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Freitag, 26. September 2014, Ausgabe Nr. 39

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Telekommunikation

"Der Netzausbau ist ein echtes Konjunkturprogramm"

Von Regine Bönsch | 4. Januar 2013 | Ausgabe 1

Der neue Vodafone-Deutschland-Chef Jens Schulte-Bockum ist sichtlich stolz auf das Engagement seines Unternehmens beim Aufbau neuer breitbandiger Netze. Von der Politik erhofft er sich allerdings mehr Anerkennung für seine Branche. "Deshalb wünsche ich mir auch, dass die sehr singuläre Fokussierung der Politik auf das Thema Energiewende aufhört."

"Der Netzausbau ist ein echtes Konjunkturprogramm"

VDI Nachrichten: Wir schreiben das Jahr 2013. Was wünschen Sie sich in diesem Jahr von der Politik?

Schulte-Bockum: Vor allem wünsche ich mir ein technologie-, innovations- und wettbewerbsfreundliches Klima. Unsere Industrie investiert gewaltig, wir gehen für die Infrastruktur Deutschlands massiv in Vorleistung. Allein bei Vodafone in Deutschland lagen die Investitionen 2012 rund 25 % über dem Vorjahr, das entspricht Mehrinvestitionen von einem dreistelligen Millionenbetrag. Und wir wollen diese Schlagzahl 2013 halten – trotz angespannter Ergebnis- und Umsatzlage in weiten Teilen Europas. Wir fahren zum Beispiel neben dem LTE-Ausbau die größte Modernisierung unserer Netze seit dem Start von D2. Die Telekommunikation ist volkswirtschaftlich zum Drehkreuz für viele andere Industrien geworden. Die Produktivitätsgewinne lassen sich in vielen Branchen nur mithilfe der Telekommunikation erwirtschaften: mobiles Arbeiten, Smart Grids, Automotive, all diese Themen werden mit uns vorangetrieben und werden letztlich massiv zur Stärkung der Exportnation Deutschland beitragen. Wir müssen deshalb zu einem neuen Bewusstsein für diese Industrie kommen, für ihr Potenzial und ihre Chancen. Dazu brauchen wir auch ein neues Verständnis, was Regulierung bewirken kann und soll. Der Zug ist in der Vergangenheit in die falsche Richtung gefahren. Deshalb wünsche ich mir auch, dass die sehr singuläre Fokussierung der Politik auf das Thema Energiewende aufhört. Das ist ohne Zweifel ein wichtiges Thema, aber die volkswirtschaftliche Bedeutung der Telekommunikationsindustrie wird nach wie vor gewaltig unterschätzt. Unsere Branche steht heute für genauso viele Arbeitsplätze wie die Automobilindustrie in Deutschland. Diesen Stellenwert muss sie auch sichtbar erhalten.

Jens Schulte-Bockum

Wenn Sie sich noch fünf Jahre weiterbeamen könnten, wie sieht es dann in der Telekommunikation aus?

In dieser Industrie sind fünf Jahre eine extrem lange Zeit. Bis dahin wird sehr viel passieren. Das Thema Breitband – sowohl im Mobilfunk als auch im Festnetz – wird ein großes Zukunftsthema bleiben. Das Nutzungsverhalten ändert sich massiv: Immer mehr Menschen sind am mobilen Internet interessiert. Bei den Neukunden haben wir mittlerweile weit über 80 % Smartphone-Kunden, die mobil ins Internet wollen. Der Megatrend geht in Richtung breitbandiger mobiler Endgeräte. In fünf Jahren werden dort fast alle Kunden angekommen sein. In der Netztechnik setzen wir auf LTE. Das ist dann der Netzstandard, so wie es Smartphones bei den Endgeräten sind. Bei UMTS und HSPA fehlte für Kunden immer noch die vollständige Flächendeckung. Die wird es 2018 mit LTE überall in der Republik geben – mit Highspeed-Datendiensten mit 10 Mbit/s und mehr. Der Durchbruch des mobilen Internets, mobilen Lebens und Arbeitens wird 2018 mit LTE erreicht sein.

Bleiben wir doch einen Moment bei LTE. Werden Sie Ihr Netz weiter mit 800 MHz ausbauen?

