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Donnerstag, 14. Dezember 2017

Torlinientechnik

Tor oder kein Tor? Die Technik soll es klären

Von Christoph Gabler | 20. Juli 2012 | Ausgabe 29

Die Antwort auf die alles entscheidende Frage, ob der Fußball im Tor war, soll den Schiedsrichtern bald ganz einfach fallen. Der Weltfußballverband Fifa hat beschlossen, Torlinientechnologie zuzulassen. Zwei Verfahren können ab 2013/14 genutzt werden.

Als der Schweizer Schiedsrichter Gottfried Dienst zur Seitenlinie spurtete und seinem russischen Assistenten Tofik Bachramow die alles entscheidende Frage stellte, wusste er nicht, dass dessen Antwort die Gemüter der Fußballfans über Jahrzehnte erhitzen würde: "War der Ball hinter der Linie?"

Der Linienrichter sprach, nickte und zeigte wild entschlossen zum Anstoßpunkt im Mittelkreis.

Das Wembley-Tor zum 3:2 für England im WM-Finale 1966 gegen Deutschland ging in die Geschichte ein und blieb bei Weitem nicht die einzige folgenschwere Fehlentscheidung in großen Fußballturnieren. Bei der WM 2010 in Südafrika wurde ein Treffer Englands gegen Deutschland nicht anerkannt und erst vor wenigen Wochen sorgte ein fälschlicherweise nicht gegebener Treffer in der EM-Vorrundenpartie Ukraine gegen England für Aufsehen.

Geht es nach den Verantwortlichen des Weltfußballverbandes Fifa, dann wird es solche Fehlentscheidungen bald nicht mehr geben: Am 5. Juli einigten sich die Verantwortlichen des von der Fifa dominierten International Football Association Board (Ifab), welches für das Regelwerk des internationalen Fußballs zuständig ist, dass Schiedsrichter in Zukunft bei der Entscheidung, ob ein Ball hinter der Linie war, auf technische Hilfsmittel zurückgreifen dürfen.

"Es ist ein historischer Tag für den Fußball und alle Fans", bejubelte Fifa-Präsident Joseph Blatter die Entscheidung. "Für uns als Weltverband war klar, dass sich so etwas wie bei der WM 2010 und zuletzt bei der EM nicht wiederholen darf.”

Basierend auf Ergebnissen von neun Monate andauernden Tests, entschied das Ifab auf einer Sondersitzung in Zürich, dass zwei verschiedene technische Systeme infrage kommen.

"Beide Systeme können ab sofort in Stadien weltweit installiert und von der Spielzeit 2013/2014 an genutzt werden", erklärt Fifa-Mitarbeiter Alex Stone. "Vor der ersten Nutzung müssen sie dann vor Ort lediglich noch einen letzten Praxistest durch Mitarbeiter des Schweizer Testinstituts Empa bestehen, das schon vor der Zulassung alle Systeme geprüft hat, die sich um eine Anerkennung beworben hatten."

Eines der beiden nun zugelassenen Systeme kommt aus Deutschland. Und zwar vom Fraunhofer-Institut für Integrierte Schaltungen (IIS) in Erlangen: "Unsere Technik funktioniert ähnlich wie der Diebstahlschutz im Kaufhaus", erläutert René Dünkler, Sprecher des GoalRef-Projekts, das System. "Zehn Antennen, hinter Pfosten und Querlatte des Tores liegend, erzeugen und überwachen ein schwach magnetisches Feld. Sobald sich der Ball der Torlinie nähert, wird das Feld von dünnen Spulen beeinflusst, die sich im Ball befinden."

In den bisherigen Tests nutzten die Erlanger die Bälle eines langjährigen Entwicklungspartners aus Dänemark. "Es können aber auch offizielle Spielbälle anderer Hersteller mit GoalRef-Technik ausgerüstet werden", erklärt Dünkler.

Sobald der Ball die Torlinie überquert, wird dies durch kleinste Veränderungen des magnetischen Feldes im Tor detektiert. Durch Interpretation der Änderungen des Magnetfeldes in einer Auswerte-Einheit kann der Ball exakt geortet werden. Erkennt das System einen Ball, der in vollem Umfang die Torlinie überquert hat, wird die Information über verschlüsselte Funksignale in Echtzeit an eine Spezialarmbanduhr übermittelt, die der Schiedsrichter trägt.

"Eine der Vorgaben war, dass die Systeme in der Lage sein müssen, die Information innerhalb einer Sekunde an den Schiedsrichter zu übermitteln", erläutert Alex Stone von der Fifa. "So ist sichergestellt, dass der Spielfluss nicht unterbrochen wird."

Das zweite System, das die internationalen Regelhüter für ein Lizenzierungsverfahren zuließen, kommt von Sony, nennt sich "Hawk-Eye" und setzt auf Hochgeschwindigkeitskameras.

"Je nach Stadion arbeitet das System mit sechs bis acht Kameras, die aus verschiedenen Winkeln das Spielfeld erfassen und die exakte Position des Balles berechnen können", berichtet Hawk-Eye-Manager Steve Carter. "Das System generiert aus diesen Daten ein 3D-Bild."

Wie bei GoalRef bekommt der Schiedsrichter die Information innerhalb einer Sekunde zur Verfügung gestellt. Dass Hawk-Eye das kann, haben die Macher bereits bewiesen. Ihre Systeme werden unter anderem beim Tennis in Wimbledon oder bei Cricket-Weltmeisterschaften eingesetzt.

"Ein Vorteil unseres Systems ist sicherlich, dass weder die verwendeten Bälle noch die Tore mit zusätzlicher Technik versehen werden müssen", berichtet Carter stolz. "Außerdem ist das System in der Lage, ein Videobild zu erzeugen, das dem Zuschauer die Situation in einer Wiederholung zeigt."

Dieser Vorteil wird aber keine Rolle spielen, da die Ifab-Kriterien festlegen, dass das Tor-Signal ausschließlich an den Schiedsrichter übermittelt wird.

Für Gottfried Dienst und seinen Linienrichter Tofik Bachramow kommt all das zu spät. Mit diesen neuen Technologien wäre ihre Entscheidung im WM-Finale 1966 wahrscheinlich anders ausgefallen. Dann hätte es aber auch die endlosen Diskussionen über diese "Mutter aller Fehlentscheidungen" nicht gegeben. Und ein bisschen schade wäre das schon.  CHRISTOPH GABLER

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