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Donnerstag, 14. Dezember 2017

IT-Sicherheit

Nationales Routing nicht mehr als ein Marketinggag

Von Sven Hansel | 18. Oktober 2013 | Ausgabe 42

Der Vorstoß eines Telekom-Vorstandes für ein nationales Routing entpuppt sich als stumpfes Schwert für mehr E-Mail-Sicherheit. Technische und politische Hürden ließen die Telekom schnell wieder zurückrudern.

Die Deutsche Telekom hatte mit allen wichtigen Geschäftspartnern in Deutschland vereinbaren wollen, dass E-Mails und anderer Informationsaustausch nur noch über Knotenpunkte innerhalb von Deutschland geleitet werden und nicht mehr über Knoten im Ausland.

Im Interview mit der Rheinischen Post wurde Datenschutzvorstand Thomas Kremer wie folgt zitiert: "Internetverkehr kennt keine Grenzen, Daten können um die ganze Welt geleitet werden. Wenn Sender und Empfänger aber in Deutschland sind, wollen wir jetzt erreichen, dass der Internetverkehr auch in Deutschland bleibt."

"Zunächst bezieht sich unser Vorschlag nicht nur auf E-Mails, sondern auf sämtlichen Internetverkehr", so Unternehmenssprecher Philipp Blank. "Die Telekom will sich dafür einsetzen, deutschen Internetverkehr innerhalb der Landesgrenzen zu belassen (‚nationales Routing‘). Im nächsten Schritt könnte diese Lösung auf die Schengen-Länder ausgeweitet werden." Geheimdienste von Ländern außerhalb dieses Bereiches hätten es so viel schwerer, auf diesen Datenverkehr zuzugreifen, so Blank weiter. "Zusätzlich brauchen wir jetzt schnell die europäische Datenschutzverordnung, um einheitliche und hohe Datenschutzstandards zu erreichen."

Bekannte Sicherheitsexperten wie Sebastian Schreiber, Geschäftsführer des Tübinger IT-Sicherheitsberatungsunternehmens Syss, halten diesen Vorstoß für wenig praktikabel. "Das schützt die Bürger nicht vor dem Abfischen ihrer Daten, denn sie wurden in der Vergangenheit ja auch von deutschen Nachrichtendiensten ausspioniert, die diese Daten dann wiederum an die US-amerikanischen Dienste weitergeleitet haben. Von daher sei ‚National Routing‘ der falsche Weg", erläutert Schreiber.

Vielmehr plädiert Schreiber für Verschlüsselung: "Nur dann bekommt man Sicherheit, wenn man die E-Mails selbst verschlüsselt. Denn was nützt es, wenn man nationales Routing anwendet und der Empfänger hat dann einen Google- E-Mail-Account? Gar nichts." Dies gelte, meint der Securityexperte, für alle Angebote, bei denen Daten in den USA landeten, wie bei Facebook, in einer von Amazon gehosteten Cloud, bei Apples iCloud oder bei einem Cloud-Angebot von Microsoft. Fazit für ihn: "E-Mail-Sender und E-Mail-Empfänger müssen ihre E-Mails selbst verschlüsseln und sich nicht auf die Security-Angebote der Provider verlassen."

Das hat offenbar auch die Telekom eingesehen, und ruderte schnell zurück. Ein Telekom-Sprecher: "Für uns ist es sehr ärgerlich, dass wir nach vier Monaten immer noch nicht wissen, in welchem Ausmaß ausländische Geheimdienste deutschen Internet- und Telefonverkehr tatsächlich überwachen. Das Geschäftsmodell unserer Branche und vor allem neue Tätigkeitsfelder wie Cloud-Dienste hängen vom Vertrauen der Kunden in die digitale Welt ab. Und dieses Vertrauen hat stark gelitten."

Wenn es darum ginge, Spionage durch befreundete Staaten einzudämmen, sei vor allem die Politik gefragt. Aber auch Telekommunikationsunternehmen können etwas tun, um die Kommunikation ihrer Kunden sicherer zu machen. Die Kooperation für "E-Mail made in Germany", eine gemeinsame Aktion der Deutschen Telekom, von GMX und Web.de, bei der die Nachrichten verschlüsselt versendet und ausschließlich in deutschen Hochsicherheitsrechenzentren gespeichert werden, ist ein Beispiel dafür. "Das nationale beziehungsweise Schengen-Routing könnte eine weitere Maßnahme sein", sagt Unternehmenssprecher Blank. Das "Schengen-Routing" wird so in Anlehnung an das Schengen-Abkommen genannt, welches die Abschaffung stationärer Grenzkontrollen ermöglichte. Großbritannien, das ebenfalls in Spionagekritik geraten ist, gehört nicht zu den Schengen Ländern. Mit anderen Worten: Erst ein Bündel an Sicherheitsvorkehrungen macht aus heutiger Sicht einen tatsächlichen Schutz aus.

Sogar das Telekom-hauseigene Nachrichtenportal auf T-Online schreibt: "Ob ein nationales E-Mail-Netz tatsächlich realistisch ist, bleibt unter Experten umstritten." Sebastian Schreiber zumindest nennt es "eine tolle Marketing- und PR-Aktion". SVEN HANSEL

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