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Donnerstag, 20. April 2017, Ausgabe Nr. 16

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Ökonomie

Monokultur des Denkens hemmt den Fortschritt

Von Silja Graupe | 13. Januar 2012 | Ausgabe 2

"Geistige Flexibilität bildete die Quelle des Fortschritts. Doch der ökonomische Mainstream macht mit dieser Art von Multiperspektivität Schluss", meint die Wirtschaftswissenschaftlerin Silja Graupe in ihrem Meinungsbeitrag. Auch die Kreativität von Ingenieuren leide unter dem Kalkül einseitiger Volkswirtschaftslehre.

Die Krise der Realwirtschaft ist längst da, aber die Wirtschaftswissenschaft lehrt ihre alten Weisheiten weiter, als sei nichts geschehen. Dagegen regt sich bei Studenten Protest. An der Harvard University boykottieren Erstsemester die Einführung in die Volkswirtschaftslehre (VWL). Sie vermittle lediglich eine sehr beschränkte Sicht auf die Wirtschaft sie verstetige das System ökonomischer Ungleichheit und ignoriere zugleich jeglichen alternativen Denkansatz.

Doch nicht nur in den Vereinigten Staaten rebelliert die junge Generation von Ökonomen. Der Widerstand erobert auch hierzulande die Hörsäle. Dabei lauten die Vorwürfe gegen die VWL ähnlich: Realitätsferne, geistige Verarmung, das Ausblenden alternativer Denkansätze.

Diese Parallelität überrascht nicht. Global ist die ökonomische Bildung in den letzten Jahrzehnten radikal standardisiert worden. Treibende Kraft war die rasante Verbreitung weniger amerikanischer Lehrbücher. Übersetzt in bis zu 40 Sprachen und millionenfach verkauft, wird nach ihnen weltweit gelehrt.

Die VWL ist integraler Bestandteil aller wirtschaftswissenschaftlichen Studiengänge. Gleich ob für Betriebswirte, Wirtschaftsinformatiker oder -ingenieure: Im straff organisierten Studium behandelt oft nur sie gesamtwirtschaftliche Themen und weitet den Blick über das rein Unternehmerische oder Technische.

Dies macht VWL so einflussreich: Sie formt Welt- und Menschenbilder. Das wissen auch die Stars der ökonomischen Lehrbuchszene: "I don''t care who writes a nation''s laws – or crafts its advanced treaties – if I can write its economics textbooks”, so Paul A. Samuelson, Verfasser des populärsten ökonomischen Lehrbuchs.

Und N. Gregory Mankiw, Autor eines anderen Lehrbuchs mit weltweiter Millionenauflage, erklärt, er sei Missionar. Tatsächlich gehe es den führenden Lehrbuchautoren darum, die Köpfe der nächsten Generation von politischen Führern und Managern, ja der gesamten Elite zu formen, warnte die New York Times bereits 1995. Das sollte niemandem gleichgültig sein. Nicht in Zeiten einer Krise, die auch eine Krise des ökonomischen Denkens ist.

Handelsblatt und Wirtschaftswoche sprechen gar von ökonomischer "Gehirnwäsche". Warum? Einst definierte sich die VWL über ihren Untersuchungsgegenstand: die Wirtschaft. Diese galt es, auf vielfältige Weise zu analysieren. Jedem Ökonom stand frei, sie mit einer Mannigfaltigkeit an Methoden zu erforschen. Neue Perspektiven revolutionierten beständig das ökonomische Denken. Oft führten sie zu Innovationen in Unternehmen und Politik. Geistige Flexibilität bildete die Quelle des Fortschritts.

Doch der ökonomische Mainstream macht mit dieser Multiperspektivität Schluss. Er untersucht nicht mehr die Realität der Wirtschaft, sondern definiert sich über eine einzige Forschungsweise. Er entsagt der Methodenvielfalt zugunsten einer einzigen abstrakt-mathematischen Denktechnik: der Neoklassik.

"Schonungslos und unnachgiebig" wendet er deren Grundannahmen – maximierendes Verhalten, Marktgleichgewichte und stabile Präferenzen – auf jedes beliebige soziale Problem an. Ob Wissenschaft, Technologie, Bildung, Gesundheit oder andere Bereiche sozialen Lebens: Sie alle werden der ökonomischen Analyse unterworfen. Nicht wenige Volkswirte beanspruchen gar, sämtliches menschliche Verhalten zu erklären. Die Monotonie des Modells soll nun Fortschritt bedeuten, bewirkt aber exakt das Gegenteil, geistige Sturheit.

Nirgends ist diese Sturheit einflussreicher als in der ökonomischen Bildung. Dort hat sie eine wahre Monokultur des Denkens geschaffen. Die moderne Lehrbuchökonomie führt allein in die Neoklassik ein, ohne mögliche Alternativen auch nur zu nennen. Lehrbuchautoren setzen vieles daran, ihre Konstrukte selbst als Realität auszugeben. Nicht nur Samuelson gibt vor, "die einzige Realität einer gegebenen wirtschaftlichen Lage" darzustellen, Dinge zu zeigen, "wie sie wirklich sind".

