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Donnerstag, 23. März 2017, Ausgabe Nr. 12

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Umwelt

Kaffeerecycling für Zucht von Edelpilzen

Von Susanne Donner | 6. September 2013 | Ausgabe 36

Die Coffee-to-go-Kultur und der Trend zu Kaffeeautomaten eröffnen den Weg zu einer neuen Form des Recyclings. Kaffeesatz lässt Pilze sprießen, eignet sich zur Herstellung von Funktionstextilien und dient in Form von Biokohle der Landwirtschaft. In der Schweiz gibt es bereits einen Rückholservice für Kaffeekapseln auch von privaten Verbrauchern.

Kaffeerecycling für Zucht von Edelpilzen

Rosa und gelbe Seitlinge sprießen im Aufzuchtraum von Chido's mushrooms aus den Kaffeeballen. Gehobene Restaurants profitieren von der urbanen Pilzzucht. Foto: S. Donner

Der Weg zu Chido‘s mushrooms ist etwas unheimlich. An Laderampen eines Einkaufszentrums und Müllcontainern vorbei nähert man sich der Rückseite des Gebäudekomplexes. Eine Stahltür öffnet sich. Hannes Dettmann, Experte für technischen Umweltschutz, bittet eine steile Treppe hinab in einen Betonkeller.

Es riecht nach Kaffee und Pilzen. Der Duft kommt nicht von ungefähr. Die Mitarbeiter von Chido’s mushrooms züchten im Berliner Bezirk Kreuzberg aus Kaffeeabfällen edle Pilze. Im Aufzuchtraum schwimmt die Luft wie in den Tropen. "80 % Luftfeuchtigkeit", sagt Dettmann. Überall sprießen gelbe und rote Seitlinge wie Baumpilze im Wald – hier jedoch aus Kaffeeballen, die vom Mycel ganz weiß geworden sind.

Zehn Eimer Kaffeesatz schickt die Starbucks-Filiale am Brandenburger Tor Tag für Tag. Gratis. Darauf gedeihen jeden Monat 150 kg Austernpilze, Limonen- und Rosaseitlinge. Die Ware liefert Chido‘s an gehobene Hotels und erlesene Restaurants wie das "Vau" von Kolja Kleeberg. "Die Pilze nehmen kein Koffein auf und schmecken auch nicht nach Kaffee", betont Dettmann.

Edle Pilze aus altem Kaffee – das klingt nach einer ziemlich abstrusen Idee. Doch tatsächlich verbreitet sie sich um den ganzen Globus. 1994 beschrieb der chinesische Forscher Shuting Chang, dass auf Kaffeesatz Shiitakepilze bestens sprießen und legte damit den Keim der urbanen Pilzzucht. In San Francisco, Mexico, Sydney und Soul, überall gedeihen mittlerweile in feuchten Kellern die bunten Hüte von Seitling und Co.

8,6 Mio. t Kaffeebohnen produzierten Bauern weltweit im Jahr 2012. Jeder Deutsche trank im Schnitt knapp zwei Tassen täglich. Doch erst der Boom der Coffee-to-go-Kultur und der Kaffeeautomaten, die mit Pads und Kapseln funktionieren, verursacht einen recyclingfähigen Abfallstrom.

Alleine Nestlé, einer der größten Verarbeiter von Kaffee, erzeugt weltweit bei der Herstellung von löslichem Kaffee etwa 3 Mio. t Müll pro Jahr. Derartige Mengen lassen sich leicht kanalisieren. Die neue Trinkkultur begründet damit eine neue Recyclingindustrie.

Professionelle Pilzzuchtbetriebe wie Chido's mushrooms sind nicht die einzigen, die im Kaffeesatz ihre Zukunft sehen. Der Marktführer für Funktionstextilien, Singtex, erzeugt sogar Trikots und Teppiche daraus. Zur Jahrtausendwende allerdings kriselte es im Unternehmen. Nachdenklich saß Firmenchef Jason Chen mit Frau und seinen beiden Söhnen bei Starbucks und trank Kaffee. Einem spontanen Einfall folgend wollte seine Frau den Kaffeesatz mitnehmen, um den Kühlschrank vor unangenehmen Gerüchen zu schützen – ein altes Hausmittel. Der Starbucks-Mitarbeiter händigte Chens Frau das braune Pulver ohne Umschweife gratis aus. Da regte sich Chens Geschäftssinn. Wenn der Kühlschrank damit gut riecht, sollte auch Kleidung mit Kaffee wie frisch gewaschen duften.

