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Donnerstag, 16. November 2017, Ausgabe Nr. 46

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IAA 2011

„Möglich ist Elektromobilität schon jetzt“

Von Regine Bönsch | 23. September 2011 | Ausgabe 38

Auf der Internatio- nalen Automobilausstellung in Frankfurt haben sich in Halle 4 alle versammelt, die in Sachen Elektromobilität etwas zu zeigen haben. Kurt Sigl, Präsident des Bundesverbands eMobilität, ist mit uns in die kreative, vielfältige Elektro-Welt eingetaucht.

Der Kontrast könnte größer kaum sein. Während Audi in seinem zeltartigen Bau PS-starke Nobelfahrzeuge mit viel Sound durch das rote Dämmerlicht fahren lässt, zeugt schon die graue Frontfassade der "Halle der Elektromobilität", der Halle 4, von seltener Sachlichkeit auf der IAA. Noch schnell den kleinen Messeweg überqueren, darauf achten, dass man dabei keines der leisen, elektrisch angetriebenen Opel Ampera-VIP-
Shuttle übersieht und dann eintauchen in die Welt der E-Cars.

Auf blauem Teppich empfängt uns Kurt Sigl, Präsident des Bundesverbands eMobilität. Mit seinen 150 Mitgliedern sieht sich der Verband als Treiber in Sachen Elektromobilität. Sigl fühlt sich sichtlich wohl in Halle 4 und betont: "Was Sie hier sehen, ist keine Zukunftsmusik mehr. Möglich ist Elektromobilität schon jetzt."

Die Halle der Elektromobilität

Am NRW-Stand hat die Firma E-Wolf ihren weißen Sportwagen an der Decke angebracht. Der kleine Smart, der demnächst zum Carsharing-Flottenfahrzeug wird, hängt an der Elektrozapfsäule. Gegenüber leuchtet der solare Carport von Mitsubishi. An anderer Stelle ist die nach Angaben von Conti leichteste Lithium-Ionen-Batterie – frei von Seltenen Erden – aufgebaut.

"Dieser branchenübergreifende Auftritt soll die sich verändernde Wertschöpfungskette aufzeigen", so formulierte es VDA-Präsident Matthias Wissmann zu Beginn der IAA 2011. Es bedürfe gemeinsamer Kraftanstrengungen, die weit über die Grenzen von einzelnen Industriezweigen hinausführen, wolle man das Ziel der Bundesregierung erreichen: 1 Mio. Elektroautos bis 2020.

Der braungebrannte Lobbyist Sigl sieht das etwas leichter und analysiert: 47 Mio. Pkw laufen auf deutschen Straßen. 12 Mio. sind Zweit- und Drittfahrzeuge. 80 % aller Fahrten gehen über relativ kurze Distanzen zwischen 20 km bis 50 km. Solche Reichweiten seien elektrisch kein Problem. "Das ist ein riesiges Potenzial für E-Mobilität."

Mitten in Halle 4 hat die German E-Cars GmbH ihre Fahrzeuge auf dunklem Parkett aufgebaut. "Unser Stromos ist seit einem Jahr unterwegs", erzählt Christian Stüker vom Vertrieb. "Das Fahrzeug ist 200-mal verkauft worden." Und Stüker zeigt auf den umgebauten Opel Agila. Die E-Cars laufen erfolgreich in den Flotten von SAP und Siemens.

German E-Cars, eine Schwester des Antriebs- und Modulexperten Fräger, gilt als Pionier. Als Ende 2008 die Autokrise kam, hat sich der Kasseler Mittelständler ein Fahrzeug vorgenommen und es elektrifiziert. Heraus kam u. a. die Kleinserie für einen Viersitzer mit 120 km Reichweite und einer Höchstgeschwindigkeit von 120 km/h.

Besucher erahnen den Technologievorsprung des Mittelständlers. "Mittlerweile kommen die großen Hersteller vorbei und zapfen das Know-how ab", wird hinter vorgehaltener Hand verraten.

Die meisten Elektroautos haben ein Automatikgetriebe, den Stromos gibt es mit Schaltung. "Energiebewusster fahren – das gilt auch für Elektrofahrzeuge", sagt Stüker und wird, wie es sich für Vertriebler gehört, redselig. Er habe sich sein Studium mit Fahrschulunterricht finanziert. Daher das auf der IAA vorgestellte Modell eines Fahrschulwagens. Der TÜV Nord hat das Auto als Prüfungswagen abgenommen. "Damit, aber auch mit Elektroautos für Menschen mit Handicaps ärgern wir ein bisschen die Großen."

