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Donnerstag, 25. Mai 2017, Ausgabe Nr. 21

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Energiepolitik

Energiewende à la Uruguay

Von Dierk Jensen | 21. Oktober 2011 | Ausgabe 42

Uruguay, der kleine südamerikanische Staat am Atlantik zwischen Argentinien und Brasilien, will bis 2015 die Hälfte seines Primärenergieverbrauchs aus erneuerbaren Energiequellen abdecken. Damit nimmt das Land am Rio de la Plata eine Vorreiterrolle für ganz Lateinamerika ein.

Der Forst des Unternehmens Cofusa nahe der Stadt Rivera im Nordosten Uruguays: Roboterartig greifen Erntemaschinen Eukalyptusbäume heraus, sägen und hacken sie zu gleichförmigen Stämmen von rund 10 m zurecht. Anschließend wird das Holz aus dem nachhaltig bewirtschafteten Wald (zertifiziert nach FSC) herausgeschleppt und eilig auf Lastwagen verladen. Ziel: einmal quer durch Uruguay zur Zellulosefabrik Botnia des finnischen Konzerns UPM.

Botnia ist eines der weltweit größten Werke seiner Art und erzeugt seit 2007 jährlich rund 1,2 Mio. t Zellulose. Über 5 Mio. m3 Rohholz werden dort jährlich verarbeitet – eine Holzmenge, die dem Jahreszuwachs eines Waldes von 250 000 ha entspricht.

Da bei der Zelluloseproduktion nur ein Drittel des angelieferten Stammholzes stofflich verwertet wird, fallen große Restmengen an, die energetisch vor Ort genutzt werden: Im Werk der Finnen werden rund 6500 t/Tag holzige Biomasse in zwei Brennkessel geschickt, die Siemens-Turbinen mit einer elektrischen Leistung von 50 MW und 70 MW antreiben. Ein knappes Drittel des Stroms wird ins Netz des staatlichen uruguayischen Stromversorgers UTE eingespeist, der Rest wird zusammen mit der erzeugten Wärme in der Fabrik verwertet.

Aber nicht nur im Fall der Zellulosefabrik Botnia setzt man in Uruguay auf Bioenergie, auch die Reisproduzenten des Landes nutzen inzwischen die anfallenden Reisabfälle in Biomassekraftwerken. Große Schlachthäuser, Molkereien, Winzer und Fruchterzeuger sollen folgen. Sie planen Kraftwerke, in denen sie ihre Produktionsabfälle energetisch verwerten wollen.

Die Förderung der Bioenergie ist nur ein Baustein der uruguayischen Energiepolitik, die zum Ziel hat, bis 2015 die Hälfte des inländischen Primärenergiebedarfs aus erneuerbaren Energien zu decken. Mit dieser Vorgabe drängt das kleine Land am Rio de la Plata im Bereich der erneuerbaren Energien in eine Vorreiterrolle für ganz Lateinamerika.

Vor allem in der Windenergie geschieht derzeit viel im 3,5 Mio Einwohner zählenden Land. So hat der staatliche Energieversorger UTE in einer öffentlichen Bieterrunde den Bau von 150 MW ausgeschrieben, an dem sich 22 Unternehmen mit insgesamt rund 945 MW bewarben. Auch deutsche Anbieter waren dabei; im März erhielten spanische und argentinische Investoren schließlich den Zuschlag zum Bau dreier Windparks à 50 MW bei Tarifen von 8,1 US-Cent/kWh bis 8,6 US-Cent/kWh über einen Zeitraum von 20 Jahren.

Interessanterweise hält UTE einen Ausbau der Windenergie bis zu 1000 MW bei einer nationalen Kraftwerkskapazität von etwa 2415 MW (davon 36 % große Wasserkraft) für "netztechnisch problemlos". Diese positive Haltung eines staatlichen Energieversorgers gegenüber der volatilen Windkraft wird in den übrigen Ländern des südamerikanischen Wirtschaftsverbundes Mercosur aufmerksam wahrgenommen.

Zudem bietet eine geplante Hochspannungsleitung zwischen Brasilien und Uruguay ganz neue Perspektiven im transnationalen Netzmanagement. Es ist durchaus denkbar, dass Uruguay in Zukunft Strom aus erneuerbaren Energien an Argentinien und Brasilien verkauft.

"Hier wird nicht nur palavert, hier passiert tatsächlich was", sagt Tobias Winter. Für den Chef der Deutsch-Uruguayischen Handelskammer besteht kein Zweifel, dass das Land ein Labor für ganz Lateinamerika ist. "Wenn wir hier den zügigen Ausbau von Wind, Sonne, Biomasse umsetzen, dann wird das ein Vorbild für viele Länder auf dem Kontinent sein", ist er sich sicher.

Winter betrachtet Uruguay mit seinem Zentrum Montevideo als eine ideale Basis für alle Akteure der erneuerbaren Energien, um von dort aus den lateinamerikanischen Markt zu erobern. Beflügelt wird diese Idee durch den derzeit rasanten ökonomischen Aufschwung, den Uruguay gegenwärtig aufgrund des Exports von Agrarrohstoffen erlebt.

Uruguay setzt beim Umbau des Energiesystems auf erneuerbare Energien auf Kleinanlagen bis zu einer Erzeugungskapazität von 150 kW. Die Energiepolitiker trauen diesem Segment zu, dass es in nicht allzu ferner Zukunft ein Drittel des nationalen Strombedarfs decken kann. Dabei ist der uruguayische Stromversorger UTE gesetzlich verpflichtet, den Strom von diesen Kleinanlagen vorrangig abzunehmen. Wer in diese kleinen Anlagen investiert, dem winken hohe steuerliche Vergünstigungen.

Erste Erfolge dieser Mikroerzeugungsstrategie sind im Stadtbild der Hauptstadt Montevideo zu sehen. Auf mehreren Gewerbegebäuden drehen sich Kleinwind-Energieanlagen, auch die Photovoltaik kommt langsam in Schwung. Ein gutes Beispiel ist die Installation von 8 kW auf dem Dach von Bayer Uruguay. "Wir können unsere Investition bis zu 57 % steuerlich gutschreiben lassen, so dass die Anlage sich sehr zügig amortisiert", zeigt sich Mario Kaupmann, Leiter der dortigen Bayer-Niederlassung, zufrieden.

Auch im Segment der Kleinwasserkraft stehen viele Projekte in den Startlöchern. "Wir sind sehr daran interessiert, die kleine Wasserkraft in Zukunft mehr zu nutzen", unterstreicht Raúl Uruga Berrutti am Deich eines großen Staubeckens in der Provinz Trenta y Tres im Namen seines Arbeitgebers Saman, des größten Verarbeiters von uruguayischem Reis. DIERK JENSEN

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