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Donnerstag, 23. Februar 2017, Ausgabe Nr. 08

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Zukunftsstadt

Es gibt nicht nur die eine Stadt der Zukunft

Von Fabian Kurmann | 3. Juli 2015 | Ausgabe 27

Wie wir in 30 Jahren leben werden, hängt davon ab, wie sich unsere Städte wandeln. Mobilität, Klima und das Wohnen werden sich verändern. In Deutschland passiert das langsam, andernorts werden einfach komplett neue Städte gebaut.

S10 Aufmacher (2)
Foto: Peng Guang Chen/PantherMedia

„Wenn wir uns für die Zukunft eine menschenfreundliche, lebenswerte Stadt wünschen, müssen wir uns organisatorisch und mental neu erfinden“, fordert Johanna Wanka. Als Bundesforschungsministerin hat sie mit dem aktuellen Wissenschaftsjahr „Zukunftsstadt“ den Anstoß hierzu gegeben. Forschungsprojekte sollen folgen und praxistaugliche Lösungen liefern für einen einfachen, kostengünstigen Umbau zur klimaneutralen, ressourceneffizienten, lebenswerten und sozialen Stadt.

Es geht ganz konkret darum, wie die Menschen in 30 Jahren leben werden. Und wie sie leben wollen. Was die Wohntrends der Zukunft sind, hat eine Studie der Concept Bau GmbH für den Immobilienmarkt Mitte Juni ermittelt. Demnach sehen drei Viertel der Befragten Green Living als künftiges Wohnkonzept: mit Solaranlage auf dem Dach, einer modernen Wärmedämmung der Fassade sowie mit bisher eher unüblichen Dachgärten.

Und obwohl in großen Städten wie Berlin und München über die Hälfte der Bürger in Single-Haushalten wohnt, gehen doch über 60 % der Befragten davon aus, dass Mehrgenerationenhäuser bald wieder eine größere Rolle spielen.

Interessanter Nebenaspekt der Erhebung: Immerhin ein Drittel sieht im Sharing ein zukunftsorientiertes Konzept. Dabei teilen sich die Bewohner Gemeinschaftsflächen wie Dachterrasse, Sauna oder Kino, die für den Einzelnen zu kostspielig sind und häufig über längere Zeit ungenutzt bleiben.

Für den Bau von 100 Smart Cities hat die indische Regierung ein Budget von 1,2 Mrd. $ zugesagt

Auch der Trend zum Onlineshopping hält an. Kunden bestellen immer mehr im Internet, anstatt Geschäfte in der City aufzusuchen. Für eine verlässliche Aussage darüber, ob Innenstädte dadurch ausbluten und sich Verkehrsflüsse ändern, gibt es Experten zufolge noch kaum empirische Untersuchungen.

Klar ist aber, dass die logistische Versorgung einer Stadt mit immer kleinteiligeren Warenlieferungen zurechtkommen muss. Wo früher ganze Lkw-Ladungen an wenige Orte geliefert wurden, müssen heute viele kleine Pakete an viele Adressen verteilt werden.

Städte könnten hierfür Bündelungspotenziale nutzen, wenn die Güterströme von außen über urbane Knoten geschickt würden, sagt Tobias Hegmanns, Leiter des Bereichs Unternehmenslogistik am Fraunhofer-Institut für Materialfluss und Logistik (IML) in Dortmund. Dann würde der kooperativ gestaltete Verkehr gemeinschaftlich erfolgen. Ein Versuch dazu in Dortmund zeigt aber, dass der Preis dafür noch recht hoch ist. „Man kann 30 % der Lkw-Einfahrten einsparen und 20 % an CO2, hat aber auch 20 % höhere operative Kosten“, gibt Hegmanns zu bedenken.

Die Frage der Kostenübernahme müsste also noch geklärt werden, oder die Stadt zahle selbst, um mit weniger Verkehr und geringeren Emissionen lebenswerter zu sein – oder weniger gefährlich: „Durch Kfz-bedingte Luftverunreinigung werden bei Birkenpollen allergieauslösende Proteine nitriert“, erklärt Wilhelm Kuttler, Klimatologe an der Uni Duisburg-Essen. Zudem würden bei hohen Temperaturen und viel CO2 in der Luft allergieauslösende Beifußpollen aktiviert.

Neben dem Verkehr nimmt auch das Klima Einfluss auf die Stadtentwicklung. „Wir müssen davon ausgehen, dass es mehr Sommergewitter und damit eine höhere Überschwemmungsgefahr gibt“, warnt Kuttler. Riesenstädte wie Tokio strahlen bis zu 300 W/m2 Wärme in die Atmosphäre ab, was wiederum die Niederschläge über dem Stadtgebiet erhöht.

Robert Riechel vom Deutschen Institut für Urbanistik fordert daher vorauszudenken. Wie sich eine Stadt in Zukunft entwickle, sei heute weniger klar als früher. Die Folgen des Klimawandels könne man beispielsweise trotz zahlreicher Forschungsprojekte nicht genau vorhersagen. „Man sollte also Möglichkeiten einplanen, um nachjustieren zu können“, sagt Riechel und meint damit z. B. Grünstreifen als Pufferzonen für Starkregen.

Während Städtebau in Deutschland eher organisch betrieben wird, also gewachsene Dorf- und Kleinstadtstrukturen allmählich nach Bedarf erweitert werden, ist das Städtewachstum in den Schwellenländern ungebrochen. „Der Großteil unserer urbanen Infrastruktur ist noch nicht gebaut“, sagte Indiens Premierminister Narendra Modi kürzlich.

Er stellte der Öffentlichkeit einen ungeheuren Plan vor: 100 Smart Cities sollen praktisch auf der grünen Wiese entstehen. Aus dem Haushalt 2014/15 seien dafür bereits 1,2 Mrd. $ bewilligt. Sie fließen in durchgestylte Millionenstädte mit funktionierender Kanalisation, staufreien Straßen, zuverlässiger Strom- und vor allem sicherer Wasserversorgung.

Für Millionen Menschen auf dem überbevölkerten indischen Subkontinent, die unter ärmlichsten Verhältnissen in Slums leben, wäre das ein Segen. Aber werden sie auch davon profitieren können? Wohl eher nicht. Denn in die Gift-City (Gujarat International Finance Tec), wo mitten im Ödland bereits die ersten beiden Hochhäuser errichtet worden sind, soll eher die wohlhabende Mittelklasse einziehen.

Ein ähnlicher Vorstoß der chinesischen Regierung ist bislang gescheitert. In Neu-Lanzhou im Nordwesten Chinas ragen Wolkenkratzer bereits bezugsfertig in den Himmel. Doch sie stehen leer. Etwa 600 000 Menschen sollen hierher ziehen. Zu sehen ist bisher niemand. Der Plan, bis zum Jahr 2030 gut 1 Mio. Bewohner in die neue Stadt an der Seidenstraße zu locken scheint daher wenig realistisch.

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