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Freitag, 26. September 2014, Ausgabe Nr. 39

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Arbeitsmarkt

Energiewende – Zerreißprobe für die Belegschaften

Von Birgit Böhret | 9. Dezember 2011 | Ausgabe 49

Die IG Metall will sich als die Gewerkschaft der Energiewende profilieren. Ihr Ziel: die von ihr vertretenen Branchen fit machen für die Zukunftsmärkte. Auf einer Tagung in Berlin forderte Vorstandsmitglied Detlef Wetzel ein Gesamtkonzept, an dessen Erarbeitung neben den Gewerkschaften Bundesregierung, Industrie und Verbände mitarbeiten sollen.

Eine "Nationale Plattform Energiewende" – analog der Plattform Elektromobilität wünscht sich die IG Metall, um die anstehenden Herausforderungen der Energiewende zu meistern. Unabhängig von einem solchen Gesamtkonzept wollen die Gewerkschafter auch in den Betrieben stärker dafür sorgen, dass Energieeffizienz ebenso zum Thema der Arbeitgeber wird wie die Entwicklung neuer Technologien und Geschäftsfelder.

Eine Branche wie die Metall- und Elektroindustrie starte aus einer "Pole-Position", betonte der zweite Vorsitzende der IG Metall, Detlef Wetzel, auf einer Tagung seiner Organisation zum Thema Energiewende letzte Woche in Berlin. Doch zum Organisationsbereich der Gewerkschaftler zählen auch Stromfresser wie die Stahlwerke oder Aluminiumhütten. Es gehe um nicht weniger als die "tiefgreifende Transformation industrieller Strukturen".

Allerdings dürften die Unternehmen dabei nicht den Schwarzen Peter bekommen, warnte Gewerkschafter Wetzel: "Wer die Energiewende will, darf den industriellen Sektor nicht außen vor lassen oder ihn als Verursacher von Klima- und Ressourcenproblemen in die Ecke stellen." Beim Umsteuern müsse "die industrielle Wertschöpfung in unserem Land" gestärkt werden – ohne "ein altes Industriemodell aufzupäppeln".

Die Chancen einer umweltfreundlicheren Produktion in energieintensiven Bereichen sieht die IG Metall nicht zuletzt im Detail. Derzeit verbrauche eine Anlage in der Autoindustrie selbst in der "produktionsfreien Zeit", also im Ruhezustand, 60 % der Energie bei Volllast. Die Anlagen würden nicht abgeschaltet, weil sie sonst nicht problemlos wieder hochgefahren werden könnten. "Dieses kleine Beispiel zeigt, welche großen Einspareffekte noch zu erreichen und welche technologischen Herausforderungen noch zu meistern sind", sagte Wetzel.

Erste Anzeichen, wie sich die Energiewende auswirkt, registriert die Gewerkschaft bereits heute. Es gebe innovative Unternehmen und solche, die mit dem Blick auf die Zukunftsmärkte "wie das Kaninchen vor der Schlange" verharrten, statt neue Technologielinien und Qualifikationen aufzubauen.

Den Weg in eine erfolgreiche Zukunft sollen verstärkt die Betriebsräte begleiten. Künftig sollen die Arbeitnehmervertreter ihre Chefs zur "Innovations- und Qualitätsführerschaft drängen", beim Sparen von Energie und Ressourcen helfen, Konversionsprojekte anstoßen. Gewerkschaftler in Aufsichtsräten sind gefordert, die Energiewende "zu einem Themenschwerpunkt" zu machen.

In klassischen Branchen habe die IG Metall "Macht und Einfluss", den sie nutzen wolle, so Wetzel. Doch dieser Einfluss könnte schwinden, weil sich die "Interessenlage der Mitglieder ausdifferenziert", erklärte Michael Schlesinger, Chefökonom des Beratungsunternehmens Prognos. Es werde Gewinner- und Verliererbranchen geben, ja selbst innerhalb einer Branche Unternehmen mit positiven und negativen Bilanzen. Dies mache es "fast unmöglich, breiten Konsens für Forderungen zu finden".

Die Metaller in ihren Betrieben sehen schon heute, ob sich ihr Unternehmen gerade auf die Gewinner- oder Verliererseite zubewegt. Besonders deutlich wird dies in der Solarbranche.

Die neuesten Überlegungen aus dem Bundeswirtschaftsministerium, den Zubau bei der Photovoltaik auf 1000 MW jährlich zu begrenzen, ist für Wetzel ein "Programm zum Abbau von Arbeitsplätzen", mit dem sich Minister Philipp Rösler (FDP) zum "willfährigen Gehilfen" der großen Energieversorger mache. Denn – so der Gewerkschaftler – die dezentrale Energieversorgung passe nicht zu den Geschäftsmodellen der Konzerne.

Doch auch ohne diese neuen politischen Vorgaben steckt die Solarindustrie in Schwierigkeiten. Sie leidet derzeit unter fehlenden Investitionen in Forschung und Entwicklung sowie dem Preisrutsch bei Zellen und Modulen. "Es geht nur noch um billigen Einkauf. Unsere Innovationskraft haben wir komplett abgegeben", resümiert ein Betriebsrat die Situation in seinem Unternehmen.

Die IG Metall will dagegenhalten. So erarbeitet derzeit eine Gruppe von gewerkschaftlich organisierten Ingenieuren an neuen industriellen Prozessen. Von "Cradle to Cradle" lautet das Prinzip. Dieses von der Wiege-zur-Wiege-Konzept basiert auf der Grundlage der Kreislaufwirtschaft: eine Produktion ohne Abfall. "Wir wissen, wie es geht", zeigt sich Wetzel optimistisch.

Vielleicht gibt es für den Kampf um Arbeitsplätze bald noch zusätzliche Bündnispartner. Dirk Seifert, Energiereferent der Umweltorganisation Robin Wood, sieht gute "Chancen für einen Schulterschluss". Bisher seien zwar soziale Fragen von der ökologischen Bewegung "kaum thematisiert" worden, aber das könnte sich ja ändern. BIRGIT BÖHRET

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