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Donnerstag, 16. November 2017, Ausgabe Nr. 46

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Umwelt

Dürre im Land des Nieselregens

Von Peter Odrich | 9. März 2012 | Ausgabe 10

Der sprichwörtliche britische Landregen scheint zu versiegen. Der Südosten Englands ist mittlerweile so trocken, dass auf die Wasserwirtschaft ausgerechnet im Olympiajahr gewaltige Anstrengungen zukommen. Es gilt die bescheidenen Wasservorräte zu rationieren und den Bau von Leitungen voranzutreiben, die Wasser etwa aus dem immer noch regenintensiven Norden heranholen.

Zwei Mythen sind fast untrennbar mit England verbunden: Zum einen ist es stets nebelig und zum anderen regnet es fast immer. Beides stimmt nicht. Seit nicht mehr mit schwefelhaltiger Kohle geheizt wird, gibt es kaum noch Nebel. Und zumindest seit der römischen Besatzung vor mehr als 2000 Jahren sind Teile Englands so warm und trocken, dass hier sogar Wein angebaut werden kann. Die Römer taten das industriell und die Briten nutzen heute immer größere Flächen.

Südostengland – genauer die Region vom Ärmelkanal über London bis nach Birmingham – ist inzwischen so trocken, dass sie im Februar 2012 von der britischen Umweltbehörde offiziell zur Dürrezone erklärt worden ist, nachdem hier schon 2011 deutlich weniger Regen als in Mexico City oder Jerusalem fiel.

Die Einstufung als Dürrezone hat vielfältige Konsequenzen. Das beginnt damit, dass vom Frühjahr an wahrscheinlich Wasserschläuche und Sprenger in Gärten verboten sein werden. Und das reicht über schwerwiegende Bewässerungsbegrenzungen für die Landwirtschaft bis hin zur Notwendigkeit, die Fische aus Bächen und Teichen, die austrocknen, umzusiedeln.

Für die Wasserwirtschaft bedeutet die Dürre eine große Herausforderung. Es geht darum, die bescheidenen Wasservorräte optimal zu nutzen und den Bau von Leitungen vorzubereiten, um Wasser aus immer noch regenintensiven Gegenden in den Südosten zu leiten.

Einzig die Olympischen Spiele im Sommer werden von all dem nicht berührt. In unmittelbarer Nähe zu den Stadien steht eine Entsalzungsanlage, die Seewasser zu Trinkwasser aufbereitet. Dieses Werk wird nach Investitionen von 250 Mio. £ bislang als Reserve vorgehalten und kann binnen kurzer Zeit auf volle Leistung hochgefahren werden. Die Athleten können also nach Belieben duschen und baden.

Der Hauptgrund für die Dürre ist massiver Regenmangel, der den Grundwasserspiegel so stark abgesenkt hat, dass man in Ostengland die schweren Böden selbst im Winter mit der Hand zu Pulver verreiben kann. Im Januar und Februar mussten unzählige Gärten bewässert werden, um zu verhindern, dass die schnell treibenden Frühjahrsblumen vertrockneten.

Technik setzt rasch ein, wenn es darum geht, die Dürre zu bekämpfen. Auf frühere ausgedehnte Trockenperioden reagierten viele englische Gartenbesitzer mit automatischen Bewässerungsanlagen, deren feinadrige Schläuche vielfach im Erdboden verlegt waren. Daraufhin setzten die Wasserversorger Hubschrauberflüge ein, um leichter ermitteln zu können, wo widerrechtlich bewässert worden war. Zur Beobachtung landwirtschaftlicher Flächen wurden sogar Satelliten genutzt.

Derzeit wird intensiv daran gearbeitet, eine den Großteil Englands abdeckende Nutzungsoptimierung der vorhandenen Wasserreserven zu sichern. England verfügt über zahlreiche große, kapitalstarke Wasserversorger. Angesichts der Dürre haben diese nun eine enge Zusammenarbeit vereinbart. Den größten Nutzen versprechen sie sich von einer Vernetzung zahlreicher Wasserreservoirs und Leitungssysteme mit eine Vielzahl von Querverbindungen. Das erscheint deutlich preiswerter und vor allem schneller zu bewerkstelligen als etwa der Bau von Fernwasserleitungen aus den stets regennassen schottischen Bergen nach Südengland.

Und noch etwas anderes kommt hinzu: In absehbarer Zeit werden die Schotten darüber entscheiden, ob sie selbständig werden oder weiter Teil des Vereinigten Königreichs bleiben. Gerade für den Fall der Selbständigkeit möchten die Engländer nicht unbedingt von der Wasserzufuhr aus dem dann ausländischen Schottland angewiesen sein.

Bei der angestrebten Vernetzung geht es nicht nur um den Bau von Rohrleitungen als Verbindungselemente. Die Wasserwerke wollen vielmehr so weit wie möglich natürliche Leitungsmöglichkeiten nutzen. Das können Flussläufe oder auch größere Bäche und Kanäle sein. Letztere gibt es ohnehin überreichlich.

Geplant sind zudem sogenannte Wasserweichen, mit denen sich im Bedarfsfall ein Teil des Wasserlaufs umlenken lässt, um so die Dürregebiete optimal zu versorgen. Verbunden mit diesen Planungen werden auch rechtliche Veränderungen kommen. Die heutigen Versorgungsgebiete gehen vielfach auf viktorianische Zeiten zurück. Von der derzeitigen Besiedlungs- und Verbrauchsstruktur her wären aber andere Versorgungslösungen vorteilhafter. Sie sollen nun im Zuge der Dürrebekämpfung verwirklicht werden.

All das hilft allerdings nicht den Fischen, die in austrocknenden Gewässern leben. Ihnen kommt die Umweltbehörde mit Fachpersonal und viel Technik zu Hilfe. Je nach Größe der Wasserfläche und je nachdem, ob es sich um fließende oder stehende Gewässer handelt, werden elektrische Stromstöße ins Wasser gegeben, um die Tiere kurzfristig zu betäuben. Die Entladungen dürfen nicht zu groß sein, damit die Fische überleben. Treiben die Fische dann ohnmächtig an die Wasseroberfläche, werden sie per Hand eingesammelt und in fahrbaren Tanks einer neuen Heimat zugeführt. Mal sind es zwei Fische, die so gerettet werden, mal 200 und gelegentlich sogar 2000. PETER ODRICH

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