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Donnerstag, 10. August 2017, Ausgabe Nr. 32

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Automobil

Lukrativer Kilometerschwindel

Von Peter Trechow | 13. November 2015 | Ausgabe 46

Kilometerstände von Gebrauchtwagen zu manipulieren, ist verboten – aber lukrativ. Das Ausmaß der Betrügereien ist umstritten, zumal sie sich kaum nachweisen lassen. Doch die zunehmende Vernetzung der Fahrzeuge könnte die Transparenz erhöhen.

z - Tacho - BU
Foto: Panthermedia/Paulpaladin

Kein Kavaliersdelikt: Laut Strafgesetzbuch stehen bis zu einem Jahr Haft auf Manipulationen des Kilometerzählers.

Auf „Tachobetrug“ – also das Zurückstellen des Wegstreckenzählers in betrügerischer Absicht – steht im § 22b des Straßenverkehrsgesetzes bis zu ein Jahr Haft. Dagegen ist es erlaubt, den Kilometerstand neu eingebauter, reparierter oder auch ausgebauter Tachos zu justieren.

Anbieter, die diesen Service für Modelle aller Marken anbieten, sind online schnell gefunden. Gleiches gilt für Justiergeräte mit den gängigen Schnittstellen zu Datennetzen moderner Fahrzeuge und stetig aktualisierter Software. Dekra, TÜV Rheinland und ADAC schätzen mit Verweis auf Polizeiangaben, dass hierzulande jeder dritte Gebrauchtwagen mit geschöntem Kilometerstand verkauft wird. Die illegale Wertsteigerung pro Fahrzeug setzt der ADAC bei rund 3000 € an.

„Wir können diese 30 %-Schätzung nicht nachvollziehen“, erklärt dagegen Ansgar Klein, Vorstand des Bundesverbands freier Kfz-Händler (BVfK). Die über 800 im Verband organisierten Händler geben ihren Kunden seit 2005 Tachogarantien. Sie bürgen dafür, weder selbst zu manipulieren noch frühere Manipulationen zu verschweigen und im Fall eines nachträglich festgestellten Betrugs das Fahrzeug bei voller Erstattung des Kaufpreises zurückzunehmen. „Obwohl unsere Händler seit Einführung der Garantie mehr als 2 Mio. Gebrauchtwagen verkauft haben, musste sich unsere Schiedsstelle um weniger als 20 Fälle von Tachomanipulation kümmern“, berichtet Klein.

Auf Nachfrage der VDI nachrichten erläutert man bei Mercedes-Benz, dass man auf ein Bündel Maßnahmen setze, um Kunden zuverlässigen Manipulationsschutz zu bieten. Dazu zähle redundante Speicherung der Laufleistung innerhalb des Fahrzeugs sowie das Erfassen ausgewählter Daten in einem Art Online-Serviceheft namens „Digital Service Booklet“. Darin dokumentiere man seit 2008 jede Wartung samt Kilometerstand, der auch durch eigene Werkstätten nicht mehr geändert werden könne. Dagegen können Servicepartner und registrierte freie Werkstätten die digitale Fahrzeugakte einsehen. Im Verdachtsfall reiche es für Fahrzeugbesitzer und Käufer beim Servicepartner die Wartungshistorie samt Kilometerständen einzusehen.

Solche Datenbanklösungen, in denen Fahrzeughalter oder Werkstätten die Laufleistung dokumentieren, sind umstritten. Denn wo Besitzer fortlaufend oder kurz vor Wartungsterminen den Kilometerstand nach unten korrigieren, wird dieser damit quasi beglaubigt. „Wir wissen aus Belgien und Holland, wo es solche Datenbanken gibt, dass genau das passiert“, sagt BVfK-Vorstand Klein.

Doch was hilft? Das Hamburger Start-up Motory will eine Datenbank etablieren, in der ehrliche Autobesitzer ein digitales Profil ihres Fahrzeugs anlegen und regelmäßig Tankbelege und Kilometerstand mit aktuellem Datum speichern – ohne diese später verändern zu können. Für Betrüger sei das wegen des Aufwands „höchst unattraktiv“, so die Gründer. Fraglich, ob dieser doch erhebliche Aufwand für Autobesitzer wirklich attraktiver ist.

Der Finanzdienstleister Arvato Financial Solutions und ein Konsortium um den Verkehrsclub AvD planen weitere Datenbanken. Wer sich für einen Gebrauchtwagen interessiert, soll mit der Fahrzeug-Identifizierungsnummer dessen Kilometerstandhistorie verifizieren können – gegen Gebühr. Die Daten sollen Prüfgesellschaften, Versicherer und weitere Partner liefern.

Um die Wurzel des Problems anzugehen, müssten Autohersteller sicherstellen, dass der Kilometerstand entweder im Fahrzeug oder in einem Rechenzentrum regelmäßig automatisiert und unwiderruflich gespeichert wird. Die fortschreitende Vernetzung macht solche Lösungen bereits umsetzbar, aber sie erfordert auch neue Ansätze der Zugangskontrolle am Fahrzeug.

Es ist absehbar, dass Updates und Upgrades von Fahrzeugsoftware „over the air“, d. h. über das Mobilfunknetz, erfolgen werden. Schon heute können Servicemitarbeiter Pannen von vernetzten Fahrzeugen per Ferndiagnose analysieren und Störungen aus der Ferne beheben.

Damit stellt sich die Frage, wer welche Fahrzeugdaten einsehen und verändern darf. Mercedes gibt auf Nachfrage an, dass die Kommunikation zwischen Fahrzeug und Außenwelt ausschließlich über die Mercedes-Cloud namens „Daimler Vehicle Backend“ läuft, auf der die neuesten Sicherheitsmechanismen implementiert sind. Auch andere Hersteller setzen auf kryptografische Zugangskontrollen.

So können sie den Kreis derjenigen einengen, die Daten im Fahrzeug verändern dürfen. Auch sogenannte Hardware-Security-Module, die im Fahrzeug als Torwächter dienen, sind im Zuge der Vernetzung auf dem Vormarsch.

All das treibt den Aufwand für Betrüger weiter in die Höhe. Hinter vorgehaltener Hand zweifeln Sicherheitsexperten aus dem Automobilumfeld allerdings daran, dass die Security-Lösungen zur Absicherung vernetzter Fahrzeuge auch den Tachobetrug beenden werden. Tenor: Das Geschäft ist so lukrativ, dass sich immer eine Lösung finden wird, um die nötigen digitalen Schlüssel für den Zugang zur Fahrzeug-IT zu beschaffen.

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