Passwort vergessen?  |  Anmelden
 |  Passwort vergessen?  |  Anmelden

Donnerstag, 13. Juli 2017, Ausgabe Nr. 28

Donnerstag, 13. Juli 2017, Ausgabe Nr. 28

Bahn

Digitale Bahnwartung macht die Pendler froh

Von Friedhelm Weidelich | 13. Februar 2015 | Ausgabe 07

Vor vier Jahren übernahm der Zughersteller Alstom in Stockholm die Wartung von Regionalzügen. Offenbar mit Erfolg. Die Zufriedenheit der Bahnkunden ist seither gestiegen. Ein Modell mit Vorbildcharakter für den Rest Europas?

alstom BU
Foto: F. Weidelich

Hoch hinaus: Als Alstom die Wartung der Stockholmer Regionalzüge übernahm, hat sich vieles zum Guten gewendet.

Nach dem Ende der traditionellen Staatsbahnen haben sich in vielen Ländern Europas Eisenbahnverkehrsunternehmen gebildet, die meist auf bestimmte Zeit begrenzt ein Streckennetz betreiben. Diese Konstellation führte zu Outsourcing von Wartungs- und Reinigungsaufgaben – mit teils unerwünschten Folgen für den Betrieb.

Durch separate Fahrzeugeigner entstanden zudem vielerorts Konstellationen, in denen aus Kostengründen und mangels klarer Zuständigkeiten die Verantwortung für Fahrzeuge und Probleme im Betrieb hin und her geschoben wurden.

So auch in Schweden, wo Stockholmståg seit 2006 für Storstockholms Lokaltrafik AB (SL) den Schienenregionalverkehr rund um die Hauptstadt auf fünf Strecken mit 300 000 Pendlern pro Tag betreibt. Hier stieg die Unzufriedenheit mit der Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit der Züge.

Wartung, Rangierbetrieb und Reinigung erledigten zwei externe Firmen. Den Verkehr mit 17 Mio. km pro Jahr bewältigten 52 Zwei-Wagen-Triebzüge von Asea, Baujahr 1985, und 71 Alstom-Züge von 2005 und 2008. 2012 kamen 12 weitere Alstom-Regionaltriebwagen vom Typ Coradia Nordic hinzu.

Ihren geregelten Betrieb sicherzustellen, ist seit dem Jahr 2011 Sache von Alstom. Das Beispiel zeigt: Die Bahnindustrie ist in der Lage, ihre Züge hocheffizient und mit Verfügbarkeitsquoten zwischen 95 % und 99,5  % instandzuhalten – sofern man sie denn lässt.

Während in Deutschland immer noch gezögert wird, erbringen die europäischen Zughersteller im Ausland seit Jahren Spitzenleistungen. In der Regel greifen die Fahrzeuglieferanten dabei auf vorhandenes Personal zurück, das für effizientere Abläufe speziell geschult wird.

Das Modell hat sich bewährt, nicht zuletzt durch eine pragmatische Herangehensweise: Wenn etwa alte Depots nicht ausreichend modernisierbar sind, werden kurzerhand neue Werkstätten gebaut, um den Durchsatz zu erhöhen und Wege zu verkürzen.

In Schweden bot sich Alstom an, die alten Bestands- und eigenen neuen Züge zu einem Fixpreis instandzuhalten und das Ersatzteilmanagement zu übernehmen. Anders Gustafsson, Fahrzeugmanager bei Stockholmståg, nennt gute Gründe für den Wechsel: „Alstom ist ein Zughersteller mit weltweiter Präsenz und steht für eine neue Arbeitskultur. Zudem könnte das Unternehmen ein Echtzeitüberwachungssystem für die Züge einführen und den Betrieb zuverlässiger machen,“ sagte er den VDI nachrichten.

„Die Qualität der Züge, ihre Verfügbarkeit und Zuverlässigkeit ist abhängig von den Abläufen, dem Werkstattpersonal und der Ersatzteilversorgung“, skizziert Per Öster, Alstom Service Director Nordics das Spannungsfeld, in dem sich sein Unternehmen mit dem Wartungsauftrag bewegt. Ein Jahr Zeit nahmen sich alle Beteiligten, um vor Vertragsabschluss im Juni 2010 die drei Werkstätten für neue Arbeitsstrategien fit zu machen. Intensive Einzelgespräche klärten die Motivation. Schulungen der Teams in Frankreich und England sollten die Abläufe optimieren.

