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Mittwoch, 13. Dezember 2017

Klimaforschung

Hochwasserereignisse haben in Deutschland seit 1980 deutlich zugenommen

Von Oliver Ristau | 4. Oktober 2013 | Ausgabe 40

Auch wenn der Klimawandel derzeit scheinbar eine Pause einlegt, werden nach Einschätzung von Klimaforschern Extremwetterlagen wie Starkregen und Dürreperioden immer öfter auftreten und Anpassungsleistungen von Stadt und Land erfordern. Denn ohne derartige Investitionen würden sich Wetterextreme gegenseitig den Rang der jeweils teuersten Naturkatastrophe ablaufen.

Hochwasserereignisse haben in Deutschland seit 1980 deutlich zugenommen

Verhagelt: Ein heftiges Unwetter mit Hagel hatte Ende Juli in weiten Teilen Deutschlands für schwere Schäden gesorgt. Versicherungsexperten führen nun den Sturm als Nr. 4 unter den teuersten Naturkatastrophen der deutschen Geschichte. Foto: dpa

Beruhigen wird sie die Menschen an der Elbe und deren Zuflüssen kaum, die dieses Frühjahr von verheerenden Überschwemmungen betroffen waren: die Diskussion um eine Atempause der Erderwärmung. Denn an den extremen Wetterereignissen wird diese Periode der seit ca. 15 Jahren stagnierenden Erwärmung der Atmosphäre nach einhelliger Meinung von Forschern nichts ändern.

"Die Erwärmung des Klimasystems dauert an", lautet eine zentrale Aussage, zu der sich Meteorologen und Klimawissenschaftler auf dem 8. Extremwetterkongress bekannten, der Ende September in Hamburg stattfand. Ursache für die Pause bei der Erwärmung der Atmosphäre ist nach Erkenntnissen des Geomar Helmholtz-Zentrums für Ozeanforschung aus Kiel die Tiefsee.

"Unsere Untersuchungen zeigen, dass die Wärmeaufnahme des Wassers unter 1000 m ansteigt", sagte Geomar-Klimaforscher Mojib Latif am Rande der Veranstaltung. Dadurch kühlten sich die Oberflächengewässer der Ozeane ab, was wiederum die darüber liegenden Luftschichten kühle. Irgendwann aber werde die Tiefsee diese Wärme wieder abgeben. "Dann wird es mit der Erderwärmung umso schneller weitergehen."

Ein Grund, warum die Tiefsee bisher nicht gerade im Blickpunkt der Klimadebatte stand, ist die fehlende Datenlage. Latif: "Wir haben praktisch keine Messungen unterhalb von 2000 m Tiefe."

Dem Argument der sogenannten Klimaskeptiker, die an dem vom Menschen gemachten Klimawandel zweifeln, erteilten die Wissenschaftler auf dem Kongress eine Absage. Paul Becker, Vizepräsident des Deutschen Wetterdienstes (DWD), räumte zwar ein, dass die meisten Prognosemodelle die Atempause nicht vorhergesagt hatten. "Wir benötigen künftig mehr Messungen und Beobachtungen." Doch das habe nichts damit zu tun, dass der "vom Menschen verursachte Klimawandel stattfindet und sich qualitativ belegen lässt".

Fakt ist nach Berechnung von Deutschlands größtem Rückversicherer auch die Zunahme von Extremwetterlagen. "Hochwasserereignisse in Deutschland sind seit 1980 um den Faktor zwei häufiger geworden", sagte Meteorologe Peter Höppe von Munich Re auf dem Kongress. Die Überschwemmungen in diesem Frühjahr verursachten Schäden in Höhe von 9 Mrd. €.

Die laut der Rückversicherer zweitteuerste Naturkatastrophe in der Historie Deutschlands ist Folge einer in den letzten Jahrzehnten entstandenen Großwetterlage, die als "Trog über Zentraleuropa" bezeichnet wird. Dabei nehmen Tiefdruckgebiete über dem nördlichen Mittelmeer enorme Mengen an Feuchtigkeit auf, die sie später als Regen etwa über dem Süden und Osten Deutschlands wieder abgeben.

Und auch die Nr. 4 unter den teuersten Naturkatastrophen der deutschen Geschichte ereignete sich in diesem Jahr – als Ende Juli Hagelkörner in der Größe von Tennisbällen in Baden-Württemberg nicht nur Autos demolierten. Mit einem Schadenvolumen von 2,3 Mrd. € war es zugleich das teuerste deutsche Hagelereignis überhaupt.

"Solche Extremwetterereignisse werden weiter zunehmen", prognostiziert Latif. Darauf müssen sich Stadt und Land stärker als bisher vorbereiten. "Nach den Überschwemmungen wieder alles so aufzubauen, wie es vorher war, kann es nicht sein", sagte der Kieler Klimaforscher mit Blick auf die Ereignisse an der Elbe. "Die nächsten Überschwemmungen werden kommen." Da müsse man in den betroffenen Städten überlegen, vielleicht nicht mehr am Wasser siedeln.

Das ist für wachsende und sich verdichtende Städte keine Option. Dort muss in den Flutschutz investiert werden. Das bedeutet höhere Deiche. Ablaufflächen für das eindringende Wasser stehen in den Städten zumeist nicht zur Verfügung. Deshalb müssten sie mit den ländlichen Kommunen am Vorderlauf des Flusses ein gemeinsames Hochwasserkonzept aufstellen. "Es geht um Renaturierung sowie Schaffung und Bewahrung von Überlaufflächen", sagt Latif. Die Städte hätten ein vitales Interesse daran, dass solche Flächen vor ihren Toren ausgebaut werden.

Neben den Fluten wird die Hitze für die Städte zum Problem. Das gilt vor allem für die wuchernden Megacities in den Schwellenländern. Steigender Verkehr, fehlende Vegetation und enge Bebauung setzen die Menschen dort umso mehr unter Stress, je heißer und trockener das Klima ist und wird. Denn unter Sonneneinstrahlung entsteht in den Straßenschluchten aus Industrie- und Straßenabgasen das Herz und Kreislauf schädigende aggressive Gas Ozon. Außerdem gibt es in den Megacities wegen fehlender Reinigungstechniken und unkontrolliertem Hausbrand – von Holz und Abfällen zur privaten Energieversorgung – eine Vielzahl von Quellen für die Atemwege belastenden Stick- und Schwefeloxide.

In Europa trifft die Zunahme der Hitzewellen insbesondere die Städte der gemäßigten Breiten. Die Bausubstanz ist nicht darauf eingestellt. "Das ist ein Grund, warum Zehntausende Menschen bei der großen Hitze 2003 in Frankreich gestorben sind", sagte Guy Brasseur, Direktor des Climate Service Centers aus Hamburg. Während Spanien und Italien damals ebenfalls unter hohen Temperaturen litten, fielen der Hitze dort weit weniger Menschen zum Opfer.

"Die Städte sind in Südeuropa meist anders gebaut und strukturiert. Die Häuser haben dickere Wände und das Gassen- und Straßennetz bietet Möglichkeiten zur Windzirkulation." Die weiß bemalten Häuserfassaden etwa in Südspanien verhinderten zudem, dass sich die Wände massiv aufheizen.

"In Paris aber gab und gibt es keine Architektur, die auf Hitze Rücksicht nimmt", so Brasseur. Ähnliches gilt für deutsche Städte. Doch obwohl die Problematik durch den Klimawandel und den Zuzug in die großen Metropolen in Deutschland wächst, ist eine entsprechende Stadtplanung bisher noch die absolute Ausnahme.  OLIVER RISTAU

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