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Dienstag, 12. Dezember 2017

Energie

InnovationCity Ruhr: Energiewende im Revier

Von Martin Volmer | 4. Oktober 2013 | Ausgabe 40

Rund 1000 Tage ist Bottrop jetzt "InnovationCity Ruhr" und damit Vorzeigeort in Sachen Energietechnik. Zeit für eine Zwischenbilanz: Was hat sich getan im Bottroper Süden, im rund 2500 ha großen und knapp 67 000 Einwohner umfassenden Pilotgebiet - für das Klima, für die Wirtschaft, für die Bürger?

InnovationCity Ruhr: Energiewende im Revier

Mit Fingerprint öffnet Beate Kewitsch die Tür. Techniken wie diese haben aus dem altdeutschen Siedlungshaus ein neudeutsches "Smart Home" gemacht. Foto: Volmer

Fast geräuschlos surrt der blaue Elektro-Smart in die Einfahrt des typischen Einfamilienhauses in der 1960er-Jahre-Siedlung. Es ist einer dieser Tage, an denen Beate und Christian Kewitsch gemeinsam nach Hause kommen. Während er das Kabel aus dem Kofferraum holt und den Stecker in die Ladestation am Haus drückt, bringt sie schon mal die Einkäufe hinein. Murphys Gesetz zufolge müsste der Türschlüssel allerdings jetzt ganz unten im Korb unter Blumenkohl und Joghurtbechern vergraben liegen.

Die Emscherstadt Bottrop: Masterplan für eine energieeffiziente Zukunft

"Einen Türschlüssel brauchen wir zum Glück nicht mehr", sagt die Hausherrin jedoch und legt den Zeigefinger auf den Fingerabdruck-Scanner unter der Klingeltaste und der Kamera. Es klingt wie ein Akkuschrauber auf niedriger Drehzahl, als die Elektromotoren die Riegel einziehen. Mit einem letzten lauten Klick springt die Tür auf und Beate Kewitsch kann eintreten.

Zwei Räume hat die Familie Kewitsch in ihrem Keller opfern müssen, um die neue Heizungs- und Wassertechnik unterzubringen. Foto: Volmer

Zukunftsvision? Nein, Zukunftshaus. So hat der Sponsor RWE Effizienz sein Projekt im Bottroper Süden getauft. Innerhalb von neun Monaten wurde das Heim der Familie Kewitsch von einem 15 000-kWh-Verbraucher zum Plus-Energie-Haus umgebaut. Mittels Thermografie und eines Blower-Door-Tests waren vor Umbaubeginn Wärmebrücken und Undichtigkeiten in der Gebäudehülle aufgedeckt worden.

Sebastian Bittrich von der ICRuhr deutet auf die 30-cm-dicken Dämmplatten. Foto: Volmer

Daraufhin wurde die Fassade mit 30 cm dicken Dämmstoffplatten eingepackt, die alten Fenster gegen neue mit Dreifachverglasung ausgetauscht. Eine neue Heizungsanlage mit Wärmepumpentechnik, Photovoltaikmodule und Sonnenwärmekollektoren auf dem Dach, LED-Lampen, eine intelligente Haussteuerung – so ist aus dem Siedlungshaus im Revier ein neudeutsches "Smart Home" geworden.

Das RWE-Zukunftshaus ist eines von über 125 Projekten, mit denen Bottrop beweisen will, dass es geht: Dass aus einer über Generationen gewachsenen, zerstörten und wieder aufgebauten Stadt eine Vorzeigeregion in Sachen Energieeffizienz werden kann.

2010 hat sich Bottrop gegen 15 andere Ruhrgebietskommunen im Wettbewerb des Initiativkreises Ruhr um den Titel "InnovationCity" durchgesetzt. 20 000 Unterstützer-Unterschriften hatte Oberbürgermeister Bernd Tischler dafür gesammelt. Schlagzeilen über Milliardeninvestitionen ließen die Menschen im strukturwandelgebeutelten Ruhrgebiet von goldenen Zeiten träumen.

