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Donnerstag, 22. Juni 2017, Ausgabe Nr. 25

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Biologie

Ein Kühlschrank für die Ewigkeit

Von Rainer Kurlemann | 3. Juli 2015 | Ausgabe 27

In drei Höhlen in der Nähe von Spitzbergen bewahrt der internationale Treuhandfonds Crop Trust das Saatgut der Welt auf. Der Permafrost hier soll helfen, die Kulturpflanzenvielfalt für die Ernährung der Menschheit zu sichern und zu erhalten. Hier lagert die Pflanzensaat aus 232 Ländern – und damit aus mehr Staaten, als die Vereinten Nationen Mitglieder haben.

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Foto: R. Kurlemann

Die vereiste Tür am Ende eines 140 m langen Tunnels führt zu einem natürlichen Kühlschrank. Hier herrschen bei Permafrost gute Lagerbedingungen.

Rund um die Metalltür tief im Inneren des Berges haben sich Eiskristalle über der Wand ausgebreitet. Auch die verschlossene Tür ist mit einer weißen Schicht überzogen. Hier regiert der Frost, der Permafrost. Er lässt den Boden auf Spitzbergen niemals auftauen. Deshalb haben norwegische Bergbauexperten diese Stelle, 1500 km vom Nordpol entfernt, ausgewählt und drei erdbebensichere Höhlen tief in den Fels gegraben.

Fonds für Kulturpflanzenvielfalt

„Das hier ist vielleicht der sicherste Ort der Welt“, sagt Brian Lainoff vom Global Crop Diversity Trust. Er steht in einer mächtigen Halle, die als Vorraum für drei Lagerräume dient, in denen der internationale Treuhandfonds Crop Trust das Saatgut der Welt aufbewahrt.

Ein 140 m langer Tunnel führt vom Eingang hinunter in diesen natürlichen Kühlschrank. Ein Gebäude für die Ewigkeit. Die Felswände sind schmucklos weiß gestrichen. Ein Dutzend Neonröhren wirft kaltes Licht von der Decke. Das Digitalthermometer zeigt –8 °C, viel wärmer wird es im Inneren des Global Seed Vault, des globalen Samen-Gewölbes, nie.

Kulturpflanzenvielfalt für die Ernährung der Menschheit

Hinter der Metalltür ist es sogar noch kälter. Es mutet seltsam an, wenn Brian Lainoff unter diesen unwirklichen Bedingungen vom Überleben der Artenvielfalt in der Landwirtschaft spricht. Denn das ist die große Mission, für die der Fonds im Jahr 2004 gegründet wurde: die Sicherstellung der Erhaltung und der Verfügbarkeit der Kulturpflanzenvielfalt für die Ernährung der Menschheit.

Foto: R. Kurlemann

Die Lagerräume bieten Platz für alle Nahrungsmittelpflanzen der Welt, deren Zahl auf 2 Mio. bis 4 Mio. geschätzt wird. Im Schnitt werden etwa 500 Samen pro Sorte aufbewahrt.

„Wir kühlen die Lagerhalle zusätzlich auf –18 °C, die beste Temperatur für eine langfristige Lagerung des Saatguts“, schickt der Italoamerikaner als Warnung vorweg, bevor er die Metalltür der Schleuse öffnet, die den Zugang zum eigentlichen Saatguttresor darstellt. Der Temperaturunterschied zwischen den Räumen ist deutlich zu spüren.

Drinnen ist alles überschaubar und überraschend einfach. In acht blauen Metallregalen stapeln sich die Samen von 864 309 Kulturpflanzen, abgefüllt in Gläsern oder Aluminiumbeuteln, gelagert zumeist in schwarzen Plastikkisten. Jeweils neun Boxen stehen übereinander. Mehr als 2300 sind es insgesamt. Reis, Mais, Getreide, Gemüse.

Stolz auf die roten Kisten aus Nordkorea mit Reis und Weizen

Ein Teil des deutschen Beitrags liegt ganz vorn im Regal H neben den Plastikgefäßen aus Nigeria: 42 412 Proben des Instituts für Pflanzengenetik und Kulturpflanzenforschung in Gatersleben. Die Absender sind für den Inhalt der Kisten verantwortlich. Der Crop Trust behandelt diese wie Diplomatengepäck. Sie werden weder geöffnet noch kontrolliert.

