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Sonntag, 17. Dezember 2017

Automation

Mehr Arbeitsplätze, aber weniger Beschäftigung

Von Lars Wallerang/Hartmut Steiger | 20. Juli 2012 | Ausgabe 29

Das Beschäftigungsniveau in der deutschen Fahrzeugindustrie lasse sich nicht halten, sagt der Automobilexperte Ferdinand Dudenhöffer. Ein Grund: die steigende Produktivität.

Noch nie waren in Deutschland so viele Menschen erwerbstätig wie im vergangenen Jahr: rund 41 Mio. Doch mehr Beschäftigte bedeuten nicht unbedingt auch mehr Beschäftigung. Das gesamtwirtschaftliche Arbeitsvolumen, gemessen in Stunden, sinkt seit Jahren. So wurden 1991 noch gut 60 Mrd. Stunden gearbeitet, 2011 waren es nur noch knapp 58 Mrd. Im gleichen Zeitraum ist das Bruttoinlandsprodukt, also der Wert aller in Deutschland hergestellten Güter und Dienstleistungen, nach Angaben des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) um rund 27 % gestiegen.

Mehr produzieren mit weniger menschlicher Arbeitskraft – dahinter verbirgt sich eine enorm gestiegene Produktivität durch Automatisierung und Rationalisierung. Das lässt sich am Fahrzeugbau anschaulich zeigen. Nach Angaben des Centers Automotive Research (CAR) der Uni Duisburg-Essen ist zwischen 2000 und 2011 die Fahrzeugproduktion in Deutschland von 5,5 Mio. auf 6,3 Mio. Stück gestiegen. Gleichzeitig ist die Beschäftigtenzahl von 765 000 auf 719 000 gesunken. Die Arbeitsproduktivität pro Beschäftigten hat sich also von 7,2 Fahrzeugen im Jahre 2000 auf 8,8 Fahrzeuge 2011 erhöht.

"Mit diesen Daten können wir die Frage beantworten, wie sich die Automatisierung ausgewirkt hat", sagt CAR-Direktor Ferdinand Dudenhöffer. Er rechnet vor: Wäre die Produktivität in diesem Zeitraum mit 7,2 Fahrzeugen pro Beschäftigten gleich geblieben, wären 875 556 statt 719 000 Beschäftigte nötig gewesen, um die höhere Stückzahl von 6,3 Mio. Fahrzeugen zu bauen. Automatisierung habe also dazu geführt, dass 156 000 Arbeitskräfte nicht gebraucht wurden.

Wäre die Stückzahl von 5,5 Mio. Fahrzeugen seit 2000 gleich geblieben, dann würden bei der heutigen Produktivität lediglich 630 382 Menschen anstatt 719 000 bei den Automobilherstellern arbeiten, rechnet Dudenhöffer weiter. "Automatisierung hat also auch einen positiven Effekt auf Beschäftigung. Damit werden Unternehmen wettbewerbsfähiger und können auch mehr exportieren."

In Zukunft würden sich die Produktionszahlen in Deutschland aber nur noch unwesentlich steigern lassen, prognostiziert der Automobil-Ökonom. "Neue Autowerke entstehen nicht mehr in Deutschland, sondern in Ost-Europa und Asien." Gleichzeitig steige die Produktivität durch Automatisierung weiter. "Unterstellen wir, dass im Jahre 2020 in Deutschland 6,4 Mio. Fahrzeuge produziert werden und die Arbeitsproduktivität aufgrund steigender Automatisierung dann bei zehn Fahrzeugen je Beschäftigten liegt: Dann wären in der Autoindustrie nur noch 640 000 Menschen beschäftigt."

Der Effekt, dass bei hoher Automatisierung dank steigenden Exporten die Beschäftigung nur unwesentlich sinkt, gelte dann nicht mehr, sagt Dudenhöffer. Daher würden in den nächsten zehn Jahren in der Fahrzeugindustrie Arbeitsplätze wegfallen.

"Der technische Fortschritt ist Fluch und Segen zugleich, er vernichtet Arbeitsplätze und schafft neue", sagt Joachim Möller, Direktor des IAB in Nürnberg. Die entscheidende Frage sei, wie die Nettobilanz ausfalle.

Mit Produktinnovationen kommen neue Güter und Dienstleistungen auf den Markt, Prozessinnovationen hingegen sorgen dafür, dass Güter und Dienste effizienter hergestellt werden können. Darauf reagieren die Kunden: "Der günstige Preis mobilisiert zusätzliche Nachfrage, wodurch wiederum mehr Arbeitskraft benötigt wird", sagt Möller.

Ob Technik nun Arbeitsplätze koste oder schaffe, hänge davon ab, ob der Einspareffekt größer ist als der Nachfrageeffekt. "Die Nachfrage wird klein sein, wenn der Markt für das betreffende Gut weitgehend gesättigt ist", sagt Möller. Auch mit Preissenkungen steige sie dann kaum noch. Das gelte besonders für Standardgüter wie Kühlschränke oder Bügeleisen. "Bei schon lange verbreiteten Gütern und hoher Marktsättigung ziehen Prozessinnovationen durch technischen Fortschritt also mit ziemlicher Sicherheit Arbeitsplatzverluste nach sich."

Anders bei neuen Produkten, die bei Markteinführung noch so teuer sind, dass nur wenige sie sich leisten können – wie einst bei Laptops, die dank technischer Fortschritte bei der Herstellung Massenprodukte wurden. "Bei neuen Gütern überwiegt der Nachfrageeffekt, bei alten der Einspareffekt."

Ökonomen wie Möller oder Alfred Kleinknecht von der TU Delft plädieren deshalb dafür, auf Innovationen zu setzen. Für Kleinknecht gehört auch Industriepolitik zur Innovationsstrategie. Er sieht aber die Gefahr, dass mit öffentlichen Geldern auf das falsche Pferd gesetzt werden könnte und dass Lobby-Gruppen "den Staat in den Griff nehmen". Die Folge: Außenseiter mit guten Ideen bleiben auf der Strecke.

Illusorisch ist es nach Ansicht von Kleinknecht jedoch, Wachstum erzeugen zu wollen, um Arbeitslosigkeit abzubauen. Wachstum lasse sich von der Politik nur in Grenzen beeinflussen. "Wenn man Angst vor Arbeitslosigkeit hat, muss man die Arbeitszeit verkürzen." Dazu könnte der jährliche Anstieg der Produktivität eingesetzt werden.   LARS WALLERANG/HAS

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