Seine Mitarbeiter trockneten den Kaffeesatz und entfernten das Öl, das dem Pulver die braune Farbe verleiht. Das entstehende beigefarbene Pulver vermengten sie mit den Resten von PET-Getränkeflaschen. Aus dieser Mixtur stellen sie Polyester, die wichtigste Synthetikfaser überhaupt, her. Und tatsächlich: Das Garn mit einem Schuss Kaffeepulver trocknet schnell und nimmt nicht den Geruch von Schweiß und Zigarettenqualm an wie andere Synthetikfasern.

Etwa 500 kg Kaffeeabfall liefern die Starbucks-Filialen inzwischen jeden Tag bei Singtex an. Kunden wie Puma, Vaude, Nike, Timberland und Hugo Boss fertigen aus den Funktionstextilien mit 5 % Kaffeesatz Sport- und Outdoorkleidung. Ab 2014 wollen zwei Teppichhersteller, die belgische Domo Group und die amerikanische Interface, Bodenbeläge mit Kaffee anbieten. Das Koffein hält Motten fern, die Löcher in den Stoff fressen.

Mittlerweile ist Kaffeeabfall zum begehrten Rohstoff geworden. Nestlé in der Schweiz geht kuriose Wege, um sogar die Reste beim privaten Verbraucher abzugreifen. Das Unternehmen war in die Schusslinie von Umweltorganisationen geraten, weil seine Kaffeeautomaten nur mit Kaffeekapseln aus Aluminium funktionieren. Das sei "ökologischer Wahnsinn" – kostbares Aluminium als Verpackung, das dann im Restmüll landet und verbrannt wird, kritisierte das deutsche Umweltbundesamt.

Der Konzern reagierte mit dem Programm "Ecolaboration". Zu 75 % soll das Aluminium recycelt werden. Dafür richtete Nestlé in der Schweiz ein Rückgabesystem für Kaffeekapseln ein. "Unter jedem Briefkasten befindet sich eine kleine Klappe, in die man die Kapseln legt. Der Briefträger nimmt diese mit", berichtet die Schweizerin Anja Stubenrauch. 60 % der Kapseln geben die Eidgenossen auf diesem Weg zurück.

Stubenrauch leitet die Schweizer 3R Company, die den Kaffeerest aus den Kapseln zu Briketts für den heimischen Ofen und zum Verfeuern in Fabriken und Zementwerken verarbeitet. Das braune Pulver liefert mehr Wärme als Holz, sagt sie. Und weil es in der Kapsel quasi trocken sei, lohne sich der Energieaufwand, daraus Brennstoff zu pressen. 2011 vertrieb die 3R Company eigenen Angaben zufolge 2000 t Briketts und Pellets. Heute mag Stubenrauch keine Angaben zur Verkaufsmenge machen. Geschäftsgeheimnis. "Die Nachfrage ist sehr groß. Wir bekommen nicht genug Kaffeesatz", deutet sie Versorgungsprobleme an.

"Ein Großteil der Kaffeereste von Nestlé wird inzwischen bei Swiss Biochar in Lausanne angeliefert", weiß Hans-Peter Schmidt, Leiter des Forschungsinstituts Delinat im schweizerischen Arbaz. Seit 2010 betreibt die Firma eine weltweit einzigartige Anlage, die aus dem Kaffeesatz samt etwas Grünschnitt Kohle erzeugt. Dazu wird der Abfall ohne Luft für mehrere Stunden bei 600 °C verschwelt.

Gut 350 t dieses Materials entstehen in Lausanne jedes Jahr. Bauern kaufen es, weil es im Stall ausgestreut den Tiergestank beseitigt und auf Feldern ausgebracht den Humusgehalt erhöht. Die Biokohle eignet sich aber genauso zum Verfeuern in Kraftwerken. Und die Herstellung der Pflanzenkohle funktioniert auch noch, wenn der Abfall schimmelig oder unrein ist. SUSANNE DONNER

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