Foto: R. Kurlemann

Sicherheit wird großgeschrieben: Die unbemannte Station ist durch Gitter, einbruchsichere Schlösser und wechselnde Codes gesichert.

Besonders stolz ist Lainoff auf die roten Holzkisten aus Nordkorea mit Reis und Weizen. Der Treuhandfonds sei international und unpolitisch. „Im Global Seed Vault lagert Saatgut aus mehr Ländern, als die Vereinten Nationen Mitglieder haben“, erklärt er. 232 Länder weist die offizielle Liste aus.

Einige Samen haben die Existenzzeit der Staaten, in denen sie gesammelt wurden, überschritten. Auch indigene Völker wie Stämme aus Paraguay lieferten ihren Beitrag. Eine der Initiativen des Crop Trust richtet sich gezielt auf die Wildformen moderner Agrarpflanzen.

Damit stößt der Tresor längst nicht an seine Grenzen. Von drei gebauten Felsgrotten ist erst eine in Betrieb. Die höhlenartigen Lagerräume bieten genug Platz für alle Nahrungsmittelpflanzen der Welt, deren Zahl auf 2 Mio. bis 4 Mio. geschätzt wird. Im Schnitt werden etwa 500 Samen pro Sorte aufbewahrt. Nicht genug, um im Katastrophenfall die Bevölkerung zu ernähren, aber ausreichend, um daraus neue Pflanzen zu ziehen. Seit Februar lagern auch die Samen der ersten 100 Baumsorten im Saatguttresor.

Der aktuell wertvollste Beitrag stammt vermutlich aus Syrien. Die Saatgutbank in Aleppo mit ihren vielen Weizensorten für heißes und trockenes Klima ist durch den Bürgerkrieg und den Vormarsch der Terrorgruppe IS bedroht. Doch 85 % des Bestandes lagern als Kopie sicher in den Regalen auf Spitzbergen.

„Unser Projekt sorgt dafür, dass die Vielfalt an Kulturpflanzen durch äußere Einflüsse nicht unwiederbringlich zerstört wird“, sagt Lainoff. Die Existenz von Saatgutbanken sei immer wieder bedroht. „Manchmal fehlt es schlicht an Geld für den Erhalt, in Afghanistan und im Irak sorgte der Krieg für schwere Schäden, auf den Philippinen wütete ein Sturm mit Hochwasser“, nennt er Beispiele. Bisher musste der Crop Trust noch keine der eingelagerten Kisten aus dem Tresor herausholen, weil die Sammlung vor Ort zerstört wurde. Möglich, dass Syrien der erste Fall sein wird.

Temperatursensoren hängen von der Decke

Der Tresor wird durchgehend überwacht. Temperatursensoren hängen von der Decke; die Luftqualität wird permanent gemessen. Die Ergebnisse laufen in Longyearbyen zusammen. Die größte Siedlung Spitzbergens mit 2000 Einwohnern liegt 10 min mit dem Auto oder mit dem Schneemobil vom Global Seed Vault entfernt. In der kleinen Überwachungszentrale des staatlichen Bauunternehmens Statsbygg landen auch die Bilder der beiden Videokameras, die jede Aktivität in der Höhle verfolgen.

Der Bildschirm zeigt meist nur das Dunkle des Raums: Besuch ist im Global Seed Vault selten. An 340 Tagen im Jahr sind die Türen geschlossen. Zwar verzeichnet Longyearbyen jährlich 80 000 Hotelübernachtungen, aber das Saatgutlager ist für Touristen gesperrt. Permanentes Personal in dem Stollen gibt es nicht.

Ungebetene Gäste werden von diversen Sicherungssystemen abgehalten – einbruchsichere Schlösser und wechselnde Sicherheitscodes. Selbst in der Kühlkammer trennt ein blaues Metallgitter die Regale mit den wertvollen Kisten von der Eingangstür. „Weil es eine unbemannte Station ist, tun wir viel für die Sicherheit“, erklärt Brian Lainoff. Die 2008 in Betrieb genommene Anlage funktioniere sehr zuverlässig, sagt er. Im Dezember mussten sich die Statsbygg-Techniker ein paar Tage Ersatzteile aus dem Kühlsystem eines Supermarkts in Longyearbyen leihen. „Aber das war nur eine kleinere Reparatur, wie sie bei Kühlanlagen manchmal vorkommt“, berichtet der Mitarbeiter von Crop Trust. „Das Saatgut war nie in Gefahr.“

Auch das zunehmende Schmelzwasser des Frühjahrs haben die Bergbauspezialisten von Statsbygg im Griff. Ein automatisches Pumpsystem soll den leicht abschüssigen Tunnel hinunter zur großen Halle trocken halten.

