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Donnerstag, 22. Juni 2017, Ausgabe Nr. 25

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Demografie

Es gibt keinen Krieg der Generationen

Von Bettina Reckter | 11. September 2015 | Ausgabe 37

Die Alten nehmen den jungen Leuten nicht die Arbeitsplätze weg. So lautet das Fazit von Experten auf dem Demografiekongress, der vergangene Woche in Berlin stattfand. Ganz im Gegenteil: Die Erfahrung der Älteren, kombiniert mit dem Elan der Jungen, könne gar die Zukunft Deutschlands sichern. Allerdings brauche es dafür bessere Beschäftigungsmodelle für jung und alt.

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Foto: PantherMedia/Mary Durden

Fingerspitzengefühl und ganz viel Erfahrung: Wenn Rentner ins Berufsleben zurückkehren, profitieren meist beide Seiten.

„Erwerbstätigkeit im Rentenalter ist keine Frage des Geldes“, stellte Wido Geis auf dem Demografiekongress „Zukunftsforum Langes Leben“ klar, der vom 3. bis 4. September in Berlin stattfand. Weder eine karge Rente noch drohende Altersarmut würden die Menschen zur Weiterbeschäftigung zwingen. Es seien vielmehr die gut Gebildeten und die Selbstständigen, die jenseits des 65. Lebensjahrs freiwillig im Beruf bleiben oder wieder zurückkehren, erklärte der leitende Ökonom am Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln.

Diesen Trend bestätigte auch Axel Börsch-Supan, Direktor am Max-Planck-Institut für Sozialrecht und Sozialpolitik in München. Dass Armut im Alter verankert sei und sich die Menschen deshalb nicht aufs Altenteil begeben könnten, hält er schlicht für eine Fehlvorstellung. Und dass die Senioren den Jüngeren damit aber die Arbeitsplätze wegnähmen, sei eine ebenso irrige Annahme.

„Es gibt keinen Krieg der Generationen“, brachte es Börsch-Supan auf den Punkt. Das habe die Konfliktforschung ergeben, bei der über 20 Parameter statistisch sauber erhoben wurden. In Ländern, in denen viele Ältere arbeiteten, sei auch die Arbeitslosenquote niedrig. Dort herrschten eher gesunde Arbeitsstrukturen mit ausreichend Arbeitsplätzen, sagte der Sozialpolitiker.

Dabei habe das kalendarische Alter heute praktisch keine Aussagekraft mehr, waren sich die Experten in Berlin einig. „Es gibt 80-Jährige, die sind topfit, und es gibt Menschen um die 60, die Hilfe benötigen“, machte etwa Peter Altmaier deutlich. Der Chef des Bundeskanzleramtes stellte in Berlin die Demografiestrategie der Bundesregierung vor, die noch im September mit neuen Inhalten verabschiedet werden soll.

„Wir müssen den Arbeitsmarkt der Zukunft neu gestalten“, forderte Altmaier. Demnach fehle es derzeit vor allem an Angeboten für ältere Menschen, die sich engagieren wollen. Konkret solle es mehr Stellen für Senioren beispielsweise im Bundesfreiwilligendienst geben.

Eine Idee, die auch Ursula Lehr befürwortete. Die ehemalige Familienministerin und heutige Vorsitzende der Bundesarbeitsgemeinschaft der Seniorenorganisationen (BAGSO) ist mit ihren stolzen 84 Lebensjahren ein gutes Beispiel für eine beneidenswert klar sortierte Seniorin.

Sie behauptete zudem, dass derartige Beschäftigungsverhältnisse demenzielle Prozesse verlangsamen könnten. Denn heute würden die Menschen gesünder alt als noch vor zehn Jahren.

Das bestätigte Ursula Müller-Werdan. Die ärztliche Direktorin am Evangelischen Geriatriezentrum Berlin hat keine Angst vor einer Demenzwelle, die mit dem Älterwerden der Gesellschaft auf uns zurollen könnte. Sie hat festgestellt, dass sich das Nachlassen der kognitiven Fähigkeiten auf höhere Altersebenen verlagert. Und dass 20 % der demenziellen Erkrankungen schlicht falsch diagnostiziert seien. „Hier handelt es sich ganz oft einfach nur um Altersdepressionen“, sagte Müller-Werdan.

Deutschland hat in Europa die älteste und weltweit betrachtet nach Japan die zweitälteste Bevölkerung. Kanzleramtsminister Altmaier sieht hier Perspektiven. „Wenn wir in Deutschland keinen Mangel an Arbeit haben, können wir den Markt auch öffnen für Menschen, die noch länger arbeiten wollen.“

Zwei Drittel der 55- bis 64-Jährigen und noch 9,6 % der 65- bis 74-Jährigen standen in Deutschland nach Angaben von Eurostat 2014 in Lohn und Brot. Die Statistik zeigte zudem, dass das längere Arbeitsleben direkt mit einer gestiegenen Lebenserwartung einhergeht.

Unterschiede ergaben sich allerdings darin, in welchem Maße Senioren beschäftigt sind. „Während Selbstständige meist Vollzeit arbeiten, kommen ältere Angestellte eher stundenweise in die Firma“, erklärte IW-Experte Geis.

Nach einer Erhebung der Universität Lüneburg würden 50 % aller Pensionäre sich gerne noch einmal beruflich einbringen. „Die Macht der Erfahrung“ nennt Robert Hanser das Potenzial, das die Senioren besitzen. Hanser, selbst schon im Rentenalter, ist Geschäftsführer der Bosch Management Support GmbH in Leonberg. Bosch vermittelt ehemalige Mitarbeiter, die freiwillig zurück möchten, in Standorte rund um den Globus. Das könne für wenige Stunden im Monat oder auch für einige Monate im Jahr der Fall sein.

„Heute haben wir bereits rund 1700 Experten im Pool“, erklärte Hanser in Berlin. Die Vorteile einer solchen Vermittlung ehemaliger Kollegen lägen auf der Hand: schnelle Verfügbarkeit, keine Einarbeitungszeit und „das Know-how verbleibt in der Firma“.

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