Ja, das werden wir. Aber zusätzlich bauen wir auch im Bereich von 2,6 GHz aus – das gilt vor allem für die Städte. Damit haben wir bereits angefangen. So werden wir künftig Geschwindigkeiten im Bereich von 100 Mbit/s anbieten können. Aber für uns ist es noch wichtiger, dem Kunden ein flächendeckendes LTE-Erlebnis anzubieten, statt vereinzelter 100-Mbit/s-Zonen. Deshalb bauen wir vor allem im 800-MHz-Bereich weiter aus – und nehmen auch in Kauf, nicht immer überall direkt das Spitzentempo zu erreichen. LTE ist keine Hotspot-, sondern eine Flächentechnologie. Deutschland ist ein Flächenland, deshalb muss die Fläche lückenlos mit LTE und mobilem Internet versorgt werden. Dafür ist das 800er Spektrum perfekt.

Bekomme ich in Düsseldorf schon überall LTE?

In Düsseldorf, unserer ersten LTE-Stadt, sind wir sehr gut vorangekommen, aber auch in anderen Großstädten wie Hamburg, Berlin, München und vielen kleineren Städten. Wie und wann wir ausbauen, hängt auch davon ab, wo wir die baulichen Genehmigungen zuerst erhalten haben. Heute haben wir LTE bereits in 120 Städten mit über 50 000 Einwohnern. Bis Ende unseres Geschäftsjahres Ende März wollen wir in allen 81 Großstädten mit über 100 000 Einwohnern präsent sein. Wir liegen jetzt bei 4500 LTE-Basisstationen. Bis Ende März sollen es 5500 sein. Heute können bereits rund 40 Mio. Bürger LTE nutzen, die Zahl wollen wir bis Ende März auf 50 Mio. steigern.

Da haben Sie sich aber noch was vorgenommen. Woran liegt es, dass Sie jetzt so hohe Schlagzahlen haben müssen? Fehlten die Genehmigungen von der Bundesnetzagentur?

Das hat verschiedene Gründe: Das hängt zum einen an den Genehmigungen der Bundesnetzagentur für die Richtfunkanbindung, aber auch an Baugenehmigungen. Hinzu kommen Abstimmungen mit Eigentümern, die Standorte an uns vermieten. Vor allem jedoch brauchen wir jede Menge Subunternehmer. Der Netzausbau ist ein echtes Konjunkturprogramm mit viel Engagement von kleinen und mittelständischen Unternehmen. Bei den Bauunternehmen merken wir inzwischen deutlich die Nachfrage der Energieversorger und müssen uns um Baueinsätze der Handwerker fast streiten. Dort sind z.  B. beim Aufbau neuer Stromverteilnetze ähnliche Tätigkeiten sehr gefragt.

Und das im Winter ...

Gerade im Winter ist der Netzausbau ein anspruchsvolles Vorhaben. Um unsere nächste Zielmarke von 5500 Basisstationen zu erreichen, brauchen wir auch einen möglichst milden Winter.

Die Deutsche Telekom bietet LTE bei einer Frequenz von 1800 MHz und kann daher das iPhone 5 mit LTE-Merkmalen verkaufen. Wie sehr stört Sie das?

Wir finden das natürlich ärgerlich, aber das ist ein vorübergehender Zustand. Die gesamte Industrie setzt auf Endgeräte, die auch 800 MHz unterstützen. Wir haben hierzulande das größte Portfolio an Smartphones und Tablets. Ich denke, der Wettbewerb in dem Bereich wird dazu führen, dass auch Apple bald die 800 MHz unterstützt. Ich kenne keinen Experten, der auf Dauer an ein iPhone glaubt, dass nur in Städten LTE-tauglich bleibt. Das entspricht nicht der Struktur unseres Landes. Auch die Telekom nutzt in der Fläche die 800er Frequenz und braucht ein dafür geeignetes iPhone. Sonst wäre das iPhone mit LTE Stadtmenschen vorbehalten. Auf Dauer ziemlich unvorstellbar für ein föderales Land wie Deutschland. 800 MHz wird der gängige Frequenz-Standard für Deutschland und viele andere Länder.

Wie verkaufen sich Nokia-Geräte?

Die neuen Smartphones waren im Dezember ausverkauft. Nokia hat den deutschen Markt unterschätzt. Zum ersten Mal seit zwei, drei Jahren kommen wieder Kunden auf uns zu und fragen explizit nach Nokia-Geräten. Ein guter Start für Windows Phone. Wir sind gespannt auf das, was 2013 kommt.

Was bringt denn LTE den Kunden?