Die Luft- und Wassertemperaturen am Polarmeer steigen

Solche Probleme werden dem Global Seed Vault erhalten bleiben. Wie in ganz Spitzbergen geht der Klimawandel auch an dem internationalen Projekt nicht spurlos vorüber. Der Fjord von Longyearbyen ist in den vergangenen zehn Jahren nur einmal komplett zugefroren. Die Luft- und Wassertemperaturen am Polarmeer steigen, die Angler ziehen jetzt sogar Makrelen aus dem Adventfjorden.

Der Eingang zum Global Seed Vault liegt in einem Berg hoch oberhalb des Flughafens. Doch zu Beginn des Polarsommers schützt nur wenig Schnee die hohen Betonwände links und rechts der Eingangstür.

Die Temperatur bleibt für ein paar Monate oberhalb des Gefrierpunktes. „Wir bereiten uns darauf vor, dass der Eingangsbereich des Tunnels nicht mehr dauerhaft im Permafrost sein wird“, sagt Lainoff auf dem Weg zurück nach draußen. Der Boden zeigt an manchen Stellen bereits leichte Risse. Das habe mit dem Wasser zu tun, sei aber kein Problem.

Finanzierung ist das größte Risiko

Das größte Risiko sind weder Natur noch Technik. „Es ist die Finanzierung“, antwortet Lainoff ohne Zögern. Nicht für den Global Seed Vault – das jährliche Budget für den Betrieb des Gewölbes liegt bei vergleichsweise bescheidenen 320 000 $. Aber der Global Crop Diversity Trust versucht bis 2016 einen Fonds mit 500 Mio. $ aufzubauen. Mit den Kapitalerträgen will er andere wichtige Saatgutbanken der Welt sichern, deren Kopien dann in Spitzbergen eingelagert werden.

Mehr als 90 % der Mittel stammen bisher von 14 Regierungen, der EU, der Weltbank und aus Programmen der Vereinten Nationen. Die Liste der privaten Sponsoren gefällt nicht allen: Denn auch große Saatgutfirmen wie Syngenta, Dupont/Pionier Hi-Bred und die deutsche KWS Saat AG gehören dazu. Und die Liste soll wachsen. Umweltschutzorganisationen fürchten die zu große Einflussnahme der Konzerne. Lainoff bestätigt, dass es mit globalen Nahrungsmittelriesen wie Starbucks oder Nestlé, denen der Vorwurf gemacht wird, dass sie Umweltschutz nur auf dem Papier betreiben, Gespräche über eine finanzielle Unterstützung gibt. „Sie haben mit Lebensmitteln zu tun, und deshalb sollte es ihr Interesse sein, sich zu beteiligen“, wischt Brian Lainoff Einwände beiseite.

Ob man das viele Geld nicht lieber den Bauern und Züchtern geben sollte, die täglich mit Pflanzen arbeiten, ihre Anpassungsfähigkeit verbessern und Biodiversität sichern, statt es in einem eisigen Lager einzufrieren? Beides sei gleichermaßen wichtig, sagt Lainoff.

Viele der Sorten, die im Saatguttresor und in den Saatbanken der Welt gehortet werden, würden auf dem Acker längst nicht mehr angebaut. Sie warten quasi auf ihre Wiederentdeckung. Ihre Eigenschaften könnten für moderne Nutzpflanzen wertvoll sein. Deshalb mag Lainoff den Spitznamen nicht, den die englischsprachige Presse diesem besonderen Ort gegeben hat: „Doomsday Vault“ – der Tresor für den Tag des Weltuntergang. „Auch wenn es nicht so aussieht: Für mich ist das hier kein Ort des Untergangs, sondern ein Sammelpunkt des Lebens,“ sagt er. 

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