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Donnerstag, 18. Mai 2017, Ausgabe Nr. 20

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Stromnetze

Energie besser lokal austarieren

Von Heinz Wraneschitz | 3. Juli 2015 | Ausgabe 27

Die Studie „Der zellulare Ansatz“ könnte Bewegung in die deutsche Stromtrassendiskussion bringen. Die Energietechnische Gesellschaft des VDE fordert darin, bei der Energieversorgung auf lokale Strukturen zu setzen und so den Stromnetzausbau zu optimieren. So lasse sich der Stromtransportbedarf um bis zu 45 % reduzieren, wurde errechnet. Damit wären wohl viele der von der Bundesnetzagentur vorgeschlagenen neuen Höchstspannungsleitungen überflüssig.

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Der zellulare Ansatz des VDE für ein Energiesystem würde die Übertragungsmengen für neu zu bauende Höchstspannungsstromtrassen in Deutschland verringern. Im Szenario A (li.) muss jährlich eine Strommenge von 602 TWh ausgeglichen werden, im Ansatz B (re.) hingegen nur 394 TWh.

Mit seiner Forderung, Stromnetze regional auszubauen, statt neue Höchstspannungsgleichstromleitungen (HGÜ) quer durch Deutschland zu ziehen, stand Josef Hasler bislang ziemlich alleine da. Doch nun bestätigt der VDE in der umfangreichen Studie „Der zellulare Ansatz“ im Wesentlichen den Vorstandsvorsitzenden der Nürnberger N-Ergie AG (VDI nachrichten, Nr. 23/2015). Örtliche, möglichst autonome Netzzellen seien „Grundlage einer erfolgreichen, regionenübergreifenden Energiewende“, lautet ein Kernsatz des VDE-Ansatzes. Der Verband schafft auch den aktuellen Bezug: „Mit einer Energiewende ‚von unten‘ kann Ruhe in die hitzige Diskussion gebracht werden.“

Bei diesem Zellenkonzept stehen nicht mehr primär zentrale Großkraftwerke – ob mit Kohle in Ostdeutschland oder Windkraft in Nord- und Ostsee – im Vordergrund. Diese sind bekanntlich für die Pläne der Bundesregierung wesentlich, die die Bundesnetzagentur über den Bundesnetzplan umsetzt. Die VDE-Fachleute fordern stattdessen: Alle regionalen Energieträger sollten optimal genutzt werden, trotz ihrer fluktuierenden Besonderheiten.

„Anwender können selbst entscheiden, welche Technologien in welchem Maße eingesetzt und in welchem Umfang systemstützende Dienstleistungen aus den Energiezellen heraus angeboten werden“, heißt es in der Mitte Juni veröffentlichten Studie.

Der zellulare Ansatz entstand mit viel wissenschaftlichem Hintergrund: Sechs Hochschulforscher haben daran mitgearbeitet. Neben Netzfachleuten von Siemens und ABB verantworten auch zwei Vertreter der traditionellen Stromwirtschaft den zellularen Ansatz mit: Sie stammen aus regionalen Netzgesellschaften des RWE-Konzerns.

Gemeinsam stellen die Studienautoren fest: Eine Verknüpfung von Strom, Wärme und Mobilität sei „nur auf lokaler Ebene möglich“. Darum müsse Energie so weit wie möglich in den lokalen Zellen austariert werden. Nur Restenergien sollten zwischen den Zellen hin- und hertransportiert werden.

Dafür empfiehlt das VDE-Konzept, dass alle Energieträger „mit ihren spezifischen Vor- und Nachteilen optimal genutzt werden“ sollten. Das ermögliche „die Reduzierung der Energieübertragung“, sprich: Von den in der Bevölkerung umstrittenen, geplanten HGÜ-Leitungen würden weniger gebraucht. Der zellulare Ansatz sei auch „Motor für wirtschaftliches Wachstum und neue Marktmodelle“, sind sich die Studienmacher sicher. Zudem steige die Akzeptanz für die Energiewende so erheblich.

Für Josef Göppel ist die VDE-Studie gar „ein Volltreffer aus klimapolitischer Sicht“. Der Ansbacher Bundestagsabgeordnete und Sprecher des CSU-Arbeitskreises Umwelt tritt seit Jahren für die „nur auf lokaler Ebene mögliche Verknüpfung von Strom, Wärme und Mobilität“ ein. Und dazu gehören selbstverständlich auch Windkraftwerke, auch wenn er bei dieser Forderung die CSU-Spitze gegen sich hat.

Auf jeden Fall ist für Göppel der VDE „eine unauslegbare Quelle“: Auch der Elektrotechnikverband habe offenbar erkannt: „Energie sollte in den Zellen, also vor Ort austariert werden.“ Doch seine Parteifreundin Ilse Aigner bremst: „Wir beziehen in unsere Überlegungen alle Vorschläge ein, die zum Erfolg der Energiewende beitragen.“ Der zellulare Ansatz werde Teil der Gesamtverhandlungen um die Energiewende, so Bayerns Wirtschafts- und Energieministerin.

„Der Aufbau von untereinander vernetzten vollständig mit erneuerbaren Energien selbstversorgungsfähigen Zellen ist die wirksamste Methode, schnell und kostengünstig von unten die Energietransformation zu 100 % erneuerbare Energien zu organisieren“, meint Hans-Josef Fell, Präsident der Energy Watch Group (EWG) und Miterfinder des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG).

N-Ergie-Chef Josef Hasler setzt noch eins drauf: „Das starre Festhalten am HGÜ-Ausbau führt letztlich zum Aufbau einer doppelten Infrastruktur – eine volkswirtschaftliche Fehlallokation. Die daraus resultierenden höheren Kosten müssten alle Bürger tragen.“

Hasler erhält inzwischen Unterstützung aus dem Stadtwerkeverband VKU: „Im Prinzip ist das (die VDE-Studie, Anm. d. Red.) ein guter Ansatz“, heißt es seitens eines VKU-Sprechers. Durch den lokalen beziehungsweise regionalen Ausgleich von zunehmend volatiler Stromerzeugung mit flexiblen lokalen Verbrauchern ließen sich Lastspitzen besser abfedern und Schwankungen ausgleichen. „Dies spart den ansonsten notwendigen Netzausbau und kann vorgelagerte Netzebenen entlasten.“

Für den überregionalen Ausgleich zwischen Erzeugungsregionen und Verbrauchsschwerpunkten müssen gleichwohl die notwendigen Kapazitäten geschaffen werden. Auch wenn der VKU-Sprecher den Wert des zellularen Ansatzes einschränkt: „Den Netzausbau – auch überregional – sehen wir nach wie vor als insgesamt günstigste Flexibilitätsoption.“

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