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Donnerstag, 16. November 2017, Ausgabe Nr. 46

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Umwelt

Viele gefährliche Substanzen bereits erfolgreich ersetzt

Von Ralph H. Ahrens | 1. Juni 2012 | Ausgabe 22

Fünf Jahre nach Inkrafttreten der EU-Chemikalienverordnung diskutierten Behörden, Politik, Industrie, Verbände und die Wissenschaft vergangene Woche in Helsinki über Schlüsselfragen von internationaler Chemikalienpolitik und Chemikalien-sicherheit. Ein Fazit: Die Notwendigkeit zum Ersatz giftiger Chemikalien treibt auch Innovationen voran.

"Innovation ist der Schlüssel für die Wettbewerbsfähigkeit Europas", sagte Gwenole Cozigou, Direktor der Generaldirektion Unternehmen der EU-Kommission, vergangene Woche auf der diesjährigen Chemikalienkonferenz des "Helsinki Chemicals Forum". Die erst fünf Jahre alte Chemikalienverordnung Reach trage ihren Teil zur Innovation bei, meint Cozigou, auch wenn sich das direkt kaum messen lasse.

Der EU-Experte gibt zwei Beispiele: "Seit Inkrafttreten von Reach im Juli 2007 werden neue Chemikalien nicht mehr diskriminiert." Zuvor mussten neue Substanzen auf ihre Eigenschaften getestet werden, während Unternehmen die meisten Altstoffe ungeprüft weiternutzen konnten. Heute werden neue Stoffe genauso wie alle im Markt befindlichen Stoffe geprüft.

"Zudem kann der Austausch von Daten entlang der Lieferkette zu einem besseren Verständnis zwischen Herstellern und Anwendern von Stoffen führen", ergänzt Cozigou – und damit gezielt Innovation anregen.

So einfach sei die Welt jedoch nicht, entgegnete Gernot Klotz. "Eine neue Chemikalie im Labor ist noch keine Produktinnovation", meint der Innovationsfachmann des Europäischen Chemieverbands CEFIC. Er weiß aber auch, dass die Zusammenarbeit zwischen den Reach-Experten aus den Unternehmen und den Fachleuten aus den Forschungs- und Entwicklungsabteilungen oft noch verbessert werden kann.

"Auch die Kandidatenliste treibt Innovationen an", erklärte Anne-Sofie Andersson vom Internationalen Chemikaliensekretariat (ChemSec), einem in Göteborg ansässigen Umweltverband. Auf dieser Liste stehen jene sehr gefährlichen Stoffe, die von der EU eventuell für ein Zulassungsverfahren vorschlagen werden.

"Die Liste hat ein Bewusstsein dafür geschaffen, welche Schadstoffe die Firmen vorrangig ersetzen sollten", weiß Andersson. Mehr und mehr Produkthersteller würden jetzt über ein eigenes Chemikalienmanagement nachdenken. Und vor allem Firmen, die Verbraucherprodukte herstellen, versuchten bereits, Stoffe auf dieser Liste zu ersetzen – und zwar unabhängig von der aktuellen Gesetzeslage. Auf der Kandidatenliste stehen etwa vier Phthalate, die als Weichmacher dem Kunststoff Polyvinylchlorid (PVC) zugesetzt werden.

Die Industrie habe generell nichts gegen Substitution, sagte Hans Bender von Procter & Gamble. Sie verfolge aber einen anderen Ansatz. Ihr gehe es nicht allein um die Gefährlichkeit einer Substanz, sondern um das Risiko, das von ihr im konkreten Fall ausgeht. Ziele seien Sicherheit entlang der Lieferkette und während des Lebenszyklus. "Auch gefährliche Substanzen können sicher eingesetzt werden", betonte Bender – und ergänzte, es sei im Produktionsprozess meist schwierig, eine Substanz durch eine andere 1:1 zu ersetzen.

Das weiß auch Andersson. Sie möchte dennoch Unternehmen ermutigen, sich ernsthaft mit dem Austausch gefährlicher Stoffe durch harmlosere oder durch andere technische Lösungen zu befassen. ChemSec stellte daher in Helsinki ein Webportal vor. Es heißt Subsport (www.subsport.eu) und informiert über mehr als 100 Fallbeispiele, in denen Firmen gefährliche Chemikalien erfolgreich durch sicherere Stoffe oder durch andere Technologien ersetzen konnten. "Das Webportal bietet den Firmen auch die Möglichkeit, neue Lösungen bekannt zu machen."

Ein Beispiel stellte Annette Wilschut, Toxikologin des Chemieunternehmens DSM in den Niederlanden, vor. Es geht um den thermoplastischen Kunststoff Arnitel. Er kann PVC in Kabelummantelungen ersetzen und umhüllt bereits Kupfer in Kabeln von IT-Geräten. "Arnitel erhält weder Weichmacher noch halogenierte Flammschutzmittel", so Wilschut. Eine Variante des Kunststoffs ersetzt zudem polyfluorierte Chemikalien in atmungsaktiven Membranen in Textilien. Auch diese Variante ist weichmacherfrei, erhält keine Halogene und ist zu 100 % recycelbar.

Ein anderes Beispiel stammt von dem Hamburger Unternehmen Kilian Industrieschilder. Es stellt Metallschilder her, die auf Maschinen, Fahrzeugen und Geräten aufgebracht werden und etwa über Typ, Baujahr und Hersteller informieren. Während der Bearbeitung schützt die Firma jene Stellen der Bleche, die nicht geätzt und lackiert werden, mit Bitumen. Beim anschließenden Entfernen der Bitumenschicht dürfen die lackierten Bereiche nicht angegriffen werden.

Der Schilderhersteller nutzte dazu lange Zeit Tetrachlorethen als fettlösende – und leider auch krebserregende – Substanz. Die Produktionsstätte liegt jedoch in einem Wasserschutzgebiet und es wurde für die Firma immer kostspieliger und aufwendiger, Emissionen zu verhindern.

Das Unternehmen suchte nach Ersatz und wurde fündig: Es setzte erst Kohlenwasserstoffe als Lösungsmittel ein, bevor es schließlich auf den Einsatz von Pflanzenölestern aus Kokosnussöl umstellte. Diese erwiesen sich nicht nur als sicherer für Umwelt und Gesundheit, sie lösten die Bitumenschicht auch deutlich schneller von den Blechen.

Diese Beispiele zeigten, so Andersson, dass vieles schon möglich ist: "Und das ist erst der Anfang." Firmen tragen zurzeit wegen Reach viele Daten zur Gefährlichkeit und zu Risikominderungsmaßnahmen zusammen. Dieses Wissen verringert künftig die Gefahr, dass ein Gefahrstoff durch eine Substanz ersetzt wird, der sich im Nachhinein als gefährlich herausstellt. RALPH H. AHRENS

www.subsport.eu

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