Beim Besuch rund 1000 Tage später zeigt sich OB Tischler wenig glücklich über die schon 2010 in die Welt gesetzten Summen. "Reine Modellrechnungen", nennt Tischler die Berichte von damals. "Das muss man relativieren. Es geht um den gesamten 10-Jahres-Zeitraum und um Investitionen von Unternehmen und Privatleuten, die über die Projekte angestoßen werden könnten."

Die öffentlichen Fördermittel fließen dagegen spärlich: für Machbarkeits- und Potenzialanalysen, für die Erstellung eines Masterplans, in dem das bekannte Architekturbüro Albert Speer & Partner die Ergebnisse der Bürger-Werkstätten und die angemeldeten Projekte zusammenträgt. Auch die Beratung von Bürgern im Zentrum für Information und Beratung (ZIB) am Bottroper Hauptbahnhof wird gefördert.

Über das Tablet steuert Christian Kewitsch sämtliche Stromverbraucher im Haus. Foto: Volmer

1100 Hauseigentümer haben das Angebot schon in Anspruch genommen. Immerhin rund die Hälfte dieser Bürger habe die empfohlenen Maßnahmen zur energetischen Sanierung zumindest in Teilen umgesetzt, so Burkhard Drescher. Mit dem früheren Oberhausener OB und Vorstandschef der größten deutschen Wohnungsgesellschaft Gagfah hat Bottrop 2011 einen hervorragend vernetzten Manager als Geschäftsführer für die Projektgesellschaft gewinnen können.

Wer mag, kann nach der Erstberatung im ZIB (Zentrum für Information und Beratung) kostenlos eine thermografische Aufnahme seines Gebäudes anfertigen lassen. Daran lässt sich besser erkennen, an welchen Stellen des Hauses besonders große Wärmeverluste auftreten. Solche Motivationshilfe sollte eigentlich nicht nötig sein. Denn: "Bei den derzeit extrem günstigen Finanzierungsmöglichkeiten rentieren sich die Investitionen in Wärmedämmung oder in die Nutzung von Sonnenenergie und Erdwärme direkt", betont Drescher.

Familie Kewitsch ist erst vor wenigen Wochen wieder in ihr neues, altes Zuhause eingezogen. Den "Klimawandel" innerhalb der eigenen vier Wände haben sie schon deutlich festgestellt. "Es ist wärmer geworden, auch ohne zu heizen", berichtet das Paar. Im Schlafzimmer manchmal zu warm, obwohl die Heizungselemente in der Raumdecke eigentlich auch zur Kühlung genutzt werden können. "Das Feintuning kommt noch", meint Christian Kewitsch.

Es hake noch, beispielsweise dort, wo die Küchengeräte noch nicht über das Tablet angesteuert werden können. Aber darum geht es ja im RWE-Zukunftshaus: um das Austesten, das Optimieren von Schnittstellen, die Vernetzung der Technologien und Standards unterschiedlichster Hersteller.

"Unser Heim ist komfortabler und sicherer geworden", lautet das erste Resümee der Hausbewohner. Kein mulmiges Gefühl mehr im Urlaub, ob ein Fester offen oder die Kaffeemaschine angelassen wurde. Keine Angst mehr, dass die Kinder den Haustürschlüssel verlieren könnten. Und laut Stromzähler im Keller haben die Kewitschs noch keine einzige Kilowattstunde Strom aus dem Netz beziehen müssen, stattdessen aber einen Überschuss eingespeist.

Im Bau ist der Campus der neuen Hochschule Ruhr West, in dem ab 2014 Studenten der Fachrichtungen Informatik, Energiesysteme und -wirtschaft lernen sollen. Foto: Volmer

So ähnlich soll es möglichst ab dem kommenden Jahr an der Hans-Sachs-Straße laufen. Hier wird gerade der Bottroper Campus der Hochschule Ruhr-West gebaut. Ab 2014 sollen hier Studenten der Fachrichtungen Informatik sowie Energiesysteme und Energiewirtschaft unterrichtet werden. Die Hochschulgebäude können zugleich als "energy campus lab" genutzt werden, in dem die Studierenden als Bestandteil der Lehre selbst in das Gebäudemanagement eingreifen. Sogar die Energie aus dem Abwasser soll hier künftig genutzt werden, über Wärmetauscher, die in den Straßenkanälen rund um den Campus eingesetzt werden.