Der Kern des LTE-Erlebnisses ist aus unserer Sicht nicht Highspeed, sondern die flächendeckende Abdeckung. Mobiles Internet für alle und überall. Schon mit HSPA schaffen wir bis zu 43 Mbit/s. Wir haben bei LTE eine Nominalgeschwindigkeit von 50 Mbit/s. In der Realität liegen wir über 30 Mbit/s. Am Rand der Zelle reduziert sich das auf 6 Mbit/s bis 8 Mbit/s. Wichtig ist aber die lückenlose Versorgung in der Fläche. Das schafft als mobile Technologie nur LTE und verhilft so dem mobilen Internet zum Durchbruch.

Haben wir 2018 Geschwindigkeiten im Gbit/s-Bereich?

Ja, in der Spitze werden wir die haben. Und die Entwicklung wird dort nicht stehen bleiben.

Sie sprechen immer wieder davon, dass der Datenverkehr in den nächsten drei Jahren um 2000 % anwachsen wird. Wie kommt diese immense Steigerung zustande?

Durch bewegte Bilder – Fernsehen, Youtube, Video. In sozialen Netzwerken ist das Tagebuch längst zum Videotagebuch geworden.

Das alles muss ja von den Antennen, den Basisstationen abtransportiert werden. Reicht dafür der Richtfunk?

Ja, das tut er. Mit dem IP-basierten Richtfunk sind wir gut dabei. Die letzte Generation bringt es auf 3 Gbit/s. Damit kann ich 1000 Kunden mit 3 Mbit/s versorgen. 20 % unserer Basisstationen binden wir ans Glasfasernetz an, bei Bedarf mehr.

Beim Richtfunk arbeiten Sie mit Ericsson zusammen, beim Netzausbau auch mit chinesischen Unternehmen. Wie werten Sie die aktuelle Diskussion um ZTE und Huawei?

Wenn aktuell Huawei und ZTE in den USA als Technologiepartner infrage gestellt werden, dann darf man auch über handfeste Wirtschaftsinteressen der USA nachdenken. Vodafone hat eine sehr gute und hoch professionelle Sicherheitsabteilung. Wir schützen unser Netz, sehen aber auch keinerlei Fehlverhalten unserer Partner. Bislang hatten wir nichts zu bemängeln. Beide bemühen sich enorm, mehr Offenheit und Transparenz zu bieten. In England findet ein offizielles Screening von Huawei-Technik durch ein staatliches Sicherheitszentrum statt – unterstützt mit Mitteln von Huawei. Vielleicht erhöht so etwas auch das Vertrauen in Deutschland, wenn etwas Ähnliches entwickelt wird.

Jetzt will die EU-Kommission ein Verfahren einleiten, das sich mögliche Preissubventionen chinesischer Netzausstatter vornehmen will. Inwieweit betrifft Sie das?

Das ist natürlich ein zweischneidiges Schwert. Auf der einen Seite profitieren wir von dem Wettbewerb, auf der anderen Seite ist dort die Konkurrenz überschaubar geworden. Allerdings wird bei den Netzausrüstern gnadenlos und mit harten Bandagen gekämpft. Wir sind daran interessiert, dass wir in Europa weiterhin eine Reihe von guten Ausrüstern haben. Monopole sind für Kunden, Standort und Industrie stets schädlich. Das gilt auch hier.

Wie wichtig sind für Vodafone noch die Festnetzkunden?

Sehr wichtig. Wir glauben, dass sich in den nächsten Jahren die Nachfrage nach konvergenten Lösungen – also Fest- und Mobilfunknetz – verstärken wird. Das stellen wir bereits bei Unternehmenskunden fest. Bei den Verbrauchern ist das noch ein Randthema. Aber da wird sich vieles verändern. Kunden wollen im Ferienhaus, unterwegs oder zu Hause auf die gleichen Inhalte zugreifen.

Sie haben im Sommer auf der IFA angekündigt, den Service zu verbessern. Was ist da bislang geschehen?

Eine Menge. Der Kunde erhält immer für beide Seiten klare Bestätigungen bei Verträgen wie Vertragsänderungen und bei den Neukunden wird die erste Rechnung mit einem personalisierten Erklärvideo im Online-Account erläutert. Unsere Callcenter bieten mittlerweile weitgehend einen Rückruf an, damit die Kunden nicht warten müssen. Nach Kundenkontakten senden wir eine SMS, um zu sehen, ob der Kundenwunsch tatsächlich gelöst wurde. Über 100 Mitarbeiter helfen neuen Smartphone-Kunden bei der Einrichtung ihres Gerätes. Die Kundenzufriedenheit ist nach unseren Messungen deutlich gestiegen. Ich möchte, dass Service Kern unseres Geschäfts wird. Dazu brauchen wir ein neues Verständnis und eine umfassende digitale Transformation unseres Geschäfts und der Kundenbeziehung.

