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Donnerstag, 14. September 2017, Ausgabe Nr. 37

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Gesundheit

Megacitys als Schmelztiegel chronischer Seuchen

Von Susanne Donner | 28. Oktober 2011 | Ausgabe 43

Schon einmal sahen die Vereinten Nationen die Gesundheit derart in Gefahr, dass sie einen Sondergipfel einberiefen. Das war 2001 wegen AIDS. Kürzlich riefen die UN nun erneut 140 Staatsvertreter zum Gipfel nach New York. Der Grund: Eine Pandemie chronischer Krankheiten rollt über die Entwicklungs- und Schwellenländer.

Diabetes, Herz-Kreislauf-Leiden, Krebs und Atemwegserkrankungen – vermeintliche Seuchen der Reichen – grassieren unter den Armen. 36 Mio. Menschen sterben daran jedes Jahr in Entwicklungs- und Schwellenländern, vier Mal mehr als in den Industrienationen. Bis 2030 soll sich die Zahl der Diabetiker im Mittleren Osten, in Indien und Afrika mehr als verdoppeln. Die Pandemie sei bedrohlicher als die Finanzkrise, urteilt das sonst so nüchterne Weltwirtschaftsforum und beziffert die Kosten 2009 auf bis zu 1000 Mrd. $. Eine Zahl mit zwölf Nullen.

Es steht viel auf dem Spiel: Der Kampf gegen AIDS, Malaria und Tuberkulose ist noch nicht gewonnen, und schon wächst eine gigantische neue Gesundheitskrise heran. Die WHO warnt vor einen neuen Welle der Armut. Schon jetzt treibe die Behandlung chronischer Erkrankungen jedes Jahr 100 Mio. Menschen in den Schwellenländern in den Ruin.

UN-Generalsekretär Ban Ki Moon forderte auf dem Gipfel in New York, die Menschenleben müssten gerettet und die Gesundheitssysteme vor einem Zusammenbruch bewahrt werden.

Bisher geschieht praktisch nichts dagegen. Die WHO wendet weniger als 15 % gegen chronische Krankheiten auf. Die Weltbank und der Bill-und-Melinda-Gates-Foundation geben nicht mehr als 2 % ihres Gesundheitsetats dafür aus. Hilfsorganisationen und westliche Länder haben das Problem nicht erkannt, klagt Arun Chockalingham, Direktor des US-National Heart Lungs and Blood Institute in Bethesda.

Mit dem Gipfel in New York soll sich das ändern. WHO-Direktorin Margaret Chan plant bis Ende 2012 ein Aktionsprogramm. Sie will die Todesfälle der nicht übertragbaren Erkrankungen systematisch erfassen, ihre Ursachen dokumentieren und Maßnahmen dagegen ergreifen.

Nur dieses Mal gibt es keinen Virus, vor dem man sich schützen kann, sondern vielschichtige Ursachen, die im Verhalten der Menschen begründet sind. Vor allem die Verwestlichung des Lebensstils trägt laut WHO zur Zunahme der chronischen Erkrankungen bei. "Gesunde Ernährung, viel Bewegung, wenig Alkohol und der Verzicht auf Zigaretten können Millionen Menschen vor vorzeitigem Tod bewahren", so UN-Generalsekretär Moon.

Die ungesunde Lebensweise hat sich in den reichen Nationen über Jahrzehnte allmählich eingebürgert. Aber: "Die Ernährungsumstellung vollzieht sich in den Schwellenländern so rasant wie nie", analysiert der Mediziner Prakash Shetty von der University of Southampton Medical School.

Menschen, die vom Land in die Stadt ziehen, arbeiten nicht mehr körperlich, sondern meist sitzend in einer Fabrik. Statt von Gemüse und Obst ernähren sie sich von süßem, fettigem Fast Food und kalorienreicher importierter Fertignahrung.

"China ist überzogen von Kentucky Fried Chicken und McDonalds", berichtet der Londoner Epidemiologie Philip James und Präsident des internationalen Netzwerks zur Erforschung des Übergewichts. Er wirft der Industrie vor, die Menschen krank zu machen. Fakt ist: Nie war kalorienreiches und übersüßtes Essen in den Städten der Schwellenländer derart breit und preiswert verfügbar. Und die Großstädte sind die Schmelztiegel der chronischen Seuchen.

Ein biologisches Erbe macht jene, die einst Hunger litten, besonders sensibel für die modernen Erkrankungen: Infolge des Nahrungsmangels gebären sie kleinere Babys, die alles Essbare maximal verwerten. Diese zierlichen Kinder werden bei einem Überangebot besonders rasch dick, diabetisch und herzkrank.

Die Bürde der jahrelangen Unterernährung wies der britische Epidemiologe David Barker in den Neunzigerjahren zum ersten Mal nach. Bis heute wurde sie dutzendfach bestätigt. Generalsekretär Moon konnte wohl kaum deutlicher werden, als er auf dem UN-Gipfel sagte: "Hört auf, schon Babys mit industriell hergestellter Nahrung zu füttern."

Vielfach werden aber auch schwere Vorwürfe gegen die globale Nahrungs- und Genussmittelindustrie laut. James dazu: "Die korrumpieren die Regierungen und überziehen die Armen mit übelstem Junk Food."

Von einem Mitarbeiter eines namhaften europäischen Lebensmittelkonzerns erfuhr er, dass Waren für den karibischen und zentralamerikanischen Markt wesentlich mehr Salz und Zucker enthalten. Brancheninsider berichten Ähnliches über Waren für den Mittleren Osten. International tätige, auch deutsche Unternehmen liefern dorthin Softgetränke und Fertigprodukte, die wesentlich süßer sind als für den europäischen Markt. Im Orient leben die dicksten Frauen der Welt. Die Rate an Diabetes steigt rasant.

Die Folgen sind verheerend und – absehbar. So handeln sich die Schwellen- und Entwicklungsländer in atemberaubendem Tempo die Gesundheitsprobleme des Westens ein. Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs und Atemwegserkrankungen breiten sich allen voran in Lateinamerika, Südostasien, im Mittleren Osten und in einigen afrikanischen Ländern rasant aus. In Indien und China leben jeweils mehr Diabetiker als in den USA; in Ägypten sind mehr Menschen übergewichtig.

Während der Blutdruck der Westeuropäer von 1980 bis 2008 gesunken ist, stieg er in Ozeanien, in Ostafrika, in Süd- und Südostasien an. Die globale Diabeteskarte hat sich verschoben. Die Erkrankung lastet mittlerweile besonders schwer auf Lateinamerika, Süd- und Zentralasien, auf dem karibischen Raum und dem Mittleren Osten. Im indischen Bundesstaat Kerala haben 30 % bis 40 % der Frauen Diabetes; in England sind es nur 7 %.

Die Antworten gegen die Pandemie chronischer Erkrankungen kennen die Industrienationen auswendig: Gesünderes Essen, weniger Fett, weniger Salz, weniger Zucker, Zigaretten und Alkohol, mehr Bewegung und Zugang zu preiswerten Medikamenten. Pro Jahr seien dafür 9 Mrd. $ nötig, hat die NCD-Allianz ausgerechnet.

Man darf zweifeln. Denn in Europa war der Widerstand der Industrie stets gigantisch und die Erfolge karg. Unser Blutdruck sinkt. Aber Diabetes, Asthma und Herz-Kreislauf-Erkrankungen weiten sich aus. Man kann trotzdem hoffen: Nach dem Gipfel der Vereinten Nationen von 2001 ist es gelungen, HIV zumindest ein Stück weit zurückzudrängen.

 SUSANNE DONNER

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