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Donnerstag, 14. Dezember 2017

Recycling

Kunststoff als Ressource besser nutzen

Von Guido Deussing | 18. Oktober 2013 | Ausgabe 42

Große Granulatsilos vor den Düsseldorfer Messehallen machen deutlich, welche Ressourcen die Kunststoffindustrie benötigt. Deshalb ist rund um die bis zum 23. Oktober laufende Industrieschau "K" der effiziente Umgang mit den Rohstoffen ein zentrales Thema für Kunststoff- und Maschinenhersteller.

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Die Menschen verbrauchen immer mehr Ressourcen. Auf dem Kolloquium "Zukunft Kunststoff-Verwertung 2013" in Duisburg brachte Gerhard Sextl, Direktor des Fraunhofer-Instituts für Silicatforschung (ISC) in Würzburg, die Stimmung der anwesenden Experten Mitte September auf den Punkt: Werde der heutige Verbrauch natürlicher Ressourcen auf das Jahr 2050 hochgerechnet, mit einer geschätzten Weltbevölkerung von mehr als 9 Mrd. Menschen, so werde unsere Erde nicht mehr ausreichen, um den Rohstoffhunger zu befriedigen.

"Schon heute plündern und nutzen wir die natürlichen Rohstoffreserven, als stünden uns zwei Planeten zur Verfügung", verdeutlichte Sextl. Seine Prognose: Machen wir weiter wie bisher, steuert der Mensch auf eine Ressourcenkrise zu, nicht nur in puncto Erdöl, sondern bei nahezu allen Rohstoffen, die für eine moderne Volkswirtschaft überlebenswichtig sind.

Für die Wissenschaftler geht es nun darum, Fakten abzuwägen und Strategien zu entwickeln, die Gegenwart so zu gestalten, dass wir keine Angst vor der Zukunft zu haben brauchen. Unter dem Aspekt der Kunststoffherstellung, die in diesen Tagen auf der Branchenmesse K in Düsseldorf das prägende Thema ist, ist ein Blick auf die fossilen Rohstoffe angebracht.

"Rund 59 % der heutigen fossilen Rohstoffe werden im Straßenverkehr verbrannt, 36 % dienen der Strom- und Wärmegewinnung, etwa 5 % nutzt die chemische Industrie, 1 % bis 2 % fossiler Rohstoffe dienen zur Herstellung von Kunststoffen", bilanzierte Klaus Wittstock von der BASF in Ludwigshafen, in Duisburg.

Der Rohstoff- und Energieeinsatz, schildert Wittstock, mache bei chemischen Grundprodukten in der Regel rund 80 % bis 90 % der Kosten in der chemischen Industrie aus, der Rest entfalle auf Personal- und Anlagenkosten. Um wettbewerbsfähig zu bleiben, habe sein Unternehmen gar keine andere Wahl, als zu optimieren, sprich: Energie und Ressourcen einzusparen, betonte der Verfahrenstechniker und Experte für Ressourceneffizienz und Recycling.

Zudem habe sich die Produktivität der chemischen Industrie, etwa im Falle der Polypropylen-Synthese, drastisch verbessert: Habe die Ausbeute einstmals bei 84 % gelegen, liege sie heute bei rund 99,7 %. "Hier kommt man mit Maßnahmen zur Ressourceneffizienz auch nicht weiter", ist Wittstock überzeugt. Darüber hinaus habe man zum Beispiel am BASF-Standort Ludwigshafen Wege gefunden, etwa durch den Verbund verschiedener Produktionsbetriebe, Synergien zu nutzen. Das bedeutet, dass Wärme und Abfälle, die in einem Betrieb anfallen, in anderen Betrieben als Sekundärrohstoffe eingesetzt würden und zur Einsparung von Primärrohstoffen beitrügen.

Auch in kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) bestehen Potenziale, Ressourcen einzusparen und effizienter zu nutzen, sagte Christof Oberender vom VDI Zentrum Ressourceneffizienz (ZRE) in Berlin. Während es vergleichsweise einfach sei, Energie einzusparen, so der promovierte Maschinenbauingenieur, bereite es KMU häufig Schwierigkeiten, "im Einsatz von Materialien Effizienzpotenziale zu identifizieren und nutzbar zu machen".

Ursächlich sei, dass Fertigungsprozesse meist sehr spezifisch sind und sich bestehende Lösungen nicht ohne Weiteres übertragen ließen. Zudem könnten Veränderungen die Produktqualität beeinflussen, was wiederum Folgen für das Unternehmen habe. An dieser Stelle biete das VDI ZRE interessierten Unternehmen systematische Unterstützung, unterstrich Oberender.

Ressourcen effizient zu nutzen, bedeutet für Oberender dabei auch, die Verwertung eines Produkts am Ende der Wertschöpfungskette ins Augen zu fassen – idealerweise von Anfang an im Sinne eines "Design for Recycling". Wären Unternehmen heute verpflichtet, ihre eigenen Produkte im großen Maßstab zurückzunehmen, hätte das weitreichende, positive Auswirkungen auf deren Recyclingfähigkeit, betonte Oberender. Sinnvoll wäre es auch, würden sich im Fall kurzlebiger Polymerprodukte wie Verpackungsmaterialien deren Hersteller mit Recyclern über die Rezyklierbarkeit des jeweiligen Produkts verständigen.

Insbesondere die deutschen Recyclingunternehmen haben es im internationalen Vergleich "in den letzten 20 Jahren und einer Gesamtinvestition von 30 Mrd. €" zur Weltmeisterschaft gebracht, meint Andreas Bruckschen, Geschäftsführer des Bundesverbands der Deutschen Entsorgungs-, Wasser- und Rohstoffwirtschaft (BDE) in Berlin. Was künftig möglich ist, zeigten Zahlen einer vom BDE beim Institut der Deutschen Wirtschaft in Köln in Auftrag gegebenen Studie zur volkswirtschaftlichen Bedeutung der Entsorgungs- und Rohstoffwirtschaft.

Darauf aufbauend, rechnet der BDE für das Jahr 2015 damit, dass die vornehmlich privaten deutschen Recyclingunternehmen dem hiesigen Markt Sekundärrohstoffe im Wert von 20 Mrd. € zur Verfügung stellen werden. Zum Vergleich: Im Jahr 2010 wurden hierzulande Rohstoffe im Wert von 138 Mrd. € verarbeitet. Ein 100 %iges Recycling werthaltiger Abfälle bedeute der Studie zufolge eine Einsparung von 90 Mrd. € beim Rohstoffimport. Darüber hinaus berge die Zusammenarbeit zwischen der Industrie und der hiesigen Kreislaufwirtschaft weitreichende Potenziale.

Über Deutschland müsse man sich keine Sorgen machen, so Wittstock, mit Blick auf die Erfahrungen der Internationalen Energieagentur (IEA). Im Sinne von "best practice" gelte es, in anderen Ländern ebenfalls 25 % der Kunststoffabfälle stofflich zu recyceln und 75 % energetisch zu verwerten – doch im Ausland würden weltweit nach wie vor Kunststoffabfälle im großen Stil deponiert.

"Die Märkte für hochtechnologische Recyclate sowie deren Einsatz sind begrenzt", zeigte er sich überzeugt. Um diese Märkte zu erschließen, fordert er eine Qualitätsoffensive der Recyclingindustrie. Ein großer Schritt in die richtige Richtung wäre es zudem, würde die Deponierung von Kunststoffen weltweit verboten und verbrauchte Kunststoffe zumindest einer energetischen Verwertung zugeführt. GUIDO DEUSSING

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