-Instituts für Solare Energiesysteme (ISE), Eicke Weber.

Allerdings trifft die Marktbereinigung nicht nur die europäischen Solarunternehmen. Nach westlichen Maßstäben wären einige chinesische Firmen, – gerade auch aus der ersten Reihe –, längst pleite und das Management unter Anklage wegen Insolvenzverschleppung.

Der Schuldenstand soll sich bei einzelnen Unternehmen auf mehrere Milliarden Dollar belaufen. In Deutschland verschwand rund ein Drittel der produzierenden Solarunternehmen vom Markt. Die verbliebenen Anbieter kämpfen ums Überleben.

Die Ursachen für die handfesten wirtschaftlichen Probleme sind allerdings nicht ausschließlich auf die ostasiatische Preisoffensive zurückzuführen. Die internationale Finanzkrise und die Einschränkungen der Kreditwirtschaft durch die Basel-III-Regularien erschweren seit 2008 die Finanzierung großer Solarkraftwerke.

Hinzu kommen politische Hindernisse: Neue Hoffnungsträger der Branche wie Tschechien, Frankreich oder sogar Großbritannien haben ihre Ökostromförderung zurückgefahren oder diskutieren dies. Dabei scheuen sich die Gegner der Solarenergie nicht, die Kürzung der Förderung rückwirkend zu fordern. Das führt zu einer massiven Verunsicherung der Investoren, auf die die Branche so sehr angewiesen ist.

Verstärkt wird der Eindruck ein "totes Pferd zu reiten", durch den Rückzug klangvoller Namen aus der Solarbranche wie Siemens oder Bosch.

Natürlich geht es auf der EU PVSec in Paris auch um zukünftige Strategien, um der Misere zu entkommen. Hauptsächlich zwei Ansätze werden diskutiert: technologischer Fortschritt und die Entwicklung neuer Märkte.

Das Innovationstempo in der Solarindustrie geben die Europäer vor. Auch hier geht der deutsche Maschinen- und Anlagenbau gemeinsam mit den Solarunternehmen vorneweg. Auf zwei bis drei Jahre schätzen Equipmentlieferanten wie Schmid oder Manz den Vorsprung vor den Ostasiaten.

Dabei genüge es nicht, so ISE-Leiter Weber, nur mit neuen Zellkonzepten auf den Markt zu kommen. "Um Europa konkurrenzfähig zu halten, muss Europa die nächste Generation der Zellen und Module in Gigawattgröße entwickeln", sagt er. Neueste Technologie bei kristallinen Siliziumsolarzellen, eine hoher Grad an Automation, eine hohe Ausbeute und das alles in x-facher Gigawattgröße – das seien für die Zukunft die Requisiten des Erfolgs.

Begleitet wird dies von der Entwicklung neuer Märkte. Die Länder, die einen nennenswerten Zubau an Photovoltaik erwarten lassen, bewegen sich wie in einer Zentrifuge weg von Europa. Der europäische Photovoltaik-Industrieverband Epia nennt Australien, Indien, Israel, Mexiko, Chile und Südafrika als die Boommärkte der nächsten fünf Jahre.

Doch sollten sich die Europäer beeilen, bevor die Lawine von chinesischen Preisbrechern die vermeintlichen Geheimtipps erreicht. Ob das gelingt, weiß zurzeit niemand. Die gegenwärtige Gemütslage der Branche fasst Weber in dem Satz zusammen: "Die nächsten Jahre werden extrem spannend." JÖRN IKEN

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