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Donnerstag, 16. November 2017, Ausgabe Nr. 46

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Wettbewerbsfähigkeit

Europas Deindustrialisierung setzt sich ungebremst fort

Von Lisa Schneider, Thomas A. Friedrich | 19. September 2014 | Ausgabe 38

Seit 2008 sind im verarbeitenden Gewerbe Europas 3,5 Mio. Arbeitsplätze verloren gegangen. Der Anteil an der EU-Bruttowertschöpfung sank von 18,5 % im Jahr 2000 auf einen historischen Tiefststand von 15,1 % im Jahr 2013. Das geht aus dem von der EU-Kommission veröffentlichten Wettbewerbsbericht 2014 hervor.

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Foto: Imago/S. Spiegl

Die Ausgaben für Forschungs- und und Entwicklungsaufwendungen (FuE)liegen in Deutschland bei 3 % gemessen am Bruttosozialprodukt (BSP). Im Bild eine Mitarbeiterin der Firma Merck, die den Coatingprozess von Tabletten überwacht.

Der amtierende EU-Industriekommissar Ferdinando Nelli Feroci übt sich bei der Vorstellung des ersten Wettbewerbsfähigkeitsberichts der EU-Staaten und dem Industrie-Wettbewerbsbericht in Gesundbeten: „Ich erkenne die Anstrengungen der Mitgliedstaaten zur Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit ihrer Industrie an. Es gibt jedoch noch viel zu tun.“ Die von seinem Vorgänger Antonio Tajani vorgegebene Zielmarke, den Industrieanteil der EU bis 2020 wieder auf 20 % anheben zu wollen, bleibt ein frommer, aber unrealistischer Wunsch.

Die beiden jeweils über 200-seitigen Berichte listen schonungslos die Schwächen der europäischen Industrie auf und bilanzieren die noch vorhandenen Stärken der europäischen Industrielandschaft. Noch stellen demnach der hohe Exportanteil der europäischen Industrie von rund 85 % und der Anteil hoch qualifizierter Arbeitskräfte im verarbeitenden Gewerbe in der EU Trümpfe gegenüber den USA oder China dar.

Die Beschäftigung in der verarbeitenden Industrie hat zwischen 2007 und 2012 nur in Deutschland zugenommen. Der Fachkräftemangel stellt in ganz Europa ein Problem dar. 2013 gaben 39 % der Unternehmen an, dass sie sich schwer tun, angemessen qualifizierte Arbeitskräfte zu finden. Das verarbeitende Gewerbe lag mit 43 % über dem Durchschnitt.

 „Ein Industrieanteil von 15,1 % in Europa ist erschreckend und gefährlich. Deutschland war in der Krise das beste Beispiel, dass eine starke Industrie eine ganze Volkswirtschaft stabilisiert“, sagt Thilo Brodtmann, stellvertretender Hauptgeschäftsführer des VDMA. Es stehe außer Frage, dass die Reindustrialisierung Europas eine Priorität der neuen EU-Kommission sein müsse.

Branchenübergreifend sind mehr Investitionen nötig, damit die europäische Industrie ihre Wettbewerbsfähigkeit erhalten kann, unterstreichen die Autoren der EU-Wettbewerbsstudie. Die Investitionstätigkeit leide an Schwierigkeiten beim Zugang zu Finanzmitteln, vor allem für kleine und mittlere Unternehmen (KMU), hohen Energiepreisen sowie fehlender Effizienz in den öffentlichen Verwaltungen vieler Mitgliedstaaten. Der Binnenmarkt für Bankkredite ist nach wie vor zersplittert und es gibt trotz Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) ein großes Zinsgefälle zwischen den Mitgliedstaaten.

Die Wettbewerbsfähigkeit der EU leidet des Weiteren an den im Vergleich zu den USA und Japan hohen Strom- und Gaspreisen. Die negativen Auswirkungen der gestiegenen Preise wurden zwar durch Verbesserungen bei der Energieeffizienz wettgemacht, so die Studie, konnten aber nicht vollständig ausgeglichen werden. Zwischen den Jahren 2008 und 2012 stiegen die Elektrizitätspreise in nahezu allen Mitgliedsländern.

Der Blick in die Länder-Wettbewerbsberichte weist die Niederlande, Deutschland, Dänemark und Irland als die Staaten mit weiter zunehmender Wettbewerbsfähigkeit auf den globalen Märkten aus. Deutschland glänzt demnach mit gut ausgebildeten Ingenieuren, Forschern und Entwicklern. Ebenso erreicht Deutschland das EU-weite Ziel der Forschungs- und Entwicklungsaufwendungen (FuE) mit 3 % gemessen am Bruttosozialprodukt (BSP). Insgesamt bestreitet die deutsche Volkswirtschaft 23,5 % (2013) des gesamten EU-Exports und ist damit Europameister.

Schlusslichter beim Niveau der Innovationsfähigkeit in der EU bilden Slowenien, Bulgarien, Kroatien, Malta und Zypern. Anlass zur Sorge bereiten aber Belgien, Großbritannien, Italien und allen voran Frankreich mit stagnierender oder rückläufiger Wettbewerbsfähigkeit.

Frankreich investiert nur 1,5 % seines BSP in FuE. Der Anteil der verarbeitenden Industrie schmolz von 2008 bis 2012 von 11 % auf 10,25 % ab. Die CO2-Emissionen verringerten sich daher auf 8,2 t jährlich pro Kopf. Hinzu kommt, dass mit 58 in Betrieb befindlichen Kernkraftwerken die CO2-Bilanz sich rechnerisch günstig darstellt. Aber die weiter mangelnde Liberalisierung des französischen Energiemarktes und fehlende grenzüberschreitende Infrastrukturen zu den Nachbarländern Spanien und Italien bremsen die Innovationsfähigkeit. Mit über 30 % an Sozialausgaben für die exorbitant hohe Jugendarbeitslosigkeit im Land, fehlt es überdies an Investitionen in Zukunftstechnologien. Ebenso wie Italien bremst der Nachbar links des Rheins damit die Innovationsbestrebungen im EU-Raum.

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