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Donnerstag, 22. Juni 2017, Ausgabe Nr. 25

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Logistik

Die Verkehrsströme von morgen

Von Oliver Klempert | 13. November 2015 | Ausgabe 46

Das Verkehrsaufkommen in den Städten ist enorm und wird in Zukunft noch weiter wachsen. Bereits heute verursacht dies zahlreiche Probleme, denen mit ungewöhnlichen Logistikkonzepten begegnet werden soll.

z - Logistik - BU
Foto: dpa/Alessandra Schellnegger

Zunehmende Urbanisierung stellt Gesellschaft, Wirtschaft und Logistik vor anspruchsvolle, aber lösbare Aufgaben. Experten fordern die Transformation zur Smart City.

Im Raum ist es mucksmäuschenstill. Zu frappierend sind die Zahlen, die Wolfgang Lehmacher, ausgewiesener Experte auf dem Gebiet Supply Chain, Transport und Logistik, präsentiert. Sicher, manche dieser Zahlen hatte man schon mal gehört, aber nicht in dieser Ballung und in diesen Zusammenhang gesetzt: „Jeden Monat ziehen weltweit rund 6 Mio. Menschen aus ländlichen Gebieten in die Städte“, sagt Lehmacher etwa. Dies entspräche etwa der Einwohnerzahl von Madrid oder etwas mehr als der Bevölkerung von Dänemark.

„Bereits heute leben etwas über 50 % der Weltbevölkerung in den Städten, 2030 werden dies etwa 60 % sein“, so Lehmacher. „Als größte Stadt gilt derzeit Tokio mit knapp 38 Mio. Einwohnern. In China sollen demnächst elf Millionenstädte zu einer 42-Mio.-Einwohner-Megametropole zusammenwachsen und das mit einer Wachstumsprognose auf insgesamt 80 Mio.“

Diese Urbanisierungswelle betreffe alle Regionen der Welt. Insbesonders die aktuelle Flüchtlingswelle nach Europa werde diesen Trend noch verstärken. Eines der Probleme dabei: „Städte verursachen 80 % aller Kohlendioxidemissionen und verbrauchen 75 % aller jährlich genutzten Ressourcen – dabei bedecken diese nur 3 % Erdoberfläche“, erklärt Lehmacher.

Beim Deutschen Logistik-Kongress vor wenigen Tagen in Berlin machte Wolfgang Lehmacher in seinem Vortrag zum Thema „Logistik im Zeichen der Urbanisierung“ die Probleme und den großen Handlungsbedarf für die Städte der Zukunft deutlich. Seine Feststellung: „Die städtische Zuwanderung belastet die Infrastruktur und beeinträchtigt Personen- und Warenströme.“

Schon heute beträgt die Durchschnittsgeschwindigkeit von Kraftfahrzeugen in Berlin nur 24 km/h, in London sogar nur 19 km/h. Schließlich nimmt der Güter- und Individualverkehr mit zunehmender Urbanisierung zu, die Straßenbelastung wächst. In der Tat: Noch nie wurden so viele Waren wie in diesen Jahren global transportiert, waren Menschen so viel unterwegs.

Gerade mit dem Onlinehandel insgesamt wurden Warenströme in Gang gesetzt, die das moderne Leben umkrempeln und nachhaltig verändern. Neue Konzepte sind daher dringend gefragt, wie man den damit aufkommenden Problemen Herr werden kann. Mehrere Referenten trugen dazu auf dem Kongress ihre Ideen vor.

Lehmacher stellte im Überblick gleich mehrere Konzepte einzelner Städte vor, die zur Lösung der Überlastung von Verkehrswegen die Nutzung bisheriger Strukturen änderten oder verbesserten und Lieferketten überdacht haben. So nutzt etwa die belgische Stadt Gent zur Versorgung innerstädtischer Baustellen und zum Abtransport von Bauschutt Wasserwege. In Manhattan ist man dazu übergegangen, Pakete nachts oder vor Arbeitsbeginn zuzustellen, Amazon nutzt sogar das öffentliche U-Bahn-System zum Transport seiner Pakete.

