Passwort vergessen?  |  Anmelden
 |  Passwort vergessen?  |  Anmelden

Donnerstag, 18. Mai 2017, Ausgabe Nr. 20

Donnerstag, 18. Mai 2017, Ausgabe Nr. 20

Umwelt

Nato hilft Ukraine bei Vorhersage radioaktiver Verseuchung

Von Ralph Ahrens | 15. April 2011 | Ausgabe 15

Mit einem ungewöhnlichen Projekt unterstützt die Nato jetzt die Ukraine und Weißrussland dabei, im Falle einer möglichen Katastrophe im Atomkraftwerk Rivne den Transport radioaktiver Elemente im Wassereinzugsgebiet des Prypjat vorherzusagen. Das neue automatische Messsystem kann auch Landwirten helfen, sich besser auf die regelmäßig wiederkehrenden Fluten einzustellen.

Nach der Schneeschmelze stehen Äcker und Felder im Nordwesten der Ukraine und im Süden Weißrusslands regelmäßig unter Wasser. Bäuerin Mariya Mosyuk aus dem ukrainischen Dorf Kopyllya an der Styr, einem Nebenfluss des Prypjat, wartet daher fast immer mit der Aussaat von Kartoffeln und Zuckerrüben bis Ende April. Folgen der Schmelze starke Regenfälle, steht das Land drei Monate und länger unter Wasser – und für die Landwirte bricht ein hartes Jahr an.

Die Fluten lassen sich zurzeit nur ungenau vorhersagen. In der Ukraine lesen Freiwillige die Wasserstände ab und geben sie telefonisch an eine meteorologische Station weiter, wo sie digitalisiert und per E-Mail an ein regionales Zentrum für Hydrometeorologie weitergeleitet werden.

"Dieser Prozess führt zu Ungenauigkeiten und Zeitverzögerungen", erklärte Hydrologe Alexei Yaroshevich vom unabhängigen Ukrainischen Ökologie- und Wasserinstitut (UCEWP) in Kiew. Ideal wäre, Wasserstände kontinuierlich zu messen und Daten online weiterzugeben. "Wir könnten dann zeitgleich mit dem Wasserstrom verlässliche Prognosen erstellen", so der Hydrologe.

Yaroshevichs Wunsch ging ein Stück weit schon in Erfüllung. Am 18. Februar traf er auf einer Styr-Brücke in Lutsk, der Hauptstadt des ukrainischen Bezirks Volyn, Susanne Michaelis, Umweltmanagerin der Abteilung "Neue Sicherheitsherausforderungen" des Nordatlantischen Verteidigungsbündnisses (Nato). Gemeinsam weihten sie die erste automatische Wassermessstation der Ukraine nördlich der Karpaten ein.

Unterhalb der Brücke strömen rund 40 m³ Wasser pro Sekunde. Im Frühjahr zur Zeit der Schneeschmelze sind es gut doppelt so viel. Kommen Regenfälle hinzu, können es 200 m³/s sein. 1976 wurden einmal sogar 900 m³/s gemessen.

Der neue Messkasten enthält Sensoren, die den Wasserstand und die Luft- und Wassertemperatur mehrmals täglich – und bei Hochwasser auch mehrmals stündlich – digital messen. Die Daten gehen automatisch ans Zentrum für Hydrometeorologie in Lutsk, das sie ans nationale Ukrainische Hydrometeorologische Institut (UHMI) in Kiew weiterleitet. Die Messdaten sollen zudem auch bald im Internet unter http://volyngmc.dyndns-office.com/index_en.html für jedermann nachlesbar sein.

Die Nato hat diese Messstation sowie eine in Weißrussland, wo die Styr in den Prypjat mündet, ebenso finanziert wie auch die Aufrüstung von Datenzentren in der Ukraine und in Weißrussland mit Computern und Software. Drei weitere Messstationen sollen in den nächsten zwölf Monaten hinzukommen. Das Projekt kostet das "Science for Peace and Security Programme" der Nato inklusive der Ausbildung von heimischen Fachleuten rund 370 000 €.

Die Nato hat dabei aber weniger eine bessere Hochwasserwarnung für Landwirte im Sinn, sie schaut vielmehr besorgt auf die vier Atommeiler am Styr im ukrainischen Bezirk Rivne. "Die staatlichen Wasserämter sollten wissen, wie viel Wasser die Flüsse Styr und Prypjat herunterfließt, um für einen atomaren Unfall im Nordwesten der Ukraine gerüstet zu sein", erklärte Michaelis.

Möglicherweise sorgt sich die Nato zu Recht. Das Freiburger Öko-Institut hatte sich den Kraftwerksstandort im Bezirk Rivne bereits 1998 im Auftrag von Greenpeace genauer angeschaut. Das Institut betont, dass die Blöcke auf porösem Grund stehen. Weil die Meiler rund 11 Mio. m³ Kühlwasser aus Brunnen beziehen, warnt das Institut, der Spiegel des Grundwassers könne absinken und die Standfestigkeit gefährden.

Den Großteil des Kühlwassers – knapp 70 Mio m³ – holen sie sich aber aus dem Styr. "Wie die Reaktorkastastrophe in Japan wieder gezeigt hat, ist die Kühlung ein wichtiger Faktor", sagte Michaelis. Es müsse einerseits immer genug kühles Wasser vorhanden sein, andererseits dürfe das Flusswasser das AKW nicht überfluten. "Ist frühzeitig bekannt, dass es zu viel, zu wenig oder zu warmes Flusswasser gibt, kann man rechtzeitig Maßnahmen ergreifen", so die Expertin.

Das Nato-Projekt kann den Menschen helfen, die im Wassereinzugsgebiet des Prypjat leben. Dieser entspringt im Westen der Ukraine, fließt über Weißrussland gen Osten und mündet nach 775 km unterhalb des alten Kernkraftwerks Tschernobyl in den Kiewer Stausee und damit in den Dnjpr, der durch Kiew fließt. Die ganze Region leidet vor allem im Frühjahr regelmäßig unter Hochwasser.

Für genauere Vorhersagen für Landwirte und Bewohner seien entlang des Prypjat rund 70 automatische Stationen nötig, schätzt Yarosevisch. Die wird die Nato zwar nicht finanzieren wollen, so Michaelis, "aber wir verstehen unser Projekt als Anschubfinanzierung".

Das hätte auch Vorteile für Kiew. Manche Fluten des Prypjat bringen erhöhte Strahlungen in die Hauptstadt, "die bisher zum Glück als gesundheitlich unbedenklich galten", sagte Umweltmanagerin Michaelis. Doch ist mehr über die Wasserfluten bekannt, kann man auch den Transport radioaktiv verseuchter Sedimente aus dem Flussbett im Gebiet des Tschernobylreaktors besser vorhersagen – und den Kiewern etwa empfehlen, einige Tage lang nicht zu baden.

 RALPH AHRENS

www.nato.int/science

stellenangebote

mehr