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Donnerstag, 14. September 2017, Ausgabe Nr. 37

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Telemedizin

IT im Gesundheitssektor: mobil, vernetzt und eigensinnig

Von Uwe Sievers | 24. April 2015 | Ausgabe 17

Patienten messen Vitalwerte mit Smartphones, Wearables halten Einzug bei Diagnose und Therapie, Krankenhäuser setzen zunehmend mobile Geräte ein. Die IT im Gesundheitsbereich wird vernetzt und mobil, doch untereinander verstehen sich Geräte und Software oft nicht. Dabei existiert ein internationaler Standard für den Datenaustausch in der Medizin.

x - BU Healthcare
Foto: mauritius images/Alamy

Massen von Fitnessarmbändern, Schritt-zählern und Pulsmessern sind im Markt – aber die wenigsten Hersteller denken an Interoperabilität.

„Eine Welle der Vernetzung rollt auf uns zu“, so Sascha Lobo in seiner Eröffnungsrede zur Connecting Healthcare IT, kurz conhIT, der Branchenmesse für IT im Gesundheitswesen. Der Blogger und Netzkritiker sieht die momentane Situation im Gesundheitsbereich dramatisch: „Wir stehen am Beginn einer Entwicklung, wo Gesundheitsdaten und Vernetzung neue Möglichkeiten eröffnen, von denen keiner weiß, in welche Richtung das gehen wird, aber jeder weiß, dass die Auswirkungen jeden betreffen werden.“

Der HL7-Standard

Bereits heute arbeiten über 5 Mio. Menschen im Gesundheitsbereich, weiß Annette Widmann-Mauz, Staatssekretärin im Bundesgesundheitsministerium. „Letztes Jahr haben wir mehr als 10 % des Bruttoinlandsprodukts für den Gesundheitsbereich ausgegeben“, so die CDU-Politikerin. Sie mahnt: „Die Digitalisierung beginnt den Gesundheitsmarkt nachhaltig zu verändern, aber wir nutzen nur einen Bruchteil der uns gebotenen Chancen.“

Foto: U. Sievers

„Die Digitalisierung beginnt den Gesundheitsmarkt nachhaltig zu verändern, aber wir nutzen nur einen Bruchteil der uns gebotenen Chancen.“ Annette Widmann-Mauz, Staatssekretärin im Bundesgesundheitsministerium.

Die Staatssekretärin gab als Losung aus: „Telemedizin statt Ärztemangel“. Es gebe inzwischen Apps, die helfen, Hautkrebs zu erkennen, oder Sensorpflaster, die vor Herzinfarkten warnen. Der Trend zur Vernetzung mit mobilen Geräten und Apps war überdeutlich auf der conhIT.

Ein Beispiel zeigt die dänische Firma Delta. Mit ihrer ePatch genannten Entwicklung will sie den Markt für Kardiologiegeräte revolutionieren: Langzeit-EKGs sind für Patienten belastend, denn sie werden mit rund einem Dutzend Elektroden über der Brust verkabelt und tragen ein kleines Gerät am Gürtel. Das schränkt die Träger im Alltag ein, so dass ein solches EKG nur selten länger als 24 Stunden läuft.

Beim ePatch klebt der Arzt dem Patienten nur ein Pflaster mit Sensoren auf die Brust, klickt einen Adapter darauf und schon entsteht ein Langzeit-EKG. Das Ganze wiegt nur 16 g. „Mit dem ePatch kann der Patient Duschen, Joggen und seinem normalen Alltag nachgehen“, beschreibt Vagn Rasmussen, Vice President bei Delta. Drei Tage und Nächte speichert der Adapter Herzsignale, bevor der integrierte Speicher voll ist, der dann vom Arzt über einen USB-Anschluss ausgelesen wird.

„Der Arzt erhält dadurch Daten, die er sonst nie zu sehen bekommt“, meint Rasmussen. Besonders bei Menschen mit Herzkammerflimmern oder bei Reha-Maßnahmen nach einem Herzinfarkt habe sich der ePatch bewährt. Mit der in Kürze erscheinenden neuen Gerätegeneration können die Daten – für Analysen während des Tragens – auch drahtlos über Bluetooth ausgelesen werden.

Doch sollen die Daten anschließend mit anderer Software weiterverarbeitet werden, beginnen die Probleme. Viele mobile medizinische Geräte speichern die Daten in einem eigenen proprietären Format. „Unser Gesundheitswesen leidet unter zu vielen Insellösungen“, kritisiert Widmann-Mauz die Produzenten medizinischer IT-Lösungen. „Wir brauchen bessere Interoperabilität, dazu entwickeln wir im ersten Schritt ein Interoperabilitätsverzeichnis“, kündigt sie an.

Ein Mangel an Interoperabilität kennzeichnet laut Ulli Jendrik Koop, Gründer und Vorstand eines Investmentfonds für E-Health-Start-ups, auch zahllose Gesundheits-Apps. „Viele Unternehmen stellen Armbänder zum Schrittezählen her, aber keines denkt an Interoperabilität.“ Diese Armbänder seien zwar medizinisch noch nicht sonderlich relevant, „aber wir haben auch Apps, die Diabetes messen“. An deren Daten müsse der Arzt herankommen. Koop wünscht sich Interoperabilität und einen Dialog zwischen Krankenhäusern, Verbänden und App-Entwicklern.

Frank Oemig, Vorstandsmitglied der HL7-Benutzergruppe, bemängelt: „Bei den Apps macht jeder einfach irgendwas“, denn viele App-Entwickler wüssten nicht, dass es bereits einen Standard für den Austausch medizinischer Daten gebe. HL7 steht für Health Level 7 und bezeichnet eine internationale Standardfamilie für den Austausch von Daten zwischen Krankenhäusern, Apotheken, Laboren und medizinischen Geräten. HL7 sei auch für Apps geeignet, betont Oemig.

Seit zwei Jahren ist HL7 ein offener Standard, jedoch mit hoher Komplexität. Mit etwa 2500 Datenfelder sollen alle möglichen Bereiche abgedeckt werden, von Bildgebungsverfahren, wie Röntgen- oder MRT-Aufnahmen, über Arzneimittelverordnungen bis hin zu Befunden und Arztbriefen oder Abrechnungsdaten.

Doch die Akzeptanz sei ungenügend, bedauert Oemig. Das liege auch an der fehlenden Unterstützung durch das Gesundheitsministerium. Oemig wirft den politischen Gremien mangelnde Kooperationsbereitschaft vor: „Wir bieten permanent den Dialog an, erhalten aber kaum Resonanz.“ In anderen Ländern sei das anders. In den Niederlanden gebe es sogar ein nationales Programm zur Einführung von HL7. 

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