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Donnerstag, 22. Juni 2017, Ausgabe Nr. 25

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Forschung

EU verbietet Tierversuche im Dienste der Schönheit

Von Thomas A. Friedrich | 22. März 2013 | Ausgabe 12

Seit dem 11. März gehören laut EU-Beschluss Tierversuche für Kosmetikprodukte der Vergangenheit an. Doch das Leiden von Nagern und Co. in der Forschung geht weiter. Hersteller und Händler finden etwa unter der EU-Chemikalienverordnung Reach noch Schlupflöcher.

Der neue EU-Gesundheitskommissar Tonio Borg ließ es sich vergangene Woche nicht nehmen, mit eigenem Konterfei auf der Pressemitteilung und per Videobotschaft die gute Kunde zu verbreiten: "Ab heute dürfen Kosmetikprodukte, die an Tieren getestet wurden, nicht mehr in der EU vermarktet werden." Kaninchen müssen also nicht länger für Tests mit Lippenstift, Lidstrich oder Rasierwasser herhalten. Auch mit dem Verkauf von Kosmetika, deren Inhaltsstoffe außerhalb der EU in Tierversuchen getestet wurden, ist nun endgültig Schluss.

So viel Entschlossenheit hat die Brüsseler Behörde nicht immer gezeigt. Noch 2009 wurden lediglich Tierversuche für neue kosmetische Inhaltsstoffe gebannt. Ausnahmen gab es weiter: So wurde der Verkauf von Kosmetika, deren Inhaltsstoffe außerhalb der EU in Tierversuchen getestet waren, nicht verboten.

Tierversuche in Zahlen

Tierschutzorganisationen hatten gegen dieses Hintertürchen zugunsten global agierender Kosmetikhersteller lange angekämpft. Nur fertige Kosmetika aus Drittländern, die dort an Tieren getestet wurden, durften ebenfalls nicht mehr in die EU importiert werden.

Zwischen 2009 und 2013 waren Tierversuche weiterhin erlaubt, um besonders schwerwiegende Nebenwirkungen wie die Beeinträchtigung der Fortpflanzungsfähigkeit, eine höhere Empfindlichkeit der Haut oder Schädigungen bei längerer Anwendung auszuschließen.

Mehr statt weniger Versuchstiere waren die Folge. In Deutschland stieg 2011 die Zahl der "verbrauchten" Nager und Fische um 1,9 % auf 2,9 Mio. Zugleich lagerten Firmen im "Dienste der Schönheit" wie L’Oréal oder Procter & Gamble ihre Versuchsreihen mit Tieren in Labore nach China und Indien aus.

Seit Langem setzt sich die Europäische Koalition zur Beendigung von Tierversuchen (ECEAE) für ein Verbot ein. Im Oktober 2012 übergaben die Initiatoren der Kampagne dem Petitionsausschuss des EU-Parlaments gut eine viertel Million Unterschriften gegen Tierversuche.

Einen Durchbruch erzielten die Versuchsgegner im Gespräch mit EU-Verbraucherschutzkommissar Borg im Januar dieses Jahres. Auch die bisherigen Ausnahmeregelungen sollten gänzlich verboten werden. Borg und die EU-Kommission lenkten ein. Ab März gelten sie nicht mehr.

Die Körperpflegemittel-Industrie muss künftig für jedes Kopfwasser, Shampoo oder Mascara-Produkt, das in der EU auf den Markt kommt, eine Person benennen, die juristisch belangt werden kann. Diese muss die Konformität mit den EU-Vorschriften gewährleisten und für die Einhaltung von Gesundheitsschutz und für Einträge in Verbraucher- und Produktinformationsdateien gegenüber Behörden Rechnung tragen. Zudem muss ein kosmetisches Mittel über drei Jahre rückverfolgbar sein.

"Wir finden es toll, dass das EU-weite Verbot von Tierversuchen für Kosmetika endgültig in Kraft getreten ist", freut sich Kristina Wagner vom Deutschen Tierschutzbund. Es bleibe abzuwarten, wie es umgesetzt wird. Kritik kommt hingegen aus der Kosmetikbranche. "Die EU setzt die Innovationsfähigkeit der Branche aufs Spiel, wenn sie zu diesem Zeitpunkt ein Verbot ausspricht", erklärte Bertil Heerink, Vorsitzender des Verbandes Cosmetic Europe in Brüssel.

Ein Ende der Tierversuche in Medizin und Pharmazie ist dennoch nicht in Sicht, denn die jetzt geltende Regelung betrifft nur solche Substanzen, die unter die "EU-Kosmetik-Richtlinie" fallen. Hersteller nutzen auch Chemikalien, die weniger für kosmetische als vielmehr für industrielle Zwecke entwickelt wurden. Für diese gilt weiterhin die EU-Chemikalienverordnung Reach. Diese enthält zwar auch eine Bestimmung, die auf einen Stopp von Tierversuchen hinarbeitet, solange die aber nicht ersetzt werden können, bleiben sie erlaubt.

Daran arbeitet das EU-Referenzlabor für Ersatzmethoden für Tierversuche (ECVAM) am Joint Research Centre (JRC) in Ispra am Lago Maggiore. Bald sollen Tests an menschlichem Gewebe in vitro hergestellt und rechnerbasierte Modellrechnungen das Leiden von Maus, Katze und Kaninchen gänzlich beenden. "Unsere Forschung verfolgt nicht nur ethische Grundsätze, sondern orientiert sich an dem höchstmöglichen Gesundheitsschutz für den Menschen und der Wettbewerbsfähigkeit unserer europäischen Wirtschaft", erklärt Maurice Whelan, Referatsleiter für Toxikologie bei ECVAM, gegenüber den VDI nachrichten.

Zwischen 2007 und 2011 hat die EU-Kommission für Tierversuchsersatzmethoden insgesamt 238 Mio. € bereitgestellt. Und die Kosmetikindustrie zieht bei den Forschungsanstrengungen inzwischen auch mit. Seit Juli 2012 bringt Cosmetic Europe für das EU-Projekt Safety Evaluation Ultimately Replacing Animal Testing 25 Mio. € ein. Weitere 25 Mio. € steuert die EU hierzu bei.

Gemeinsam mit den Ispra-Wissenschaftlern sollen für rund 40 000 chemische Substanzen geeignete computergestützte Verfahren zur Modellierung von physikalischen, chemischen und gesundheitlichen Daten auf Molekularebene gebündelt werden – für mehr Erkenntnisgewinn und weniger Tierversuche. THOMAS A. FRIEDRICH

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