Zugleich wird konsequent darauf verzichtet, das ökonomische Denken selbst zu lehren: keine Theoriegeschichte, kaum Methodenlehre, keine Einführung in alternative Sichtweisen. Die VWL ähnelt einem Plagiat. Sie lehrt allein, das ingenieurwissenschaftliche Formelinstrumentarium des 19. Jahrhunderts auf die soziale Welt zu übertragen. Nichts anderes beinhaltet die Neoklassik. Doch sie verschweigt und verschleiert diese Übernahme fachfremder Ideen.

Dies verleitet dazu, Menschen unterschwellig wie berechenbare Rädchen im Wirtschaftsgetriebe zu betrachten. Zugleich nährt sie den Glauben, dieses Getriebe nach eigenen Vorstellungen – gleichsam aus der Perspektive eines Sozialingenieurs – kontrollieren zu können.

Es ist eine Ironie der Gegenwart, wenn nicht zuletzt Ingenieure diese Haltung praktisch zu spüren bekommen. Ob in Grundlagenforschung, technischer Entwicklung, Konstruktion oder Produktion: Zunehmend werden auch ihre Arbeitsfelder dem ökonomischen Kalkül unterworfen. Ihre Tätigkeiten werden zum Gegenstand von Berechnungen, die sie selbst stets nur auf die unbelebte Materie anwenden.

Studenten protestieren nicht nur gegen geistige Verarmung. Sie beklagen auch die Realitätsferne der ökonomischen Theorie. Der ökonomische Mainstream selbst findet diese Distanz allerdings keineswegs problematisch. Eine Theorie müsse gar unrealistisch sein, um nützlich zu sein, lautet das Argument des Nobelpreisträgers Milton Friedman.

Allerdings lässt sich fragen: nützlich für wen? Diese Frage hat die heute vorherrschende Neoklassik, das macht die Theoriegeschichte deutlich, meist mit Blick auf sich selbst, nicht etwa auf die Gesellschaft beantwortet. So konstruiert sie den "homo oeconomicus", weil sie eine exakte Wissenschaft nach physikalisch-mathematischem Vorbild darstellen will. Sie reduziert Menschen auf "Nutzenmaschinen" oder "Roboterimitationen", ganz einfach, weil es bequem ist. Denn so lassen sich alle kreativen und unberechenbaren menschlichen Fähigkeiten ausblenden und in der Folge Märkte wie Maschinen mit minimalem Steuerungsbedarf berechnen.

Nicht zuletzt ist die ökonomische Theorie nützlich, um politische Überzeugungen zu prägen. Gerne mimten Ökonomen im Hörsaal den distanzierten Wissenschaftler, so Gregory Mankiw. Doch als führender Wirtschaftsberater von George W. Bush habe er die wahre Mission des Volkswirts erfüllt: "God put macroeconomists on earth not to propose and test elegant theories but to solve practical problems." Paul Samuelson hingegen meinte, seine Mühen als Autor würden belohnt, wenn Studenten sich bei künftigen Wahlen an die Prinzipien seines Lehrbuchs erinnerten. Doch weil Ökonomen den Mantel des Schweigens über ihre Geschichte breiten, lernen Studenten solche Nützlichkeitserwägungen gar nicht erst kennen. "Realitätsferne" heißt nicht nur, den eigenen Forschungsgegenstand – die Wirtschaft – zu verfehlen. Sie heißt auch, keine Rechenschaft über das eigene Verhältnis dazu abzulegen. Sie hat mit Verantwortungslosigkeit zu tun.

Friedman hat die Nützlichkeit von Theorien als deren Fähigkeit definiert, Prognosen korrekt zu erstellen. Auch damit begibt sich die Ökonomie auf gefährliches Terrain, wie die gegenwärtigen Wirtschaftsturbulenzen beweisen. Ihr Unvermögen, Krisen vorherzusagen, lässt sie unvermittelt vor dem Scherbenhaufen eines realitätsfernen und zugleich nutzlosen Theoriegebäudes stehen.

Dennoch ist der Einfluss der Monokultur ökonomischen Denkens nicht zu unterschätzen. Jeder Ingenieur weiß: Gerade falsche Theorien haben oft fatale Konsequenzen, werden sie praktisch angewendet. Jede eingestürzte Brücke, jede ungewollte Explosion zeugten davon. Ähnliches gilt für die VWL. Ihre Theorie von der Effizienz der Märkte erklärt die Realität nicht. Doch als politische Handlungsanweisung missverstanden, schafft sie Realitäten, die viele Menschen gefährden. So hat sie der Liberalisierung realer Wirtschaftsbereiche zur Durchsetzung verholfen und so den gegenwärtigen Flächenbrand auf Finanz- und Währungsmärkten mitentzündet. Diesen Bezug zur Realität zu verschweigen – auch das ist verantwortungslos.

Denken in seiner Vielfalt und Beweglichkeit zu lehren, zur kritischen Reflexion der eigenen Menschen- und Weltbilder sowie zur Verantwortung für das eigene Handeln zu befähigen, das galt einst als Bildungsideal. Zum Glück haben Studenten begonnen, die Ökonomie daran zu erinnern. Ingenieure tun gut daran, ihnen beizustehen.  SILJA GRAUPE

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