Motorhaube auf. Der German-E-Car-Mann Stüker liebt Details: "Hier ist das Schaltgetriebe, da der Elektromotor, da der Spannungswandler und hier der Wechselrichter von Dreh- auf Wechselstrom." Auch eine 12-V-Batterie ist im Stromos zu finden. Beleuchtung und das Management von Sicherheitsfeatures wie Airbagsteuerung, ABS und ESP laufen weiter über diese Technik. "Wir wollen ja nicht alles neu erfinden", erklärt Stüker. "Wir wollen nur sauber fahren."

Und die Fräger-Gruppe hat noch mehr in petto. Die Nordhessen sind zurzeit dabei, stationäre Speicher für Einfamilienhäuser zu bauen. Falls die Speicherkapazität der Autobatterien abnimmt, lassen sie sich noch gut im heimischen Bereich nutzen, um Strom aus Solar- oder Windkraftanlagen zu speichern. "Wir sind Ingenieure und wollen zeigen, wie es künftig gehen kann", betont Stüker.

Sein Szenario für die kommende urbane Mobilität: "Da interessiert mich kein Autoschlüssel mehr. Ich brauche eine Art Scheckkarte und fahre vom Flughafen zur Bahn. Auch zu Hause habe ich kein eigenes Auto mehr. Für den Urlaub miete ich mit der Familie einen Verbrenner, der die Winterreifen bereits montiert hat."

Ob diese Vision auch bei den Deutschen und ihrem liebsten Kind greift? Die beiden E-Mobilitätsfans Stüker und Sigl grinsen um die Wette. Schließlich haben beide Kinder, die mehr an Tablet-PCs als an Autos interessiert sind. Sigl weiß aus Umfragen: "Das Auto als Statussymbol verliert an Bedeutung."

Die "Kreativität und Vielfalt", das schätzt Sigl besonders an der E-Mobilität und führt uns zu Mia Electric, wo drei Fahrzeuge zum Probesitzen einladen – schwarz, weiß-schwarz, blau-schwarz. Flache Front, Schiebetüren, Drei-Sitzer. Hier hat Murat Günak, der ehemalige Chefdesigner von Peugeot und Volkswagen, gewirkt.

Die Mia ist auf dem weißen Blatt entstanden mit dem Anspruch, die mobilen Bedürfnisse von Städtern zu befriedigen. Reinsetzen und Beine ausstrecken, vor allem von den zwei Rücksitzen aus, dieses Angebot lassen sich auch viele Messebesucher nicht entgehen. Mit einer Länge von 2,87 m ist die Mia in der Kurzversion nur 18 cm länger als ein Smart, trotzdem passen bequem drei Personen rein. iPad-Integration inklusive.

Die deutsche Mia Electric hat die Elektrosparte des renommierten französischen Fahrzeugherstellers Heuliez übernommen. Produziert wird das Gefährt seit Juni im französischen Cerizay. Über 1000 Mias, speziell für Flottenkunden, sollen dort bereits in diesem Jahr vom Band laufen.

"Wir werden in den nächsten Jahren immer wieder neue Ansätze von Designern in dem Bereich E-Mobilität sehen", erklärt Lobbyist Sigl. "Neue Materialien, Kunststoffe, Carbonfasern, Aluminium werden eine wichtigere Rolle spielen."

Immer wieder versucht Sigl mit Vorurteilen aufzuräumen wie beispielsweise beim Thema Gewicht. Zwar komme durch die Batterien neues Gewicht in die Fahrzeuge. Aber: "Setzen Sie doch mal dagegen, was sie alles aus dem Auto herausnehmen", sagt der Verbandspräsident, der selbst aus der Fahrphysik kommt. Das Getriebe, die Abgasanlage, den Rußpartikelfilter. Der Motor werde um ein Zig-faches kleiner und leichter. "Sie haben den Antrieb direkt da, wo er hin muss, am Rad, wenn Sie wollen, direkt an der Nabe."

