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Freitag, 29. August 2014, Ausgabe Nr. 35

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Umwelt

China will Lightversion der EU-Verordnung Reach

Von Ralph H. Ahrens | 15. März 2013 | Ausgabe 11

Vor etwa drei Jahren löste China die USA als weltweit größter Hersteller von Chemikalien ab. Spätestens seit dieser Zeit nimmt im Reich der Mitte die Belastung von Mensch und Umwelt durch chemische Substanzen stetig zu. Die Regierung hat das Problem erkannt und begonnen, ein modernes Chemikalienmanagement nach dem Vorbild der EU-Verordnung Reach einzuführen.

Nirgendwo auf der Welt werden mehr Kunststoffe und Basischemikalien hergestellt als in China. Chinesische und internationale Unternehmen haben dort 2011 Chemikalien und pharmazeutische Wirkstoffe im Wert von fast 900 Mrd. € hergestellt. Chemiefirmen in Deutschland folgen hinter den USA und Japan mit fast 200 Mrd. € an vierter Stelle.

Doch China ist vielleicht auch das Land, das heute am meisten unter der Schattenseite einer unsauberen Herstellung und Anwendung leidet. Mehr als die Hälfte der dort zwischen 2008 bis 2011 erlebten rund 550 Umweltdesaster hingen mit Chemikalien zusammen. Zudem ist im Reich der Mitte Krebs, ausgelöst durch giftige Substanzen oder Umweltschadstoffe, inzwischen die Haupttodesursache. Jeder vierte Chinese in der Stadt und jeder fünfte auf dem Land stirbt daran.

Die chinesische Regierung beginne allmählich, sich der Problematik zu öffnen, freut sich Yixiu Wu, Chemieexpertin für Greenpeace Ostasien. "Die Regierung gibt im neuen Fünfjahresplan für das Umweltmanagement von Chemikalien erstmals die Existenz von Krebsdörfern zu." Das seien Orte, erklärt Wu, in denen wie im Fischerdorf Fuqiao am Yangtse 50 km nordwestlich von Shanghai seit etwa zehn Jahren auffällig viele Krebserkrankungen verzeichnet werden.

Die Wasserqualität des Flusses sinkt indes dramatisch. Die Fischer fangen immer weniger Fische und die Anwohner, denen der Fluss als Trinkwasserquelle dient, erkranken. Allein zwischen 2002 bis 2011 gab es in Fuqiao dreizehn dort unübliche Fälle von Magen-, Speiseröhren- und Brustkrebs.

Die Dorfbewohner vermuten die Ursache dafür stromaufwärts. Am Ufer des Nebenflusses Yanglingang waren um die Jahrtausendwende Fabriken gebaut worden, die ihre Abwässer ungeklärt in den Yangtse einleiteten. Die Menschen im Dorf aber trinken heute immer noch das Wasser aus der Mitte des Flusses.

Doch allmählich findet ein Umdenken statt. Als der Nationale Volkskongress im März 2011 den zwölften Fünfjahresplan (FJP) verabschiedete, war dies der grünste in der Geschichte des Landes. China verpflichtet sich darin, natürliche Ressourcen zu schonen, die Umwelt zu schützen und nachhaltige Industrieverfahren zu entwickeln. Zur Umsetzung bereiten die einzelnen Ministerien gesonderte Pläne vor. So gab das Ministerium für Umweltschutz im Februar 2013 den ersten FJP zum Umweltmanagement von Chemikalien (kurz Chemie-FJP) bekannt.

Der Aufbau eines modernen Chemikalienmanagements begann bereits vor zehn Jahren. China veröffentlichte 2002 eine erste Liste von rund 2000 gefährlichen Chemikalien, die im Jahr 2010 auf 3000 Substanzen erweitert wurde. Bereits 2003 folgten Regeln für Neustoffe.

Solche Stoffe darf ein Unternehmen nur dann erstmals in China vermarkten, wenn es dafür ein Registrierungszertifikat erhalten hat. Dafür muss es das Ministerium über die Einsatzgebiete des Stoffes informieren und ein Sicherheitsdatenblatt vorlegen sowie eine Risikobewertung inklusive Risikomanagementmaßnahmen.

Und China orientiert sich mehr und mehr an internationalen Standards. So ließ das Land zum Beispiel alle anerkannten OECD-Prüfrichtlinien zum Testen von Chemikalien in die eigene Sprache übersetzen.

Doch bei Altstoffen existieren – ebenso wie in der EU – große Datenlücken. Das Ministerium veröffentlicht einmal jährlich ein Altstoffinventar. Im aktuellen Inventar von Anfang 2013 sind mehr als 45 000 Chemikalien gelistet, die Firmen in China einsetzen. Mit dem neuen Chemie-FJP rücken diese Stoffe ins Zentrum der Debatte. Das Ministerium wird wohl Elemente der EU-Verordnung Reach zum Teil bis Ende 2015 in China einführen. Die Aktivistin Wu spricht von einer "Reach-Lightversion".

Zwei Beispiele: Das Ministerium fordert einen besseren Überblick über Altstoffe. Chemiefabriken und -händler werden künftig über Gefahren und Risiken ihrer Substanzen berichten müssen. Wie weit sich das Land an den detaillierten Regeln von Reach orientieren wird, bleibt bis Ende 2015 offen.

Das Ministerium will zudem gefährliche Substanzen brandmarken und deren Einsatz beschränken. So enthält der Chemie-FJP eine erste Liste von 58 Stoffen und Stoffgruppen, die vorrangig zu regeln sind. Einige dieser Substanzen wie Ammoniak, Chlor und so manche Säuren belasten bei Chemieunfällen immer wieder die Umwelt. Andere reichern sich in Mensch und Umwelt an oder können wie zwei Phthalate, ein Nonylphenol und Bisphenol A (BPA) das Hormonsystem beeinflussen. Dass das Ministerium die Belastung mit hormonell wirksamen Substanzen senken möchte, liege auch an Greenpeace-Kampagnen zu Alltagsprodukten, die diese Stoffe enthalten, glaubt Wu.

Die Emissionen in die Luft und Einleitungen ins Wasser von sieben Industriebranchen stärker zu kontrollieren, ist ein weiteres Ziel, das das Ministerium im Chemie-FJP angekündigt hat. Betroffen sind etwa Hersteller von Chemikalien, Arzneimitteln und Kunststoffen, Kokereien, Raffinerien sowie Hersteller von Textilien.

Das freut die Chemieexpertin Wu. Denn Greenpeace weist im Rahmen seiner weltweiten Detox-Kampagne immer wieder auf Missstände etwa beim Färben von Jeans hin. In China stellen mehr als 50 000 vor allem kleinere Fabriken Textilien her – ihre Produkte machten fast 8 % des Handelsvolumens Chinas aus. Diese Fabriken brauchen zum Färben, Waschen, Bedrucken und Ausrüsten viele verschiedene Chemikalien. Doch die mit Schadstoffen befrachteten Abwässer landen meist ungeklärt in den Flüssen.

"Wir hoffen, dass das Ministerium all seine Ankündigung schnell umsetzt", sagt Wu. Aus ihrer Sicht drängt die Zeit. Das Wasser von der Hälfte aller Flüsse Chinas sei nicht mehr trinkbar. Und bei jedem fünften Fluss genüge die Wasserqualität noch nicht mal mehr den Ansprüchen der Industrie. RALPH H. AHRENS

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