Das Heathrow Consolidation Centre des größten Londoner Flughafens hat damit begonnen, eingehende Warenströme zu bündeln. „Dies bewirkt eine Verringerung der permanenten Kleinstlieferungen, eine Entlastung der bestehenden Infrastruktur und die Reduzierung der Kohlendioxidbelastung“, so Lehmacher. In Zukunft könne er sich den vermehrten Einsatz von Drohnen oder selbstfahrenden Fahrzeugen zur Entlastung der herkömmlichen Transportwege vorstellen. Sein Fazit: „Urbanisierung stellt die Gesellschaft, Wirtschaft und Logistik vor anspruchsvolle, aber lösbare Aufgaben. Wir brauchen die Transformation zur Smart City.“

Ganz konkret wird es beim Projekt des Fraunhofer-Instituts für Materialfluss und Logistik (IML) aus Dortmund: „Geräuscharme Nachtlogistik – Genalog“, heißt hier die Idee. Gemeinsam mit anderen Forschungspartnern und gefördert vom Bund, werden Lösungen für die schon heute vielerorts an die Kapazitätsgrenze stoßende Verkehrsinfrastruktur gesucht, insbesondere für den Distributionsverkehr, der das tägliche Verkehrsgeschehen noch zusätzlich beeinträchtigt.

Als Ergebnis einer mehrmonatigen Testphase ist ein Leitfaden entstanden, der dazu dient, Transporte in die Nacht zu verlegen. „Dies führt zu einer effizienteren Belieferung in urbanen Räumen“, sagte Alex Vastag, Leiter des Bereichs Verkehrslogistik im IML. An einem Beispielunternehmen in den Niederlanden zeigt er auf, dass eine Verlagerung der Lieferzeiten für zehn Filialen auf die Zeiträume zwischen 5 Uhr und 7 Uhr sowie zwischen 19 Uhr und 2 Uhr deutliche Vorteile ergeben habe.

„Die für die Lieferungen benötigte Zeit sank auf ein Drittel der vorher benötigten Zeit, Kraftstoffverbrauch und Kohlendioxidemissionen sanken ebenfalls“, erklärte Vastag. Um Geräuscharmut zu erreichen, müssten allerdings verstärkt Elektrofahrzeuge eingesetzt werden, wie dies beim Partnerunternehmen und Discounter TEDi zum Teil bereits erfolge.

Mit einem interessanten Lösungsansatz für den Personenverkehr wartete Torsten Bäuerlen von Doppelmayr Seilbahnen aus Österreich auf. Das Unternehmen engagiert sich unter anderem in La Paz in Bolivien. „Im Stadtgebiet von La Paz sind bis zu 1000 m Höhenunterschied zu überwinden“, erläuterte Bäuerlen.

Zudem war die städtische Infrastruktur von einem unkontrollierten Wachstum vor allem in den 80er- und 90er-Jahren geprägt. Steile und enge Straßen sind das Ergebnis, mit dem die Menschen leben müssen, häufig sind diese verstopft. Um dem zu begegnen, hat Doppelmayr bis 2014 drei Seilbahnlinien mit einer Länge von knapp 10 km im Stadtgebiet errichtet.

„Die erste Linie wurde im Mai 2014 eröffnet und verbindet das Zentrum mit dem Stadtbezirk El Alto. Sie erreichte bereits innerhalb von 28 Tagen die 1-Mio.-Marke an Fahrgästen“, sagte Bäuerlen. In der nächsten Bauphase sollen bis zum Jahr 2019 sechs weitere Seilbahnlinien hinzukommen. Im Ergebnis sollen neun Linien mit einer Gesamtlänge von 30 km entstehen, mit 1346 Gondeln, die täglich 17 Stunden in Betrieb sind und mit einer Geschwindigkeit von 5 m/s jeden Tag stündlich 26 000 Personen befördern können.

Schon jetzt sei eine deutliche Entlastung des Stadtverkehrs zu verzeichnen. Denn: „Um 10 000 Passagiere pro Stunde zu befördern, benötigt man nur eine Seilbahn, dahingegen 2000 Pkw oder 100 Busse“, so Bäuerlen. Es ist ein gelungenes Beispiel für eine Technologie, die das Infrastrukturproblem auf einer ganz anderen Ebene löst.

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