Unter Einbindung der Gewerkschaften wurden komplett neue Organisationsstrukturen entwickelt. So löste ein neues Produktionssystem von Alstom die Zettelwirtschaft ab, heute wird mit Tablet-PCs gearbeitet.

„Die Übernahme alter Daten war eine große Herausforderung“, erinnert sich Gustafsson, nur ein halbes Jahr dauerte die Migration des Datenbestandes.

In einer Nacht im Juni 2011 schließlich wurde der Schalter umgelegt, die Mitarbeiter der beiden bisher eingesetzten Wartungsfirmen wurden von Alstom übernommen.

Nach vier Jahren sind Alstom und das auftraggebende Verkehrsunternehmen mit dem Erreichten nach eigenem Bekunden „sehr zufrieden“. Die Statistik gibt ihnen Recht: Ersatzteilmangel legte 2012 jede Woche Züge bis zu vier Tage still. 2013 gab es nur noch alle vier bis fünf Wochen Ausfälle, selten länger als einen Tag. „Die Kontrolle der Kupplungen zwischen den Wagen dauerte früher 92 min und brauchte 712 m Fußweg. Heute dauert die Kontrolle 22 min bei 199 m“, schwärmt Per Öster, Service Director bei Alstom. Die Verfügbarkeit der Züge bewege sich im Wochenschnitt nunmehr zwischen 98 % und 99 %. Der IT kommt dabei eine zentrale Bedeutung zu. Ein wichtiges Softwareinstrument, um Fehler schnell zu identifizieren, ist der „Train Tracer“, mit dem alle Funktionen der Züge online überwacht werden.

Alstom kennt auf diese Weise den Zustand jedes einzelnen Zugs. Das Personal verfolgt z. B. Daten der Motoren und Drehgestelle, den Zustand der Bremsen und Pantografen. Auch ob Türen wegen Funktionsmängeln stillgelegt sind, wird ihnen angezeigt.

Aus den Fehlermeldungen werden dann Handlungsanweisungen für das Werkstattpersonal abgeleitet, denen ihre Arbeit körperlich so leicht wie möglich gemacht wird. So gibt es etwa keine Gruben, in die Servicemitarbeiter herabsteigen müssten. Zur Untersuchung und Reparatur werden die Züge angehoben. Die schweren Aggregate auf dem Dach – Klimaanlagen, Pantografen und Transformatoren – können auf einer zweiten Arbeitsebene transportiert und ausgetauscht werden. Die Oberleitung wird nach der Einfahrt des Zuges zur Seite geschwenkt und ist automatisch stromlos.

Doch nicht nur die internen Abläufe optimiert Train Tracer. Das System hat auch für die Kunden von Stockholmståg einen direkten Nutzen: Sie können die Züge per App auf ihrem Smartphone verfolgen und erfahren, ob sie pünktlich sein werden. Auch die Last auf den Drehgestellen der Triebwagenzüge wird gemessen.

Alstom nutzt die so gewonnenen Daten für einen pfiffigen Service der Smartphone-App „Pendelkollen“: Mit Farbsymbolen wird den auf den Zug Wartenden angezeigt, wie schwer die Wagen beladen sind und wo demnach am ehesten freie Plätze zu finden sind.

So etwas wirkt sich auch auf die Kundenzufriedenheit aus, die seit 2010 nach Unternehmensangaben von 59 % auf 76 % gestiegen ist.

Der Instandhaltungsvertrag mit Alstom läuft bis 2015 und wurde im Oktober 2014 neu für zehn Jahre ausgeschrieben. Ab 2016 liefert Alstom weitere 46 Regionaltriebwagen Coradia Nordic, um den Regionalverkehr zu verstärken. Stockholm, das jährlich um 35 000 Einwohner wächst, soll einen 6 km langen Tunnel und 2017 einen erweiterten Bahnhof erhalten, der Regionalverkehr und Metro besser verbindet. Eine vierte Werkstatt soll die neuen Züge pflegen, die alten Asea-Triebwagen werden dann endlich ausgemustert.

 

stellenangebote

mehr