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Donnerstag, 14. Dezember 2017

Umwelt

Chemieindustrie will Zertifikate für Biomasse

Von R. H. Ahrens | 18. Oktober 2013 | Ausgabe 42

Die Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe (FNR) stellte jetzt in Berlin ein Bündel an Kriterien vor, die beim Anbau von Biomasse für die stoffliche Nutzung erfüllt werden müssen, damit dieser Anbau auch als nachhaltig gelten kann. Die Deutsche Welthungerhilfe und Umweltverbände begrüßen die Initiative.

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"Kein Regenwald in Brasilien oder Indonesien soll abgeholzt werden, um Biomasse im technischen Bereich einzusetzen", betont Jörg Rothermel, FNR-Vorstandsvorsitzender und im Verband der Chemischen Industrie (VCI) für Energie, Klimaschutz und Rohstoffpolitik zuständig. "Das ist aber nicht selbstverständlich", weiß WWF-Fachfrau Martina Fleckenstein.

In Südostasien etwa mussten Regenwälder und Torfmoore Palmölplantagen weichen. Dieses Palmöl wird aber nicht nur für Kosmetika, sondern auch für Schmieröl genutzt. "Für die stoffliche Nutzung von Biomasse fehlen aber anspruchsvolle ökologische und soziale Kriterien", meint Fleckenstein.

Biomasse – stofflich genutzt in der Chemieindustrie

Das Bundeslandwirtschaftsministerium (BMELV) will das ändern und fördert seit 2012 die "Initiative Nachhaltige Rohstoffbereitstellung für die stoffliche Biomassenutzung" (INRO).

"Parallel zur Energiewende ist auch die Rohstoffwende ein erklärtes Ziel der Politik", behauptet FNR-Geschäftsführer Andreas Schütte. Immerhin: Rund zwei Drittel der 2,7 Mio. t an nachwachsenden Rohstoffen, die Chemieunternehmen in Deutschland 2011 nutzten, wurden eingeführt (s. Kasten).

An INRO beteiligen sich u. a. Vertreter der Chemikalien-, Farben-, Schmierstoff-, Automobil- und Verpackungshersteller sowie von zwei Zertifizierungsgesellschaften, zwei Umweltverbänden und der Deutschen Welthungerhilfe. Sie einigten sich auf 50 Kriterien, die beim Anbau von Biomasse für eine stoffliche Nutzung erfüllt sein müssen. Erst dann kann dieser Anbau auch als nachhaltig gelten.

Die Kriterien orientieren sich an den Nachhaltigkeitskriterien für die energetische Nutzung von Biomasse, die die EU seit 2009 mit der Erneuerbare-Energien-Richtlinie vorgegeben hat, sowie an weitergehenden ökologischen und sozialen Kriterien, die die beiden Zertifizierer ISCC aus Köln weltweit und REDcert aus Bonn vor allem in Deutschland bereits anwenden.

Die 25 ökologischen Kriterien legen fest, dass kein Regenwald gerodet, kein Moor trockengelegt und keine Savanne beackert werden darf. Über die EU-Nachhaltigkeitskriterien hinaus verlangt die Initiative, die Bodenqualität zu erhalten oder zu verbessern und Nitratauswaschungen zu vermeiden.

Zu den 19 sozialen Kriterien zählt das Recht auf sauberes Trinkwasser, feste Unterkünfte sowie eine vernünftige Bezahlung der Arbeiter. Das freut Rafaël Schneider von der Deutschen Welthungerhilfe, denn in der Erneuerbare-Energien-Richtlinie der EU fehlte diese Dimension der Nachhaltigkeit noch völlig.

Zudem gibt es sechs ökonomische Kriterien wie Maßnahmen gegen Bestechung sowie das Aufzeichnen, wie welche Fläche genutzt wird.

"Das Festlegen dieser Kriterien ist nur der erste Schritt", betont Fleckenstein. Jetzt sei wichtig zu schauen, welche Zertifizierungssysteme die INRO-Kriterien vernünftig abprüfen können. Sie hofft, dass sich bald Unternehmen bereit erklären, in Pilotprojekten die Kriterien an eigenen Produkten zu testen. "Damit können die Unternehmen bereits morgen beginnen." Doch Fleckenstein kritisiert, kein deutsches Unternehmen habe sich bisher dazu aufraffen können.

Ausländische Unternehmen seien da weiter, weiß ISCC-Geschäftsführer Norbert Schmitz. Zwei Beispiele: Die brasilianische Firma Braskem ließ sich im August 2011 auf Basis des ISCC-Standards zertifizieren. Die US-amerikanische Firma NatureWorks ließ sich im Februar 2012 von ISCC und dem Institute for Agriculture und Trade Policy aus Minneapolis, Minnesota, bestätigen, dass es eine Polymilchsäure vollständig aus Glukose auf Maisbasis herstellt.

Auch Rothermel ist gespannt, welche deutschen Firmen sich der Initiative anschließen werden und eigene Rohstoffe nach den INRO-Kriterien beurteilen lassen. "Am Ende muss das jedes Unternehmen für sich entscheiden. Das ist der Sinn dieser Initiative." Davon, die Einhaltung dieser Kriterien gesetzlich für die Nutzung von Biomasse vorzuschreiben, hält der VCI-Mann wenig. "Das könnte Unternehmen, die Biomasse nutzen wollen, sogar abschrecken."

Wenden jedoch Unternehmen INRO-Kriterien freiwillig an, werden Firmen, die die nach diesen Kriterien zertifizierten Waren einsetzen, finanziell benachteiligt. Denn deren Kosten steigen, weil etwa Arbeiter besser bezahlt oder Lager für Pestizide errichtet werden. Schmitz gibt ein Beispiel: "1 t zertifiziertes Pflanzenöl kostet heute etwa 30 € bis 40 € mehr als nicht zertifiziertes Palmöl." Und diese Mehrausgaben führen bei einem aktuellen Preis von etwa 600 €/t Palmöl zu einem Kostennachteil gegenüber jenen Wettbewerbern, die kein zertifiziertes Palmöl einsetzen.

Damit viele Unternehmen nach INRO-Kriterien zertifizierte Biomasse einkaufen, muss es sich lohnen. "Eine stärkere Nachfrage nach Produkten, die gewisse Nachhaltigkeitsanforderungen erfüllen, wäre hilfreich", so Schmitz.

Scheider von der Welthungerhilfe plädiert dafür, INRO-Kriterien schrittweise verbindlich einzuführen. "Man muss sicherstellen, dass Kleinbauern wirklich in die Produktion eingebunden werden, gerechte Löhne erhalten und in die Märkte integriert werden. Eine plötzliche erhöhte Produktnachfrage, wie sie etwa nach der Einführung der europäischen Biokraftstoffquoten entstand, führte in einigen Regionen der Welt dazu, dass Kleinbauern verdrängt wurden. Doch Schneider ist optimistisch, dass Politik und Wirtschaft daraus gelernt haben. "Mit INRO gehen wir erste Schritte in die richtige Richtung."   R. H. AHRENS

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