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Donnerstag, 20. April 2017, Ausgabe Nr. 16

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Telekommunikation

„Gleiche Spielregeln für alle“

Von Christiane Schulzki-Haddouti | 18. März 2016 | Ausgabe 11

Auf seinem Wachstumskurs will Whatsapp nicht nur die SMS ablösen, sondern auch die E-Mail und das Telefon. Telekommunikationsunternehmen fordern jetzt gleiche Spielregeln für alle Anbieter.

BU Whatsapp
Foto: WhatsApp

Unterschiedliche Regeln, obwohl beide Telefonie anbieten: Die Deutsche Telekom ist über Whatsapp und Co. verärgert.

1 Mrd. Nutzer hat Whatsapp inzwischen. Vor zwei Jahren, als Facebook den Messengerdienst für 19 Mrd. $ übernahm, waren es nur halb so viele. Und Facebook-Chef Mark Zuckerberg setzt weiterhin auf Wachstumskurs. „Wir haben unmittelbar keinen Druck, Umsätze zu generieren“, bestätigt Whatsapp-Gründer Jan Koum.

Telekommunikationsdienste von Social-Media-Anbietern

Offenbar nimmt Facebook Kurs auf eine Monopolisierung, die dann neue Geschäftsmodelle ermöglicht. Whatsapp hat die SMS schon erfolgreich abgelöst. In einem nächsten Schritt könnte die mobile Telefonie kommen, denn der Messenger kann seit vergangenem Jahr auch das. Für die jüngere Generation sind Messagingdienste längst attraktiver als die E-Mail.

Jan Koum kündigte auch an, neue technische Schnittstellen für die Kundenmanagementsysteme der Unternehmen bereitzustellen, um die Kommunikation zwischen Unternehmen und Nutzern „einfacher und effizienter“ zu machen. Was genau passieren soll, lässt er im Unklaren und verrät nur so viel: „Ein Anruf beim Kundenservice dauert heute zu lange und ist oft frustrierend. Wir kennen viele Wege, diese Kommunikation deutlich besser zu machen.“

Fluggesellschaften könnten ihren Kunden bei Flugplanänderungen Nachrichten über Whatsapp schicken und dafür bezahlen. Onlineshops könnten Versandbestätigungen und Tracking-Nummern über den Messagingdienst zustellen.

Auch wird die Vernetzung mit Facebook enger: Mit der neuesten Softwareversion können iPhone-Nutzer Profilbild, Nutzernamen und Kontakte aus dem sozialen Netz bereits in Whatsapp importieren. Kontaktdaten im Adressbuch des Smartphones lassen sich mit Facebook-Kontaktdaten synchronisieren.

Willigt der Nutzer ein, kann der blaue Riese so Daten aus zwei Diensten in einem einzigen Profil zusammenführen. Damit werden die Profildaten detaillierter und noch wertvoller für Werbekunden.

Doch der Weg zum Monopol könnte steinig werden: Das jetzt eingeleitete Verfahren des Bundeskartellamts gegen Facebook geht davon aus, dass die Firma mit datenschutzfeindlichen Nutzungsbedingungen seine marktbeherrschende Stellung missbraucht.

Weltweit haben Regulierungsbehörden Whatsapp und Internetdienste wie Twitter und Skype ins Visier genommen, die Telekommunikationsdienstleistungen anbieten, aber nicht selbst in den Aufbau der Netze investieren. In Indien, Südafrika und Nigeria wollen die Telekommunikationsbehörden diese Softwaredienste derselben Regulierung unterwerfen wie die Telekommunikationsanbieter.

