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Donnerstag, 22. Juni 2017, Ausgabe Nr. 25

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Umwelt

Quecksilber kurz vor dem Bann

Von Ralph H. Ahrens | 29. Juni 2012 | Ausgabe 26

Vom 27. Juni bis 2. Juli verhandeln Fachleute aus aller Welt in Uruguay über ein globales Übereinkommen zur Senkung der Quecksilberemissionen, über die Minamata-Konvention. Das Besondere: Erstmals versucht man, Emissionen eines natürlich vorkommenden Metalls zu minimieren, erklärt der Leiter der Verhandlungen, Fernando Lugris, Umweltdiplomat der Botschaft von Uruguay in Berlin.

VDI nachrichten: Auf Ihrem Schreibtisch steht eine Zeichnung. Sie zeigt einen Fisch. Er ist nicht schön anzusehen.

Lugris: Stimmt. Es scheint, als ob Quecksilbertropfen am Fisch kleben. Die Zeichnung erinnert uns aber daran, dass Quecksilber keine Grenzen kennt. Das flüchtige Metall verteilt sich mit dem Wind weltweit und reichert sich als Methylquecksilber in der Nahrungskette vor allem in Fischen an.

Ist die Situation bedrohlich?

Die schwedische Regierung empfiehlt Schwangeren, nicht zu viel Ostseefisch zu essen. Und im Pazifik ist die Quecksilberbelastung seit 1995 um 30 % gestiegen. Umweltverbände fürchten, dass sie sich dort von 1995 bis 2050 sogar verdoppeln wird – wenn wir nichts tun.

Also keine Quecksilberemissionen mehr?

Das geht leider nicht. Quecksilber ist ein natürliches Element. Es wird etwa freigesetzt, wenn Kohle oder Holz verbrannt wird. Unser Ziel ist aber eine Zukunft mit weniger Quecksilber.

Sind die Verhandlungen schwierig?

Ja. Gebrauch und Emissionen von Quecksilber weltweit zu regeln, ist eine Herausforderung. Wir müssen neben den Emissionsquellen auch die Realitäten aller Länder betrachten. Thermometer und Energiesparlampen enthalten das Metall. Goldgräber in Entwicklungsländern nutzen es und Chemiefirmen, um Chlor, Natronlauge und Ethoxylate herzustellen. Und es wird weltweit aus Kohlekraftwerken freigesetzt.

Am direktesten sind wohl Goldgräber belastet, die mit Quecksilber das Edelmetall auslaugen.

Vielleicht ist dies das größte Problem. Doch für viele Menschen, die auf diese Art Gold gewinnen, ist es die einzige Einnahmequelle.

Wie wollen Sie das handhaben?

Wir haben keine globale Lösung. Eventuell werden wir das Thema im Übereinkommen nur ansprechen. Das klingt zwar nach Ausflucht, ist aber keine. Wir haben erreicht, dass alle Länder das Thema ernst nehmen. Manche aber beschäftigen sich erstmals damit.

Was sollen diese Länder tun?

Sie werden Quecksilberinventare erstellen und überlegen müssen, wie sie den Goldgräbern helfen – sei es mit besserer technischer Ausstattung oder mit Jobalternativen. Die Goldwäscher haben aber das Problem, dass sie nicht gut organisiert sind – im Gegensatz etwa zu den Firmen, die mithilfe von Quecksilber etwa Chlor herstellen.

Können Sie das bitte erklären?

Die meisten großen Chlorhersteller sind Mitglied im "World Chlorine Council". Dieser Chlorverband vertritt deren Interessen auch während der Verhandlungen. Erfreulich ist, dass Firmen in immer mehr Ländern künftig Chlor freiwillig ohne Quecksilber herstellen wollen. Das gilt etwa für Unternehmen in Brasilien und in meinem Land.

Was soll eigentlich mit dem gebrauchten Quecksilber geschehen?

Wir suchen nach einer Lösung. Sinnvoll ist auf jeden Fall, Quecksilber sicher in Deponien zu verwahren.

Wäre es hilfreich, die letzte große Quecksilbermine zu schließen?

Sehr. Sie liegt in Kirgisistan. Eigentümer ist der Staat. Er muss eine Lösung für die Arbeiter finden, die seit vielen Jahren dort arbeiten. Möglicherweise wird der Globale Umweltfonds (GEF) hier helfen.

Es gibt ja eine Vielzahl an quecksilberhaltigen Produkten und Prozessen ...

Wir wollen sie alle erfassen, genauso wie alle Ersatzprodukte und -prozesse. Das wird aber nicht möglich sein und ist auch nicht notwendig. Das Übereinkommen wird aber so flexibel sein, dass man es später bei Vertragsstaatenkonferenzen ergänzen und verbessern kann.

Ist das möglich?

Ja. Schauen Sie auf das Montrealer Übereinkommen zum Schutz der Ozonschicht. Am Anfang kannten wir auch nicht alle ozonschichtschädigenden Stoffe und haben nachverhandelt.

Welche Rolle spielt die EU?

Eine wichtige. Sie hat das Übereinkommen mit angestoßen und hat mit der Quecksilberstrategie gezeigt, wie man das Problem systematisch angehen kann. Aber wir dürfen nicht nur auf die EU und andere OECD-Länder schauen. Wir brauchen jetzt vor allem in Entwicklungs- und Schwellenländern Pilotprojekte, die zeigen, was dort möglich ist. Es handelt sich ja um ein Übereinkommen für alle Länder.

Die EU wirbt für ihr Konzept der "besten verfügbaren Technik".

Ja, darüber reden wir und es ist ein gutes Konzept. Es wird aber nicht so sein, dass europäische Standards weltweit gelten werden. Wir fragen, was bedeutet "beste verfügbare Technik" in Deutschland, Burkina Faso oder Uruguay. Klar ist, es wird einfacher sein, das Konzept für neue Anlagen einzuführen als für alte. Zudem ist die EU nicht überall führend.

Ein Beispiel?

Die USA wollen seit Ende 2011 Quecksilberemissionen aus Kohlekraftwerken viel stärker begrenzen als die EU. Diese amerikanische Initiative wird die Verhandlungen beeinflussen. Es ist eine Einladung an alle anderen Länder, eigene Maßnahmen zu ergreifen.

Was sagen Sie zu Quecksilberamalgam in Zähnen?

Das ist ein sensibles Thema. In Schweden sind Amalgamfüllungen verboten, in Deutschland erlaubt. Und wir brauchen bezahlbare Ersatzprodukte, müssen auch schauen, was sich arme Menschen weltweit leisten können.

Sie treffen sich jetzt zum vierten Mal, um sich auf das Übereinkommen zu einigen. Wie weit sind Sie?

Wir kommen langsam, aber stetig voran. Ich bin optimistisch, jetzt in Punta del Este weiterzukommen. Im Januar 2013 soll das Übereinkommen unterschriftsreif sein. RALPH H. AHRENS

www.unep.org/hazardoussubstances/Mercury/Negotiations/INC4/tabid/3470/Default.aspx

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