Festnetzkunden stresst vor allem das Hin- und Herschieben von Verantwortlichkeiten zwischen Telekom und Vodafone ...

Beim Wechsel wird das alte Monopol der Telekom am augenfälligsten. Alle Wettbewerber sind auf das Zusammenspiel mit der Telekom angewiesen, da sie den Zugang zum Haus weiterhin exklusiv hat. Es tauchen daher immer wieder Herausforderungen exakt an dieser Schnittstelle auf – das ist leider richtig. Auch bei mir kommt wöchentlich eine Handvoll tragischer Fälle direkt an. Allerdings hat es auch hier schon viele Verbesserungen gegeben – indem wir Umstände auswerten, Muster erkennen und Ursachen abstellen. Genau das ist auch unser Job. Denn wir sind im Kern ein Dienstleistungsunternehmen.

Stichwort Innovationen: Was sind für Sie die entscheidenden Innovationen in der Telekommunikation?

Priorität hat sicher die Machine-to-Machine-Kommunikation. Da tut sich vor allem in der Energie-, aber auch der Automobilindustrie eine ganze Menge. Die RFID-Technik Near Field Communication, kurz NFC, inklusive der Funktionen zum kontaktlosen Bezahlen halten wir für wichtig. Wir haben eine Partnerschaft mit Visa, die sich bald am deutschen Markt zeigen wird. Details kann ich dazu in diesem Stadium noch nicht sagen.

Heißt Innovation für Vodafone oft Kooperationen?

Ja, denn die Telekommunikation verzahnt sich immer stärker mit anderen Branchen. Wir werden nicht direkt in Geschäftssegmente unserer Kunden einsteigen, sondern verstehen uns als ihr Service- und Technologiepartner. Wir sind eine Art Drehscheibe für andere. Wir kooperieren bereits erfolgreich mit führenden Automobilkonzernen, wie BMW bei Connected Drive oder Energieversorgern wie der RWE im Bereich E-Mobility. Gerade im Energiebereich wird es in Zukunft wirklich spannend und innovativ. Aktuell machen sich auch alle großen Medienhäuser darüber Gedanken, wie sie die analogen Inhalte in ihrem Printangebot auf digitale Plattformen bekommen und dies monetisieren können. Wir reden mit allen großen Medienhäusern. Als Mobilfunkbetreiber haben wir die Kontrolle über die Endgeräte und über unsere Rechnungen die Möglichkeit zum Abrechnen. In dem Bereich wird es eine Menge Kooperationsmodelle geben. Noch sind die Eier im Bereich der Content-Aggregation und der Bezahldienste noch ungelegt. Da wird jedoch 2013 ein gutes Jahr.

Wie wichtig ist Vodafone Deutschland für Innovationen innerhalb des Konzerns?

Ich würde uns als Taktgeber bezeichnen. Auf unserem neuen Campus in Düsseldorf leben wir viele Innovationen und zeigen sie auch in der Praxis. Mit NFC in der Kantine, einer mobilen Navigation für das Gelände und vielem mehr. Auf den Campus ziehen auch über 1000 Kollegen der Vodafone Group vom Mannesmann-Ufer, die pur mit Entwicklungen und Innovationen beschäftigt sind. Damit rücken wir wieder näher zusammen. Die Endgeräteverantwortung wird global überwiegend aus Düsseldorf gesteuert, auch die technische Produktentwicklung ist in Düsseldorf angesiedelt – wir betreiben von hier das Global Product and Innovation Center. Das größte Rechenzentrum des Konzerns sitzt in Ratingen. Wir haben in Deutschland beinahe so viele Beschäftigte mit zentralen Funktionen der Vodafone Gruppe wie in Großbritannien. Dazu kommen die 12 000 Mitarbeiter von Vodafone Deutschland und noch einmal rund 12 000 Mitarbeiter externer Partner, die ausschließlich für uns als Dienstleister arbeiten. Man traut uns Deutschen und vor allem den deutschen Ingenieuren eine Menge zu. REGINE BÖNSCH

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