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Donnerstag, 22. Juni 2017, Ausgabe Nr. 25

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Wirtschaft

IG Metall und BDI wollen deutsche Industrie stärken

Von Hartmut Steiger | 3. Juli 2015 | Ausgabe 27

Die Orientierung an der schnellen Kapitalrentabilität sei schädlich für Innovationen und die künftige Wertschöpfung, kritisiert Armin Schild, designierter Geschäftsführer des Netzwerks Zukunft der Industrie.

S7 Aufmacher (2)
Foto: Caro/Jürgen Heinrich

Wer die industriellen Grundlagen in Deutschland sichern will, muss auch Produktion jenseits der industriellen Zentren halten.

Diese Warnung ist für Armin Schild Wasser auf der Mühle: Wenn der Finanzsektor in den Industrieländern weiter so stark expandiert wie in den vergangenen Jahren, werde das Wirtschaftswachstum eher gehemmt als gefördert, fürchtet die OECD, der Zusammenschluss der großen Industrienationen.

Netzwerk Zukunft der Industrie

Schild wird, zusammen mit dem früheren Berliner Evonik-Repräsentanten Markus Schulz, Geschäftsführer des kürzlich gegründeten Netzwerks Zukunft der Industrie, zu dem die IG Metall und der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) den Anstoß gegeben haben. Die Aufgabe des Netzwerks sieht er in der Stärkung der Industrie als „Fundament für Wachstum, Wohlstand und gute Arbeit in Deutschland“ (siehe Kasten).

Dieses Fundament ist nach Auffassung von Schild, der mehr als zehn Jahre Leiter des IG-Metall-Bezirks Mitte war, brüchiger geworden als es wahrgenommen werde. Eine der Ursachen dafür liegt nach seiner Einschätzung in der zu niedrigen Investitionsquote im öffentlichen wie im privaten Sektor, die auch im Zusammenhang mit der unkontrollierten Aufblähung der Finanzmärkte stehe. So lagen nach Angaben des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung im Jahr 1999 die Bruttoinvestitionen bei rund 20 % des Bruttoinlandsprodukts, derzeit bei 17 %. Der Rückgang der Investitionsquote zeige, dass die Formel, wonach die Gewinne von heute die Investitionen von morgen und die Beschäftigung von übermorgen sind, heute niemand mehr in den Mund nehme. Schild: „Das ist der Kern des Problems“. Die Kapitalrendite, der Return on Investment (ROI), habe sich oft zur allein entscheidenden Kennziffer für Investitionen entwickelt. „Heute kommt es viel mehr auf die Geschwindigkeit an, mit der der ROI bedient werden kann.“ Für Investitionen in Forschung und Entwicklung, die sich erst übermorgen lohnen, und damit für die Sicherung künftiger Wertschöpfung, sei die Fixierung auf den ROI gefährlich, warnt Schild.

Foto: Dominik Butzmann

„Wir brauchen eine längerfristige Strategie in den Unternehmen, die auch an den Interessen der Beschäftigten und der Regionen ausgerichtet ist.“ Armin Schild, designierter Geschäftsführer des Netzwerks Zukunft der Industrie.

Der hohe Anteil der Industrie an der Wertschöpfung in Deutschland müsse erhalten, eher noch ausgebaut werden, fordert Schild. Das sei eines der Ziele, die sich das Netzwerk gesetzt hat. Dazu müssten in Unternehmen, Verbänden und in der Politik die Kräfte gestärkt werden, die wissen, welche Rolle die Industrie für den Wohlstand in Deutschland spielt. Schild: „Wir brauchen eine längerfristige Strategie in den Unternehmen, die auch an den Interessen der Beschäftigten und der Regionen ausgerichtet ist.“ Das Netzwerk Zukunft der Industrie will die Industrieakzeptanz steigern und die digitale Agenda voranbringen. Aber es will auch dazu beitragen, dass private Kapitalgeber stärker in die Realwirtschaft investieren.

Finanzmittel seien jedenfalls genügend vorhanden, meint Schild. Weltweit wurden im vergangenen Jahr erstmals mehr als eine Billion Dollar an Dividenden ausgeschüttet. Auch an Investitionschancen mangele es nicht, ist Schild sicher. Zum Beispiel auf dem Gebiet der Elektromobilität. Diesen Trend hätten die deutschen Autohersteller keineswegs technisch verschlafen. Aber in einigen Automobilkonzernen hätten manche Anteilseigner nur geringes Interesse an Innovationen, wenn sie sich nicht schnell wieder rentierten. So seien junge Ingenieure mit ihrer Idee, Fahrer von Elektroautos in der Stromversorgung autark zu machen, bei der deutschen Autoindustrie abgeblitzt, berichtet Schild. Für das Aufladen der Batterien an einer Photovoltaik-Anlage, mit Erdwärme oder an einem kleinen Blockkraftheizwerk habe sich damals kaum jemand interessiert. Heute setzt Elon Musk, Gründer von Tesla, auf diese Technik.

Wenn Schild von der Stärkung der Industrie spricht, hat er nicht nur Leuchttürme im Hightech-Sektor im Blick. Ihm geht es auch darum, Produktion in der Fläche zu sichern und aufzubauen. Als IG-Metall-Bezirksleiter war er zuständig für Hessen, Rheinland-Pfalz, Thüringen und das Saarland – Regionen, in denen es zwar viel Industrie gibt, in denen aber kaum eine Konzern- oder Unternehmenszentrale aus dem produzierenden Gewerbe ihren Sitz hat. Daher sei es schwierig, dort innovative Forschungs- oder Entwicklungsabteilungen anzusiedeln. Eine wichtige Aufgabe des Netzwerks sieht Armin Schild darin, die Kooperation zwischen Politik, Unternehmen und Gewerkschaften zu verbessern, um gemeinsam mit technologieorientierten Unternehmen die regionalen Rahmenbedingungen für Investitionen zu stärken.

Über investitionsfreundliche Rahmenbedingungen will Schild im Netzwerk Zukunft der Industrie gerne sprechen. Nicht reden will er dagegen über eine Senkung der Löhne. Für ihn ist es wichtiger zu erfahren, warum deutsche Autohersteller kein Interesse an der autarken Stromversorgung für Elektroautomobile gefunden haben.  

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