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Donnerstag, 20. April 2017, Ausgabe Nr. 16

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Medizintechnik

Deutsche Kliniken hinken bei Digitalisierung hinterher

Von Klaus Jopp | 13. November 2015 | Ausgabe 46

Das erste digitale Krankenhaus in Europa, das die Patientenakten vollständig papierlos führt, steht in Hamburg. In vielen Häusern sei zwar die Technologie vorhanden, doch fehle der Wille zur Durchsetzung, kritisieren Experten. Sie diskutieren über die Digitalisierung der Kliniken auf der weltgrößten Medizinmesse Medica kommende Woche in Düsseldorf.

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Foto: Messe Düsseldorf

„Schulkind“ Nao: Wer wegen eines Klinikaufenthalts für lange Zeit den Unterricht verpasst, könnte sich dort künftig von einem Avatar vertreten lassen.

Seit fünf Jahren kann das Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) nicht nur schwarze Zahlen vorweisen, sondern hat sogar für 2013 und 2014 die geplanten Ergebnisse übertroffen – eine Ausnahme in der deutschen Krankenhauslandschaft. „Zu dieser positiven Entwicklung hat sicherlich die IT zusammen mit Prozess- und Organisationsverbesserungen wesentlich beigetragen“, konstatiert Henning Schneider, CIO des renommierten Hauses mit 1600 Patientenbetten.

Die Medizinmesse Medica

Das UKE gilt als erstes digitales Krankenhaus in Europa, das die Patientenakten vollständig papierlos führt. Schon 2011 wurde das Klinikum auf Anhieb mit der Stufe 6 des Emram-Awards ausgezeichnet, der von der Non-Profit-Organisation HIMSS für Fortschritte bei der IT-Umsetzung verliehen wird.

Kurz darauf wurde in Hamburg auch die höchste, die 7. Stufe des Emram-Modells erreicht. Voraussetzung dafür war die Überprüfung durch Geschäftsführer und IT-Leiter anderer Kliniken, die die Einhaltung der digitalen Arbeitsabläufe von der Aufnahme bis zur Entlassung der Patienten in Augenschein nahmen. Heute gibt es auch in Spanien und den Niederlanden zwei Häuser mit Toplevel 7. „Der Durchschnitt aller Kliniken in Deutschland liegt bei einem Wert von nur 1,7, die USA sind mit 4,2 deutlich weiter“, räumt Schneider ein.

Die Studie „Digitalisierung in der Gesundheitswirtschaft“ von Rochus Mummert Healthcare Consulting weist nach, dass nur 28 % der deutschen Kliniken eine umfassende Strategie entwickelt haben, wie sie der Herausforderung der Digitalisierung begegnen sollen. 46 % der Häuser aber haben Einzelprojekte schon auf den Weg gebracht.

Für die Anerkennung des Toplevels reicht das aber nicht. Auf Level 7 ist der Nachweis fällig, dass digitale Technik nicht nur im Haus ist, sondern auch durchgängig genutzt wird. Tatsächlich arbeiten die meisten deutschen Krankenhäuser aber immer noch mit einer parallelen Dokumentation auf Papier.

Die elektronische Patientenakte muss von der gesamten Klinik getragen und geführt werden

„Die Technologie ist meist vorhanden, aber es fehlt der Wille zur Durchsetzung“, kommentiert dies Schneider. Im UKE war dagegen von Anfang an klar, dass die IT zur Führungskultur gehört. „Eine Einführung der elektronischen Patientenakte ist kein IT-Projekt, sondern muss von der gesamten Organisation getragen und geführt werden“, so der damalige UKE-Chef Jörg Debatin zu Beginn des Prozesses.

Die Digitalisierung ist nach Überzeugung der Hamburger Vorzeigeklinik aber nicht nur ein Hebel zur Verbesserung der Ökonomie, sondern auch der Patientenversorgung: „Die vollständige, elektronische Verfügbarkeit von Daten vor und während des Behandlungsablaufs erhöht die Transparenz der einzelnen Behandlungsprozesse und damit vor allem die Patientensicherheit“, bestätigt Schneider.

Beispiel „präoperative Checkliste“: Mit diesem „Instrument“ werden vor jeder OP die Standardanforderungen abgefragt, die erfüllt sein müssen. Das erhöht die Effizienz und vermeidet Verzögerungen während der Operation.

Beispiel Arzneimittelversorgung: Das UKE hat einen Closed Loop aufgebaut – mit diesem in sich geschlossenen, vollständig digitalisierten System lassen sich Fehler bei der Medikation deutlich reduzieren. Die elektronische Verschreibung vermeidet Irrtümer aufgrund schlechter Lesbarkeit, sie wird auf der Station validiert und in der Apotheke in Form individueller Einzeldosen verpackt. Bevor der Patient seine „Unit Dose“ erhält, überprüfen die Pflegekräfte noch einmal die Übereinstimmung der Barcodes. Dank der Unit-Dose-Methode sind die Fälle einer Abweichung zwischen Verordnung und tatsächlicher Medikamentenabgabe von 39 % auf 1,6 % gesunken.

Die Digitalisierung bietet aber noch ganz andere Möglichkeiten: Seit April hat das UKE drei ganz besondere junge Patienten, die dank einer mobilen Videokonferenzlösung trotz eines langfristigen Krankenhausaufenthalts weiter am eigenen Schulunterricht teilnehmen können.

Noch einen Schritt weiter geht die Schweizer Firma Avatarion. Sie schickt den Avatar-Roboter „Nao“ in die Schule: als Stellvertreter des kleinen Langzeitpatienten im Krankenhaus. Hergestellt wird die Verbindung über das Internet.

Über den Avatar nimmt das kranke Kind in Echtzeit am Unterricht teil. „Nao ist sehr beliebt“, freut sich Jean Christophe Gostanian, CEO von Avatarion Technology. Die meisten Schüler finden es cool, dass der fehlende Kamerad im Roboter steckt. Sehen können sie ihn über einen Tablet-PC, der am Kopf des Avatars angebracht ist. Vier Unikliniken und 20 Stationen beteiligen sich bereits am Projekt. Kontakte gibt es laut Gostanian nach Italien, Belgien, Holland und Frankreich.

In Deutschland wird das Projekt auf der weltweit größten Medizinmesse Medica erstmals einer größeren Fachöffentlichkeit vorgestellt. Die Digitalisierung wird dort ein wichtiges Thema sein. Ihre Umsetzung im Krankenhaus soll zudem auf dem 38. Krankenhaustag, der im Rahmen der Messe veranstaltet wird, intensiv diskutiert werden. Gerade gegenüber den USA, in denen bereits 150 Häuser auf IT-Level 7 arbeiten, hat Deutschland hier noch viel aufzuholen.

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