Elektroautos sind teuer? Das möchte man bei Mia Electric widerlegen. Ab 2012 soll es das Fahrzeug für 19 500 € geben. Noch günstiger will die Aachener StreetScooter werden. 5000 € – ohne Batterie – soll das Konzeptauto kosten, das die RWTH gemeinsam mit vielen mittelständischen und großen Industriepartnern entwickelt hat. Und die Aachener sind stolz auf ihre "Weltpremiere". Schon jetzt haben sie einen Kooperationsvertrag mit der Deutschen Post in der Tasche, die das Auto für die Brief- und Paketzustellung nutzen will.

Dräxlmaier, Wittenstein, Kirchhoff, Gedia, Rehau stehen auf den Namensschildern diverser Herren am Stand von StreetScooter – alles Partnerfirmen, die u. a. unter Beweis stellen wollen, dass mit modernster Produktionstechnologie, neuen Werkstoffen und mehr günstige E-Cars möglich sind. "Und, was meinen Sie?", fragt Tobias Reil von StreetScooter provokativ. Schließlich will er wissen, wie der weiße Dreisitzer mit den strahlenden blauen Sitzen ankommt. Die Produktion soll erst Ende nächsten Jahres starten.

Neben der RWTH Aachen hat auch die TU München gemeinsam mit Industriepartnern und vor allem fakultätsübergreifend ein Modell mit auf die IAA gebracht. Extremer Leichtbau, hohe Sicherheit, kleine Batterie und dennoch 120 km Laufleistung, dafür steht der
Mute. "Elektromobilität muss auch mit einem gewissen Lifestyle verbunden sein", davon ist Diplom-Informatiker Sergej Truschin überzeugt. Das gilt auch für das Innenleben. "Wenn Sie das Lenkrad zu sich ziehen, kommt auch das Touchpad näher." Mit den Fingern wischt er über das Display des eigens entwickelten Geräts. "Das können Sie auch blind."

Sachlicher geht es auf dem Siemens-Stand zu, wo der Münchener Konzern auf seinem "Boulevard der Zukunft" die komplette Palette, die zur E-Mobilität gehört, aufgebaut hat. Von der Zapfsäule über Aggregate, Steuergeräte bis hin zum Energiemanagement. "Siemens ist da auch im weltweiten Vergleich gut unterwegs", weiß Sigl. "Steuer- und Leistungselektronik – wer sollte das besser können?" Rechne man noch Bosch und Continental dazu, dann sehe man, wie gut Deutschland "rein vom Denken her" in Sachen E-Mobilität aufgestellt sei.

"Wir Deutschen haben den Grips, die Technik und das Know-how, aber wir laufen Gefahr, das zu verspielen. Wir müssen unsere Kompetenzen möglichst schnell in die Fertigung bringen." Deutschland sei schließlich Produktionsstandort.

Die Zahlen sind ernüchternd: Von den 47 Mio. Autos, die hierzulande unterwegs sind, haben nur 2500 einen Elektroantrieb. "Das wird sich in den nächsten zwei, drei Jahren massiv ändern", glaubt Protagonist Sigl. Der Druck komme aus den USA und China, aber auch aus Frankreich, wo jetzt die ersten serienreifen Modelle in die Autohäuser kommen. Allein Renault will 2012 vier Elektromodelle auf den Markt bringen.

Der Staat fördert dort Elektromobilität mit 5000 € pro Fahrzeug. Durch Batterie-Leasing-Modelle wird im Nachbarland der Akku vom Auto getrennt.

Sind die Franzosen damit ein Vorbild? Vielleicht, aber Sigl schüttelt leicht den Kopf. Der Strom dürfe nicht aus Kernkraftwerken kommen. "Es ist zwingend erforderlich, dass wir regenerativen Strom nutzen." Und wieder rechnet er vor: "Wenn 2020 rund 1 Mio. Elektrofahrzeuge auf deutschen Straßen fahren, bedeutet das einen Mehrverbrauch von 0,3 % bezogen auf den gesamten Stromverbrauch hierzulande."

Gelenkig besteigt Sigl einen kleinen braun-schwarzen Twizy von Renault, eine Mischung aus überdachtem BMW-Motorrad und Quad. Den will seine Frau ab nächstem Jahr fahren. "Der ist schon bestellt." Und die Photovoltaikanlage fürs Laden sei auch schon montiert.

  REGINE BÖNSCH

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