Timotheus Höttges, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Telekom, und Thorsten Dirks, Chef von Telefónica Deutschland, kritisieren unisono, dass der Wettbewerb durch Internetdienste wie Whatsapp oder Skype, aber auch durch Player wie Amazon, Ebay und Netflix „stark verzerrt“ werde. „Diese Anbieter beteiligen sich nicht an unseren Netzkosten, haben keine gesetzlichen Verpflichtungen zu erfüllen“, klagt Höttges. Er fragt: „Wo besteht der essenzielle Unterschied zwischen Skypen und Telefonieren oder zwischen einer SMS und einer Whatsapp-Nachricht?“ Alle Unternehmen sollten zumindest den gleichen Prinzipien wie Interoperabilität, Nicht-Diskriminierung oder Offenheit folgen.

Die Folge der Ungleichbehandlung für die Deutsche Telekom schildert Höttges dramatisch: „Wir können kaum unsere Kapitalkosten verdienen, diese Anbieter aber machen enorme Gewinne.“ Den Verlust, den die Telekom bei SMS-Diensten in den letzten Jahren wegen der wachsenden Beliebtheit von Messengerdiensten gemacht hat, beziffert der Telekom-Vorstand auf 40 Mrd. €. Deshalb müsse die Regulierung an die neuen Bedingungen angepasst werden: „Wir fordern nicht mehr Regulierung, wir fordern nur gleiche Spielregeln für alle.“ Auch Vodafone macht sich stark für einheitliche Wettbewerbsbedingungen hinsichtlich Verbraucherschutz, Datenschutz, Überwachung und Interoperabilität: „Gleiche Dienste, gleiche Regeln“, fordert eine Sprecherin. Netzbetreiber würden verglichen mit Diensten, die als Ersatz für Telefon und SMS genutzt werden, stark reguliert.

Staatliche Sicherheitsbehörden haben im Moment ebenfalls das Nachsehen. Weil Facebook die Herausgabe von Whatsapp-Nachrichten verweigert, ließ die brasilianische Justiz erst jüngst einen Facebook-Manager verhaften.

Für Zugriff auf Googles GMail-Postfächer muss die deutsche Polizei erst die amerikanischen Kollegen bitten. Und auch der Zugriff auf private Kommunikation über Facebook oder Twitter hängt vom guten Willen der US-Behörden ab.

Die Bundesnetzagentur versucht derzeit, die neuen Internetdienste der Regulierung zu unterwerfen. Sie geht durch gerichtliche Instanzen, um GMail als E-Mail-Dienst mit allen damit verbundenen Rechten und Pflichten behandeln zu dürfen. Hannah Seiffert, Expertin für TK-Recht, sagt dazu: „Dass ein E-Mail-Dienst als Telekommunikationsdienst eingestuft werden kann, ist bereits seit 2003 rechtlich klar anerkannt.“

Würde Google als E-Mail-Dienst und damit als Telekommunikationsanbieter vom Gericht bestätigt, müsste die Firma neben einer Reihe von Verpflichtungen im Datenschutz und Verbraucherrecht auch das Telekommunikationsgeheimnis wahren. Bisher scannt der Webgigant E-Mail-Inhalte aus diversen Gründen – etwa zur Profilbildung für Werbekunden. Das wäre so nicht mehr möglich.

Das Verwaltungsgericht in Köln urteilte im vergangenen November, GMail sei ein Telekommunikationsdienst.

Ein Grund für fehlende Regulierung der neuen Internetdienste ist im Moment vor allem die mangelnde Transparenz. Von Whatsapp ist jetzt bekannt, dass es weltweit über 1 Mrd. Nutzer hat. Wie viele Menschen in Deutschland den Dienst nutzen und wie viele Nachrichten sie täglich absetzen, darüber schweigt das Unternehmen. Auch schweigt sich Whatsapp darüber aus, wie intensiv das Sprachtelefonieangebot genutzt wird.

„Wir müssen endlich von diesen Unternehmen die Marktdaten erheben dürfen, die als Basis für die zukünftige Regulierung dienen“, fordert deshalb Wilhelm Eschweiler, Vizepräsident der Bundesnetzagentur. Damit wäre zumindest ein Anfang gemacht. Die Europäische Kommission will die Regulierung für Telekommunikationsdienste jetzt überarbeiten.

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