Passwort vergessen?  | 
 |  Passwort vergessen?  | 
Suche
  • Login
  • Login

Donnerstag, 23. November 2017, Ausgabe Nr. 47

Donnerstag, 23. November 2017, Ausgabe Nr. 47

Internetsucht

Zu viel Internet: Einsamkeit, Angst und Gewalt

Von Ariane Rüdiger | 13. März 2015 | Ausgabe 11

Bert te Wildt beschäftigt sich als Psychotherapeut und Buchautor mit einer Schattenseite der Digitalisierung: Internetsucht. Ein Gespräch über eine Abhängigkeit, die zu Vereinsamung, Berufsunfähigkeit und Selbstmord führen kann.

VDI nachrichten: Herr te Wildt, Sie haben zuerst an der Medizinischen Hochschule Hannover und nun an der Ruhr-Universität Bochum eine Ambulanz für Internetsüchtige aufgebaut. Wie viele Betroffene tauchen bei Ihnen auf?

Bert te Wildt: Drei bis fünf Internetabhängige suchen pro Woche unseren Rat. Manche von ihnen kommen von sich aus, manche werden von ihren Arbeitgebern geschickt.

Internetsucht bei Jugendlichen hat schwere Folgen

Wer sind die Hauptbetroffenen?

Junge Männer, die online-spielsüchtig sind, und ältere Männer, die zwanghaft Pornografie im Internet konsumieren. Auch Social Media hat Suchtpotenzial, wobei vor allem Frauen betroffen sind.

Wie sieht es mit bei Berufstätigen aus, die täglich stundenlang online sind?

Foto: Archiv

„Die Rückfallquote ist wie bei vielen Suchterkrankungen hoch.“ Bert te Wildt, Leiter der Ambulanz der Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie an der Ruhr-Universität Bochum.

Hier untersuchen wir gerade, ob und wie die örtliche und zeitliche Ausdehnung des virtuellen Arbeitsplatzes und die Zunahme psychischer Krankheiten zusammenhängen. Wir wollen herausfinden, ob es eine Arbeitssucht gibt, die durch Medien verstärkt wird. Es ist möglich, dass die ständige Verfügbarkeit des Internets und ein Hang zur Arbeitssucht eine unheilige Allianz eingehen.

Wann spricht man von Internetsucht?

Die Symptome sind ähnlich wie bei jeder Abhängigkeit. Von Sucht spricht man, wenn jemand immer mehr Zeit im Internet verbringt, wenn eine Person nicht mehr imstande ist, ihren Internetgebrauch selbst zu kontrollieren, ursprünglich um Mitternacht aufhören wollte, Stunden später aber immer noch am Gerät sitzt. Und wenn dadurch Lebensbereiche und Personen vernachlässigt werden, oder wenn Ernährung, Bewegung und Gesundheit darunter leiden. Wenn nur ein Suchtverhalten vorliegt, aber noch keine negativen Auswirkungen auf andere Bereiche entstehen, spricht man von Missbrauch.

Wie groß ist Ihrer Schätzung nach die Zahl der Internetsüchtigen in Deutschland?

Eine Studie schätzt die Zahl der Betroffenen im Alter zwischen 14 und 64 Jahren auf rund eine halbe Million. Rechnet man das auf die Gesamtbevölkerung hoch und geht davon aus, dass die Zahl der Süchtigen unter der jüngeren Generation höher und unter der älteren geringer ist, landet man bei mindestens 800 000 Betroffenen.

Wie werden diese Betroffenen behandelt, wie lange dauert eine solche Behandlung?

Zunächst einmal müssen die Betroffenen bereit sein, sich behandeln zu lassen. Ist das der Fall, kann man mit einem standardisierten gruppentherapeutischen Verfahren helfen. Bestehen weitere Grunderkrankungen, wie Depressionen, sind diese mit zusätzlichen therapeutischen Maßnahmen zu behandeln. Zudem müssen Krisen, die durch den Entzug des Suchtmittels entstehen, aufgefangen werden. Wenn Süchtige, die vorher 16 Stunden täglich am Bildschirm waren, plötzlich ohne Internet leben sollen, kann das zu Angst, Gewalt oder Suizidalität führen. Bis jemand gesund ist, kann es zwei Jahre dauern.

Wie hoch sind die Kosten einer solchen Behandlung?

Die Behandlungskosten sind im Einzelfall noch nicht erfasst. Schlimm sind die volkswirtschaftlichen Schäden, wenn junge Menschen wegen ihrer Internet-sucht weder eine Ausbildung noch einen Beruf aufnehmen und Menschen möglicherweise schon in jungen Jahren berufsunfähig sind.

Muss man nach einer Internetsucht das Internet meiden wie Alkoholiker den Alkohol?

Nicht unbedingt. Für immer sollte man sich aber von den Applikationen und Diensten fernhalten, die die Abhängigkeit erzeugt haben. Manche Patienten schaffen es, bestimmte Dienste kontrolliert zu nutzen, den Online-Konsum von 16 Stunden täglich auf eine Stunde zu reduzieren. Die Rückfallquote ist mit rund einem Drittel wie bei vielen Suchterkrankungen allerdings hoch.

Wie erkennen Arbeitgeber die Internetsucht der Angestellten?

Wenn Mitarbeiter ihren Aufgaben nicht mehr nachkommen, weil sie permanent zu spät oder unausgeschlafen im Büro erscheinen, oder wenn sie während der Arbeitszeit Online-Games oder Pornoseiten nutzen. Manche bringen eigene Geräte mit, um ihrer Sucht nachzugehen. Als Arbeitgeber sollte man seine Vermutungen unbedingt zur Sprache bringen. Dabei sollte man den Betroffenen keine Vorhaltungen machen, ihnen aber – sollte sich der Verdacht bestätigen – klare Handlungsoptionen aufzeigen.

Welche vorbeugenden Maßnahmen sollten Arbeitgeber treffen?

Es ist sinnvoll, einen Kodex für den Umgang mit digitalen Medien zu entwickeln und den auch zu leben. Der Kodex sollte festhalten, welche Medien beruflich wann und wie zu nutzen sind und welche nicht. Bestimmte Inhalte sollten gefiltert werden. Außerdem sollten Arbeitgeber für eine funktionierende analoge Firmenkultur sorgen, also dafür, dass sich Mitarbeiter im Büro Auge in Auge austauschen, statt eine SMS oder E-Mail zu schicken.

Wie bewerten Sie den Einsatz digitaler Medien in der schulischen Bildung?

Es ist nicht angebracht, Kinder vor Bildschirme zu setzen, bevor sie acht Jahre sind. Jüngere Kinder können Virtuelles und Reales nicht immer auseinanderhalten. Das kann zu traumatisierenden Medienerfahrungen führen. Später sollten digitale Medien selbstverständlich integriert werden – eventuell als eigenes Fach, später als integraler Bestandteil aller Unterrichtsfächer. 

http://www.fv-medienabhaengigkeit.deLiteratur: Bert te Wildt: Digital Junkies; Verlag Droemer HC; München 2015, 384 S.; 19,99 €

stellenangebote

mehr