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Freitag, 15. Dezember 2017

Automobilelektronik

Gefährliche Ablenkung durch Infotainment-Systeme

Von Christiane Schulzki-Haddouti | 8. Mai 2015 | Ausgabe 19

Infotainment-Systeme lenken Fahrer ab, die zunehmende Komplexität kann zu Überforderungssituationen führen. Unabhängige Untersuchungen dazu gibt es allerdings noch nicht, obgleich die Produkte von Jahr zu Jahr komplexer werden.

„Einer ist abgelenkt, vier sterben.“ Der Slogan auf einem großformatigen Plakat zeigt vier Insassen in einem Auto, die sich rege unterhalten. Die Plakate sind entlang der Autobahnen zu sehen. Eine Studie des australischen George Institute for Global Health zeigt, dass die Unfallgefahr schon bei einem gesprächigen Mitfahrer um 60 % steigt.

Wie aber ist das mit den Infotainment-Systemen, die alles Mögliche anbieten – vom Radio und CD-Player über das eingebaute Navigationssystem und dem Abruf und Vorlesen von SMS und E-Mails bis hin zur Diktierfunktion. Wie stark lenken sie ab?

„Die Automobilhersteller probieren in großen Versuchsreihen alle möglichen Varianten der Fahrer-Maschine-Kommunikation aus“, weiß Frank Ramowsky, Vize-Präsident der TÜV International GmbH. Ihm ist keine herstellerunabhängige Studie bekannt, aus der valide Schlüsse zum Faktor Ablenkung gezogen werden könnten. Bislang gibt es dafür nur Anhaltspunkte auf Basis rein qualitativer Daten.

Arnulf Thiemel von der ADAC Fahrzeugtechnik erklärt: „Die Testfahrer des ADAC vermerken in einer subjektiven Bewertung, ob die Bedienung eines Infotainment-Systems schwerfällig oder zu kompliziert war.“ Insofern gibt es Hinweise auf Schwächen der Bedienoberfläche. Zudem untersuchte der ADAC Sprachsteuerungssysteme. Dabei prüfte er den Aspekt der „Ablenkung“ aber nur danach, ob die Sprachbedienung „im Einklang mit den Interaktionskonzepten nach den Empfehlungen zur Gestaltung der Mensch-Maschine-Interaktion“ steht. Die tatsächliche „kognitive Last“, also die durch die Systeme verursachte gedankliche Belastung, die zur Ablenkung führen kann, wurde nicht gemessen.

Hier setzt Hans-Günter Lindner, Wirtschaftsinformatiker der Fachhochschule Köln, an. Er hat eine wissenschaftliche Bewertungsmethode für die kognitive Last in Prozessen entwickelt. In zwei Bedienszenarien hat er getestet, wie stark die Infotainment-Systeme den Fahrer kognitiv belasten. Lindner kommt zu dem Schluss, dass einzelne Funktionen in den Infotainment-Systemen derzeit von den Herstellern zwar optimiert werden, aber dass das Zusammenspiel Probleme bereitet.

„Die zunehmende Komplexität der Systeme kann den Fahrer letztlich so belasten, dass er das gesamte Fahrzeug als minderwertig empfindet“, erklärt der Wirtschaftsinformatiker Lindner. Und er geht noch einen Schritt weiter: „Die Infotainment-Systeme in Premium-Wagen sind teilweise so gestaltet, dass ihre Bedienung zu lebensgefährlichen Situationen führen kann.“ Wenn beispielsweise der Fahrer auf der Autobahn nicht mehr rechtzeitig auf überraschende Situationen reagieren kann, während er eine Nachricht diktiert.

Dass sich ausführlichere Tests zur „kognitiven Last von Infotainment-Systemen“ lohnen könnten, zeigt eine bereits vor zwei Jahren erschienene Studie der American Automobile Association. Dabei wurde ein „kognitiver Lastindex“ erstellt, der umso höher ist, je mehr geistige Anstrengung vom Fahrer verlangt wird. Die Ablenkung der Fahrer wurde in Simulatoren gemessen. Dabei wurde beobachtet, wie oft der Fahrer ein Licht, das im peripheren Sehbereich eingeschaltet wurde, übersah. Die Studie zeigte die geistige Ablenkung, auch wenn die Augen sich auf das Straßengeschehen konzentrierten.

Demnach lenkt schon eine Unterhaltung mit einem Beifahrer ähnlich stark ab wie das Sprechen mit einer Freisprechanlage. Etwas belastender ist das Sprechen mit einem Handy in der Hand. Einen Text zu diktieren, lenkt den Fahrer vom Fahren aber noch erheblich stärker ab. Rechenaufgaben führten zu einer totalen Überforderung.

Ähnliches dürfte auch für andere Neuentwicklungen gelten. „Wenn man diese Testergebnisse sieht, kann man schlussfolgern, dass die kognitive Belastung bei der Bedienung der neuen Touch-screens im Cockpit die Probleme verstärkt“, sagt Lindner. Denn hier muss der Fahrer auch noch für Sekunden die Augen vom Straßengeschehen und eine Hand vom Lenkrad nehmen, um diese trotz Fahrzeugbewegungen genau auf dem Display zu platzieren. Außerdem muss er dabei den Kontext auf dem Display erkennen.

Lindner fordert: „Es ist höchste Zeit, dass die Hersteller das Thema systematisch angehen. Wenn die gegenwärtigen Infotainment-Systeme Teil des Zulassungsprozederes werden, könnte dies zu massiven Problemen führen.“

Das Problem Infotainment-System betrifft alle Fahrzeughersteller gleichermaßen. Sie gehen damit aber unterschiedlich um: Manche Systeme sind etwa so gestaltet, dass besonders kritische Funktionen vom Fahrer bei einer Geschwindigkeit von 10 km/h und mehr nicht genutzt werden können. Aber, da ist sich Lindner sicher: Auch das gut gemeinte Abschalten von Funktionen könnte zu Irritationen führen.

TÜV-Mann Frank Ramowsky hält das Problem der Ablenkung durch Infotainmentsystemen für „dringlich“. Zumal die Fahrzeuge künftig noch mehr mit Sensorik und damit mit weiteren Datenquellen verbunden würden. Entsprechend erhalte der Fahrer auch immer mehr Informationen. Für Ramowsky steht daher fest: „Das Problem wird zunehmend größer. Je früher es angegangen wird, desto besser.“

 

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