Im Klärwerk Emscher wird das entstehende Faulgas zur Gewinnung von Wasserstoff genutzt. Künftig soll ein Teil der Energie ins Fernwärmenetz eingespeist werden. Foto: Volmer

Auf ihrer Homepage listet die 2011 gegründete Managementgesellschaft InnovationCity Ruhr (IC Ruhr) weitere Projekte auf: Bürger können Elektromobile leihen, für die stadtweit Ladesäulen aufgestellt werden. Forscher des Fraunhofer-Instituts für Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik (Umsicht) in Dortmund entwickeln mit örtlichen Speditionen ein Konzept, das die Verteilung städtischer Waren- und Dienstleistungsverkehre optimieren soll. Außerdem wollen sie einen Hub an der Stadtgrenze einrichten, nahe der Autobahn A42, an dem die Güter für die Innenstadtbelieferung auf kleinere Fahrzeuge, zum Teil auch auf Elektromobile umgeladen werden. "Die Deutsche Post beobachtet dieses Projekt sehr interessiert", erklärt Oberbürgermeister Tischler.

Überhaupt sei das Interesse riesengroß an diesem einmaligen Projekt, dem klimagerechten Stadtumbau aus dem Bestand heraus. Seit dem Titelgewinn ist Bernd Tischler ein gefragter Redner vor Stadtparlamenten im In- und Ausland. Fast noch wichtiger ist ihm jedoch der Austausch auf kommunaler Ebene, mit den Ruhrgebiets-Bürgermeistern.

Nachbarstädte wie Gladbeck profitieren von InnovationCity durchaus nicht nur wirtschaftlich, z. B. über eine höhere Auslastung des ortsansässigen Dämmstoffherstellers Rockwool, der als Projektpartner bei der Gebäudesanierung stark eingebunden ist. "Wir schauen uns sehr genau an, was in Bottrop unternommen wird, um die Bürger zu aktivieren", erklärt Umweltdezernent Dieter Briese. So würden in Gladbeck regelmäßig kostenlose Erstberatungen zur energetischen Sanierung angeboten. "Wir haben nicht das Personal, um wie in Bottrop von Tür zu Tür zu gehen", weiß Briese. Aber man überlege, den Fokus auf ein oder zwei Straßenzüge zu legen, um von dort aus dann eine Art Schneeballeffekt zu initiieren.

Auch Bottrop setzt auf die Strategie der kleinen Schritte. Der Anfang ist gemacht. "Die Auftragslage in den Ausbaugewerken ist gut. Bis heute sind rund 270 Mio. € investiert worden oder werden gerade investiert", schätzt IC-Ruhr-Manager Drescher. Das reicht noch nicht. Aber vieles ist ins Rollen gekommen.

Weitere Projekte könnten sich aus den Werkstattgesprächen ergeben, bei denen Bürger Ideen für ihren Stadtteil entwickelt haben. Darunter gab es pragmatische Vorschläge, wie bestimmte Ampeln abzuschalten, den Wunsch nach Förderung energetischer Sanierung in Eigenleistung bzw. Nachbarschaftshilfe oder die Einrichtung von eigenen Busspuren auf den Hauptverkehrswegen. Manch andere Idee, wie der Bau einer Hochbahn zwischen Bahnhof und künftigem Hochschulcampus, dürfte mangels Finanzierbarkeit verworfen werden.

"InnovationCity lebt von allen Ideen", ermuntert OB Tischler die Bürger weiter mitzumachen. In den Köpfen der Bottroper scheint die Energiewende schon ein gutes Stück vorangekommen zu sein. Und schließlich bleiben ja noch rund 2300 Tage bis zum Etappenziel 2020. MARTIN VOLMER

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